Zürich  Vorbild für die Männer: Sind die DFB-Frauen „Spaniens Kryptonit“ im EM-Halbfinale?

Frank Hellmann
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Von Frank Hellmann
| 22.07.2025 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Frankreich gibt es bei den DFB-Frauen kein halten mehr: Sjoeke Nüsken ist die Erleichterung und Freude nach dem Elfmeter-Krimi sichtlich anzusehen. Foto: AFP/SEBASTIEN BOZON
Nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Frankreich gibt es bei den DFB-Frauen kein halten mehr: Sjoeke Nüsken ist die Erleichterung und Freude nach dem Elfmeter-Krimi sichtlich anzusehen. Foto: AFP/SEBASTIEN BOZON
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Die DFB-Frauen werden zum Vorbild für den deutschen Fußball, gerade deswegen ist die Ehrfurcht des Weltmeisters Spanien vor dem Halbfinale gegen den achtfachen Europameister so gewaltig – doch der Respekt beruht auf Gegenseitigkeit.

Vor dem nächsten Härtetest im Halbfinale gegen Spanien in Zürich (Mittwoch 21 Uhr/ARD) könnte der gegenseitige Respekt größer kaum sein. Die DFB-Frauen sind die „bestia negra“ (schwarze Bestie) für „La Furia Roja“. Wenn der Weltmeister einen Spaßverderber fürchtet, dann den achtfachen Europameister. Für Weltfußballerinnen wie Aitana Bonmati und Alexia Putellas seien die Deutschen so etwas wie ein mythischer Unhold, schrieb die Zeitung „As“.  Und „Marca“ meinte, diese typische Turniermannschaft sei noch immer „Spaniens Kryptonit.“

Die Spanierinnen haben sowohl das Spiel um Bronze bei den Olympischen Spielen 2024 (0:1), das EM-Gruppenspiel 2022 (0:2) oder das WM-Gruppenspiel 2019 (0:1) verloren – und in acht Duellen noch nie gewonnen. Die Muster waren immer dieselben: Der Ballbesitz verlief sich irgendwann ins Leere, weil der Widerpart jeden Raum zulief und keinen Zweikampf scheute.

Gleichwohl gerät auch auf deutscher Seite die Verbeugung tief. Die „ungeheure Passqualität“ sei gepaart mit „einer gewissen Abgezocktheit“, erklärte Sportdirektorin Nia Künzer. Basis bildet die Nachwuchsarbeit: Sieben Mal, zuletzt viermal in Folge holten die spanischen U-19-Juniorinnen den EM-Titel. Die „Seleccion Espanola Femenina“ bildet die Benchmark, steht zwar erst das zweite Mal seit 1997 wieder unter den letzten Vier einer EM, aber ihr Kombinationen laufen noch flotter als bei der WM 2023, als ein unsägliche Kuss von Ex-Verbandsboss Luis Rubiales den Sport in den Hintergrund verdrängte.

Künzer gab sich dennoch ziemlich zuversichtlich, dass Janina Minge, Jule Brand oder neuerdings Sophia Kleinherne „in die Köpfe“ eines favorisierten Teams gelangen: „Wir können die Spanierinnen packen.“ Der Wille kann in der Schweiz Berge versetzen. „Unter den besten Vier Europas zu sein“, sagte die Weltmeisterin von 2003, „ist die Bestätigung des Weges.“

Die 45-Jährige hatte ihren Job im Regierungspräsidium Gießen aufgegeben, um die DFB-Frauen zurück in die Erfolgsspur zu führen. Das Team steckt gerade alle Rückschläge weg wie ein Boxer, der auch nach Kopftreffern nicht umfällt. Es habe sich mittlerweile herumgesprochen, „wie unangenehm wir zu bespielen sind“ – und „die Defensivlust“ soll nun auch im Stadion Letzigrund vor der Haustür des Basecamps zur Aufführung kommen. Der Reisetag entfällt damit.

Die sogar von Bundeskanzler Friedrich Merz beklatschte Auferstehung der deutschen Tugenden fällt in eine Phase, wo der frühere Sportdirektor Matthias Sammer eine Generalabrechnung vornahm. Klar, seine Schelte war auf die Männer gemünzt, aber wenn die Frauen beim wichtigsten Turnier des Sommers das Gegenteil beweisen, hilft das ungemein. Dem Verband, den Vereinen – und natürlich den Spielerinnen, die noch zwei Schritte bis zu ihrem erklärten Ziel gehen müssen. 

Man sei inzwischen geübt darin, befand Künzer, auf „Ausfälle, Verletzungen, Rote Karten“ zu reagieren – und jede Lücke zu kompensieren. Jetzt können Kapitänin Giulia Gwinn (Innenbandverletzung im Knie), Sarai Linder (Kapsel-Band-Verletzung am Sprunggelenk), Kathrin Hendrich (Rotsperre) und Sjoeke Nüsken (Gelbsperre) nicht mitmachen. Am schwierigsten ist es, die zur Vize-Kapitänin aufgerückte und mit viel Verantwortungsbewusstsein ausgestattete Nüsken im Mittelfeld zu ersetzen. Trotzdem ist die Zuversicht groß, nach dem epischen Viertelfinaldrama gegen Frankreich (6:5 im Elfmeterschießen), noch einmal beste Abendunterhaltung anzubieten.

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