Hannover Sind Sie eigentlich auch privat ein Fan von True Crime, Rudi Cerne?
Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ könne noch 20 Jahre laufen, ist ihr Moderator Rudi Cerne überzeugt. Aber wird es ihm selbst nach zehn Jahren nicht langsam langweilig?
Seit fast 30 Jahren arbeitet Rudi Cerne nun beim ZDF, mehr als die Hälfte davon moderiert der 66-Jährige schon die Kultsendung „Aktenzeichen XY“. Warum das Format für ihn das Original ist und welche True-Crime-Formate er selbst schaut, erklärt der ehemalige Eiskunstläufer im Interview mit einer Metapher aus seinem ehemaligen Sport.
Frage: Herr Cerne, Sie geben ja fast so oft selbst Interviews, wie Sie welche führen. Welche Rolle gefällt Ihnen eigentlich besser?
Antwort: Das ist eine gute Frage. Weder noch. Die Balance stimmt zu 100 Prozent.
Frage: Warum fragen Sie denn gerne und warum reden Sie offenbar auch gerne über sich?
Antwort: Tatsächlich rede ich über mich gar nicht so gerne, aber natürlich über die Sendung. Und da rückt der Moderator automatisch auch in den Fokus. Ich versperre mich grundsätzlich nicht. Wer mich fragt, bekommt Antwort. Es ist ja auch immer wieder eine Herausforderung, auf Fragen zu antworten. Aber ich habe nichts zu verbergen. Boris Becker, den ich ja auch oft interviewt habe, hat zu mir mal gesagt: „Du kannst mich fragen, was du willst. Alle Fragen sind schon gestellt worden.“ Eine entwaffnende Antwort.
Frage: Fehlt es Ihnen trotzdem ein bisschen, Sportler zu interviewen?
Antwort: Nein. Hin und wieder bin ich ja noch für den Sport im Einsatz, das macht Spaß. Ich pendle also nach wie vor zwischen Sport und Mord. Und dann schaue ich, was das Leben an Überraschungen für mich noch bereithält. Ich bin ja noch jung. (lacht)
Frage: Wird Aktenzeichen XY denn irgendwann langweilig?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, die Herausforderungen werden immer größer.
Frage: Ist nicht irgendwann jede Art Verbrechen erzählt?
Antwort: Es geht ja nicht darum, eine schreckliche Geschichte zu erzählen. Wir bilden die Realität ab und die ist bei „Aktenzeichen XY“ leider grausam. Ich habe gedacht, dass ich schon alles an Straftaten erlebt habe. Aber es kommt immer wieder eine neue Entwicklung. Die Kriminalität erreicht immer neue Dimensionen. Das ist oft beängstigend.
Frage: Wahrscheinlich wissen Sie am allerbesten, wie man das perfekte Verbrechen begeht?
Antwort: Das glaube ich nicht. Es gibt nicht den perfekten Mord. Die Aufklärungsquote liegt bei über 90 Prozent. Die meisten Tötungsdelikte oder Morde sind Beziehungstaten und werden aufgeklärt, oft erst Jahre später. Es entstehen mehr und mehr Dienststellen für Altfälle, sogenannte Cold Cases. So konnte Dank „Aktenzeichen XY“ im vergangenen Jahr der Kölner Karnevalsmord an der 24-jährigen Petra Nohl geklärt werden. 36 Jahre nach der Tat meldete sich nach der Ausstrahlung ein Mitwisser und sagte, dass er sein Gewissen erleichtern wolle. Er gab den entscheidenden Hinweis. Der Täter konnte, auch durch DNA Spuren, überführt werden und ist inzwischen zu lebenslanger Haft rechtskräftig verurteilt worden.
Frage: Sind Ihnen noch viele Fälle im Gedächtnis oder rauschen die so durch?
Antwort: Manche Fälle sind mir noch immer sehr präsent. Die achtjährige Levke Straßheim, die 2004 missbraucht und ermordet wurde, zum Beispiel. Da kam die Polizei mit einem gewieften Trick zu uns, den ich aber nicht weiter ausführen möchte. Am Ende konnte auch in diesem Fall der Täter überführt werden. Sehr gegenwärtig ist mir auch der Mord an Kirsten Sahling, eine 39-jährige Psychologin aus Berlin, die 2009 im Spandauer Forst Opfer eines Messerstechers wurde. Leider konnte der Mörder nie gefasst werden. Aber auch viele andere Fälle werde ich nie vergessen. Überhaupt, True Crime ist ja gerade allgegenwärtig.
Frage: Manchmal bekommt man das Gefühl, es gibt kaum noch große Kriminalfälle in Deutschland, die noch nicht in Dokus, Büchern oder Filmen erzählt wurden ...
