Pflegeheim Suurhusen Kindheit zwischen Bomben, Flucht und erster Sommerliebe
Bomben, Flucht, Hunger – und trotzdem Freude: Zwei Frauen aus dem Pflegeheim Concordia in Suurhusen erzählen, wie sie als Mädchen die Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebten.
Suurhusen/Emden - Die Väter waren im Krieg, ganze Städte zerbombt und Familien voneinander getrennt. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren aufzuwachsen war nicht leicht. Und trotzdem haben Margot Engelhardt und Gerda Heinen, 88 und 86 Jahre alt, durchaus auch positive Erinnerungen an die Sommer ihrer Kindheit. Die beiden leben im Wohnpark Concordia in Suurhusen und haben sich für diese Zeitung zurückerinnert.
Margot Engelhardt wurde 1937 in Duisburg geboren. Die ersten zehn Jahre ihres Lebens wuchs sie quasi ohne Vater auf, da dieser bereits 1939 als Soldat in den Krieg musste und erst 1948 aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Mit ihren drei Geschwistern Dieter, Max, Doris und ihrer Mutter lebte sie bei Kriegsbeginn zunächst in einer kleinen Wohnung in der Stadt, ehe die Familie 1942 wegen zunehmender Bombardierungen des Ruhrgebiets auf das Land nach Baden-Württemberg floh. Ihre Mutter sei „in höchster Not“ gewesen, aber trotzdem eine „hoffnungsvolle Optimistin“, sagt die 88-Jährige. Sie habe immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen.
Flucht auf das Land und neue Freundschaften
An das Leben auf dem Dorf kann sich Margot Engelhardt noch sehr gut erinnern. „Wir waren ja nur 1942 bis 1945 da, aber es haben sich trotzdem sehr viele Freundschaften ergeben“, sagt sie. „Ich kenne sie alle noch aus dem Dorf.“ Zu einigen von ihnen und deren Nachkommen hält sie heute noch Kontakt.
Als wissbegieriges Mädchen liebte sie es, zur Schule zu gehen. Wegen schwerer Neurodermitis, für die es in den Kriegsjahren aber kaum Behandlung gab, konnte sie zwar manchmal mit ihren verbundenen Händen nicht schreiben, setzte sich aber trotzdem in den Unterricht, um zuzuhören. Weil es kaum Verbände gab, schnitt ihre Mutter ihr alte Wehrmachtssocken zurecht, um die wunden Hände abzubinden.
In den Sommern lernte sie mit ihren Geschwistern schwimmen. Der Kocher, ein Nebenfluss des Neckar, führte durch das Dorf, in dem sie lebten, und auf der anderen Uferseite stand ein Apfelbaum mit reichlich Früchten. Ihre älteren Brüder hätten ihr gesagt, wenn sie auch welche essen wollte, müsse sie wohl schwimmen lernen.
Erste große Liebe zu amerikanischem Soldaten
Als der Krieg im Mai 1945 endete, kamen amerikanische Soldaten in das Dorf. „Wir mussten dann für zwei Tage in einen Weinkeller, den Geruch werde ich nie vergessen“, sagt Margot Engelhardt. Wenige Tage später saß sie auf der Straße und beobachtete das Treiben, als plötzlich ein schwarzer Amerikaner auf sie zukam und sie hochhob. „Der hat mich plötzlich hochgehoben und weggetragen. Ich hatte natürlich total Angst und fing an zu schreien.“ Einen schwarzen Menschen hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen. „Er trug mich dann zu einer Krankenstation und sagte: ‚Ich helfe‘.“
Der Soldat wechselte ihre Verbände an den Händen, gab ihr eine große Tube mit Salbe sowie weitere Wechselverbände. In den folgenden Wochen freundeten sich Margot Engelhardt, die damals noch Brinkmann mit Nachnamen hieß, und der Soldat Hertie an. Seinen Nachnamen hat sie leider nie erfahren. „Wir sind richtige Freunde geworden und er passte auf mich auf. Im Sommer sind wir sogar schwimmen gewesen und ich durfte mich an seinem Rücken festhalten.“
