Sydney Seit 25 Jahren sucht Australien eine Leiche: Fall des Outback-Mörders wird zum Cold Case
Einer der berüchtigsten Kriminalfälle Australiens findet sein Ende: Bradley Murdoch, der Mörder des britischen Touristen Peter Falconio, ist gestorben. Der 67-Jährige nahm das Geheimnis um den Verbleib der Leiche mit ins Grab – ein Fall, der seit fast 25 Jahren internationale Schlagzeilen macht.
Der berüchtigte australische Outback-Mörder Bradley Murdoch ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Der Australier starb in der Nacht zum Mittwoch in der Palliativstation des Alice Springs Hospital im Northern Territory, wo er wegen Kehlkopfkrebs behandelt wurde. Mit seinem Tod nimmt Murdoch das Geheimnis um den Verbleib der Leiche seines Opfers, des britischen Rucksacktouristen Peter Falconio, mit ins Grab.
Murdoch verbüßte eine lebenslange Haftstrafe für den Mord an dem 28-jährigen Briten, der am 14. Juli 2001 nahe der abgelegenen Kleinstadt Barrow Creek im Northern Territory getötet wurde. Trotz jahrzehntelanger Ermittlungen und Verhöre weigerte sich Murdoch bis zu seinem Tod, den Aufenthaltsort von Falconios Überresten preiszugeben. „Es ist enttäuschend für die Familie Falconio, dass dieser Fall ungelöst bleibt und sie immer noch nicht den Abschluss haben, den sie verdienen“, erklärte die Chief Minister des Northern Territory, Lia Finocchiaro. Die Eltern Falconios warten auch 24 Jahre nach dem Verschwinden ihres Sohnes noch immer auf Antworten.
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Das Verbrechen ereignete sich in einer der entlegensten Gegenden Australiens. Peter Falconio und seine Freundin Joanne Lees befanden sich auf einer Rucksacktour durch das australische Outback. Der Tatort liegt im Northern Territory, einem riesigen Gebiet im Norden Australiens, das fast viermal so groß wie Deutschland ist, jedoch nur rund 250.000 Einwohner zählt. Die Distanzen sind für europäische Verhältnisse gigantisch: Handyempfang, Tankstellen oder Notrufsäulen sind oft Hunderte von Kilometern entfernt.
An jenem Juliabend 2001 fuhren die beiden Briten in ihrem Kombi-Van auf dem Stuart Highway, der Hauptverbindungsstraße zwischen Adelaide und Darwin, etwa zehn Kilometer nördlich von Barrow Creek. Der winzige Ort, der nur etwa ein Dutzend Bewohner zählt, liegt mitten im Roten Zentrum Australiens – die nächste größere Stadt Alice Springs ist rund 300 Kilometer entfernt. Gegen 19:15 Uhr signalisierte ihnen ein Mann in einem Pick-up-Truck, anzuhalten. Es war der damals 43-jährige Bradley Murdoch, ein Gelegenheitsarbeiter und Drogenschmuggler aus Westaustralien.
Als Falconio ausstieg, um mit dem Fremden zu sprechen, fiel ein Schuss. Murdoch überwältigte anschließend Joanne Lees, fesselte ihre Hände mit Kabelbindern und Klebeband und zwang sie in sein Fahrzeug. Lees hatte jedoch Glück im Unglück. In einem Moment der Unaufmerksamkeit gelang es der jungen Frau, in das dichte Buschland zu fliehen und sich stundenlang zu verstecken, bis Murdoch die Verfolgung aufgab. Peter Falconio wurde nie wieder gesehen, seine Überreste sind bis heute verschollen.
Sein mysteriöser Tod löste internationale Medienaufmerksamkeit aus und inspirierte später den australischen Horrorfilm „Wolf Creek“. „Der Mord an Peter Falconio ist eine der faszinierendsten Geschichten, über die ich berichtet habe“, sagte der britische Journalist und Buchautor Roger Maynard, der den Prozess beobachtete und das Buch „Where’s Peter? Unraveling The Falconio Mystery“ veröffentlichte. Anders als bei den ebenfalls aufsehenerregenden Morden an Rucksacktouristen und -touristinnen im Osten des Landes in den 1980er und 1990ern, bei denen die Schuld des Mörders eindeutig gewesen sei, „fehlten in Falconios Fall Leiche und Motiv, sodass viele Fragen unbeantwortet blieben“, so Maynard.