Antwort: Angebot und Nachfrage. Wenn man anhand der Zuschauerzahlen und der Einschaltquote sieht, dass das ankommt, warum nicht? Grundsätzlich hat unsere Sendung eine Relevanz, eine Bedeutung. Der Bildschirm wird zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt und der Zuschauer hat die Möglichkeit bei der Aufklärung einer Straftat mitzuhelfen. Interaktives Fernsehen par excellence. Und wenn es dann tatsächlich gelingt, eine Straftat aufzuklären, ist das doch klasse. Jedes True Crime Format ist im Prinzip auch Werbung für „Aktenzeichen XY“.
Frage: Also ist „Aktenzeichen XY“ noch lange nicht auserzählt und kann noch 20 Jahre laufen?
Antwort: Mindestens. Die Realität, das Verbrechen, lässt sich schließlich nicht abschaffen. Und dadurch ergebe sich die Drehbücher für unsere Filme. Drehbücher werden durchs Leben geschrieben.
Frage: Wer schreibt denn wirklich die Drehbücher?
Antwort: Ein sehr kompetentes Redaktionsteam. Eine Redakteurin oder Redakteur kümmert sich um einen Fall und recherchiert zusammen mit den Ermittlern. Anhand der Fallakte wird ein Drehbuch für einen Film erstellt. Schauspieler werden besetzt und dann wird gedreht, meist im Raum München.
Frage: Während das Fernsehen insgesamt Zuschauer verliert, sind die Einschaltquoten bei „Aktenzeichen XY“ hervorragend. Was glauben Sie, warum?
Antwort: Ich glaube, es passt alles sehr gut zusammen. Der Sinn der Sendung, die dramatischen Fälle, die Regiekolleginnen und Kollegen, Schauspieler, das Studio. In meiner Zeit als Eiskunstläufer hat es auch lange gedauert, bis ich mal das richtige Format für eine Kür gefunden hatte. Bis Sprünge, Choreografie, Musik und Technik mal auf einen Nenner gebracht werden, ist es ein langer Weg. Und wenn man mit seinem ganz eigenen Stil einen Trend setzt und der Funke überspringt und das Publikum die Leistung anerkennt, dann ist es ideal. Insofern war Eduard Zimmermann mit seiner genialen Idee für „Aktenzeichen XY“ ein großartiger Trendsetter.
Frage: Und jetzt machen alle „Aktenzeichen XY“ nach?
Antwort: „Aktenzeichen XY“ ist nicht entstanden, weil die Zuschauer gesagt haben: Wir wollen eine Sendung im Fernsehen, die wahre Verbrechen zeigt. Auf die Idee ist ja niemand gekommen. Außer eben Eduard Zimmermann. Der Trend kommt immer von einer einzelnen Person und geht dann auf die Allgemeinheit über. Aktenzeichen ist nun mal das Original gewesen. Und viele versuchen sich jetzt daran auch.
Frage: Erfolgreich?
Antwort: Mal mehr, mal weniger. Ich schaue auf unsere Sendung, nicht nach links und nicht nach rechts und lasse mich nicht ablenken. Wie in meiner Zeit als Sportler, da strebst du auch danach, dass du mit Deiner Kür die Menschen fesseln kannst. Bei Aktenzeichen geht es ja darum, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erreichen. Wir kennen es ja, dass man nebenbei noch am Handy rumdaddelt. Aber wenn man es schafft, dass die Zuschauer wirklich dranbleiben, hat man gewonnen. Und ich glaube, das schaffen wir ganz gut, immer im Sinne der Verbrechensbekämpfung.
Frage: Sind Sie eigentlich auch privat True Crime-Fan oder ist das nur der Job?
Antwort: Ich will einen Overkill vermeiden, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ich lese gerne Kriminalromane. Mein Lieblingsautor ist Robin Cook, ein Arzt aus den USA. Er schreibt in einer Mischung aus Fiktion und Sciencefiction, aber mit großer Nähe zur Realität. Lange vor Corona brachte er einen Roman auf dem Markt mit dem Titel „Pandemic“.
Frage: Finden Sie es nicht unbefriedigend, dass viele Fälle bei Aktenzeichen XY am Ende nicht aufgelöst werden können?
Antwort: Manchmal schon. Wie zuletzt im Fall einer Vergewaltigung. Und man weiß, Vergewaltiger sind meistens Wiederholungstäter. Mit anderen Worten, da läuft noch ein Täter frei herum und es kann sein, dass er wieder zuschlägt. Aber wir können eben auch immer wieder entscheidend helfen. Und das, finde ich, ist dann wieder so ein erhebendes Gefühl im Rahmen unserer Sendung.
Hinweis: Die nächste Folge von „Aktenzeichen XY ...ungelöst“ läuft am 20. August um 20:15 Uhr im ZDF.