Als die Soldaten abgezogen wurden, sei sie ihrem Freund noch einmal auf den Arm gesprungen und musste weinen. „Er sagte dann ‚Du musst jetzt nach Hause gehen‘“, sagt Margot Engelhardt sichtlich berührt. „Das war meine erste große Liebe.“
Das Beste aus der Situation gemacht
Als sie wieder nach Duisburg kamen, bezog die Familie ein altes Bergmannshäuschen in der Blütenstraße. Ihre Mutter hatte auch hier versucht, das Beste aus der Situation herauszuholen. „Es gab keinen Fernseher, deshalb haben wir den ganzen Tag auf der Straße gespielt“, sagt Margot Engelhardt. Weil in der Nähe ein Kohlelager war, seien sie und ihre Geschwister immer pechschwarz nach Hause gekommen. „Meine Mutter hat uns abends immer schrubben müssen.“
Generell sei sie ihrer Mutter sehr dankbar. „Was die ganzen Mütter in dieser Zeit geleistet haben, ist unglaublich“, sagt sie. Mit ihrem Optimismus habe sie die ganze Nachbarschaft angesteckt. „Bei uns wurde immer ganz viel gesungen, obwohl meine Mutter überhaupt nicht singen konnte. Die Nachbarskinder kamen dann immer hinzu.“ In den Sommermonaten saßen sie dann gemeinsam draußen in der Gartenlaube. „Das sind schon sehr fröhliche Erinnerungen.“
Liebespaare im Schwanenteich beobachtet
Auch Gerda Heinen hat trotz des Krieges viele positive Erinnerungen an die Sommermonate ihrer Kindheit. Sie ist im Emder Stadtzentrum aufgewachsen und ihr Vater musste ebenfalls als Soldat an die Front. Als junges Mädchen musste sie miterleben, wie Emden am 6. September 1944 zerbombt wurde, und kann sich noch daran erinnern, Leichen gesehen zu haben, als sie den Bunker verließ. „Das werde ich wohl nie vergessen“, sagt sie. Als sie und ihre Mutter Emden verlassen mussten, kamen die beiden zunächst in Moordorf und dann im Odenwald unter.
Nach dem Krieg waren auch in Emden Amerikaner stationiert. Diese hätten sich in ihrer Freizeit oft am Schwanenteich aufgehalten und den Kindern auch mal Schokolade zugesteckt. Am Schwanenteich, da beobachteten die Kinder zudem gerne Liebespaare auf den Parkbänken und kletterten für den besseren Blick sogar auf die Bäume. Gerda Heinen hofft wegen all der Erinnerungen, dabei sein zu dürfen, sollte der Schwanenteich endlich saniert werden.
Vater kam erst 1950 aus Gefangenschaft zurück
Zur Schule ging Gerda Heinen, geborene Peters, damals nach Borssum, weil die Herrentorschule als Lazarett diente. „Wir haben uns immer an der Petkumer Straße getroffen und dann zogen wir los und machten natürlich auch dummes Zeug“, sagt die 86-Jährige. „Was haben wir immer Johannisbeeren und Stachelbeeren von den Büschen abgeklaut.“ Ganz besonders toll sei es gewesen, wenn ihre Mutter sie mal mit dem Fahrrad von der Schule abholte und sie auf dem Gepäckträger mitfahren durfte. Auch der Gemüsehändler nahm sie manchmal mit, dann saßen die Kinder in dem Transporter auf den Kohlköpfen.
Ihr Vater sei als russischer Kriegsgefangener erst 1950 aus dem Krieg wiedergekommen. „Da stand plötzlich ein fremder Mann vor der Tür und meine Oma dachte, es wäre ein Bettler.“ Auch ihre Eltern hätten versucht, ihrer einzigen Tochter möglichst viel zu bieten. Ihre Mutter war Schneiderin und nähte ihr Kleider aus allem, was so übrig war – nach dem Krieg sogar aus einer zerschnittenen Hakenkreuz-Fahne.
Schwimmen lernte sie damals im Van-Ameren-Bad. „Meine Lehrerin hat mich einfach ins Wasser geschmissen“, sagt Gerda Heinen. Als Teenager sei sie mit ihren Freundinnen dann lieber im Kanal geschwommen, zum Beispiel in Wolthusen an der Hohen Brücke bei der Liebesinsel, die ihrem Namen voll gerecht geworden sei. „Das war wirklich eine Liebesinsel. Die Jungs haben die Mädchen immer dorthin gebracht“, sagt Gerda Heinen. „Das war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben.“