Zunächst fiel der Verdacht sogar auf Joanne Lees, die öffentlich um Fassung rang und deren Aussagen von manchen Medien angezweifelt wurden. Erst später konnte Murdoch anhand von DNA-Spuren überführt werden. Maynard erinnert sich auch an die Familie des Opfers und eine weitere unbestätigte Theorie im Fall Falconio: „Ich lernte Falconios Familie während des Prozesses kennen. Sie waren am Boden zerstört und konnten nicht glauben, dass Peter seinen Tod vorgetäuscht hatte, was manche Leute glauben.“ Noch heute gebe es Spekulationen über sein Schicksal, „doch es ist schwierig, irgendwelche Theorien zu beweisen“.
Erst im Juni dieses Jahres hatte die Polizei des Northern Territory die Belohnung für Informationen über Falconios Verbleib von 250.000 auf 500.000 australische Dollar (etwa 280.000 Euro) verdoppelt. Es war bereits der dritte Anlauf der Behörden – zuvor hatten sie schon zum 15. und 20. Jahrestag von Falconios Verschwinden an die Öffentlichkeit appelliert, alles bislang ohne Erfolg. Im Juni hoffte die Polizei noch, dass der nahende Tod Murdoch oder andere Personen dazu bewegen könnte, endlich zu sprechen. „Vielleicht hat er jemandem etwas anvertraut – einem Freund, einem Familienmitglied“, spekulierte der Polizeibeamte Mark Grieve damals noch. Doch selbst im Angesicht des Todes blieb der Verurteilte bei seinem Schweigen.
Die Überführung Murdochs war vor über 20 Jahren das Ergebnis akribischer Polizeiarbeit. Während der ersten Monate der Ermittlungen gingen bei der Polizei Hunderte von Hinweisen ein. Der entscheidende Durchbruch kam, als ein Zeuge den Namen Bradley Murdoch nannte. Die Polizei nahm DNA-Proben von Murdoch, der zu dieser Zeit bereits in Südaustralien wegen anderer Vorwürfe in Haft saß. Der Fall der Anklage stützte sich auf die Identifizierung durch Joanne Lees anhand von Fotografien sowie auf DNA-Spuren am Tatort.
Das entscheidende Beweisstück war jedoch ein elastischer Haargummi, der in Murdochs Fahrzeug gefunden wurde und Joanne Lees gehörte. Eine aufmerksame Polizeibeamtin hatte das unscheinbare Accessoire entdeckt, das um Murdochs Pistolenholster gewickelt war. Die Ermittlerin Colleen Gwynne vermutete später im Interview mit dem australischen Sender ABC, Murdoch habe den Haargummi als „Trophäe“ behalten, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er für seine Überführung haben würde.
2005 wurde Murdoch zu lebenslanger Haft für den Mord an Peter Falconio und die versuchte Entführung von Joanne Lees verurteilt, mit einer Mindesthaftzeit von 28 Jahren. Das Gericht hörte, dass er Falconios Körper vermutlich in seinen Wagen geladen und irgendwo zwischen Alice Springs und der westaustralischen Stadt Broome entsorgt hat – eine Strecke von 1700 Kilometern durch die Wüste. Oberrichter Brian Martin beschrieb Murdochs Vergehen bei der Urteilsverkündung damals als „extrem feige“ und seine Aussichten auf Rehabilitation als gering angesichts seines „völligen Mangels an Reue“. Murdoch beteuerte bis zuletzt seine Unschuld und legte zweimal erfolglos Berufung ein.
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2016 führte die Regierung des Northern Territory das „No Body, No Parole“-Gesetz ein, das eine Freilassung nur dann gewährt, wenn der Verurteilte bei der Aufklärung kooperiert und den Aufenthaltsort des Opfers preisgibt. Das Gesetz zielte direkt auf Murdoch ab, der theoretisch ab 2032 hätte Bewährung beantragen können. Doch auch die Aussicht darauf führte nicht zu einer endgültigen Aufklärung des Verbrechens.