Berlin „Formel Eins“-Legende Peter Illmann: „Die größten Schwierigkeiten hatten wir mit dem Hitler-Rap“
Madonna in unpassender Deko, fingierte Band im ARD-Studio: Moderatoren-Legende Peter Illmann („Formel Eins“) erinnert sich an die unglaublichsten Pop-Geschichten der 1980er.
Waren die 1980er Jahre wirklich so, wie man sich heute an sie erinnert? Die Frage geht an Peter Illmann. Mit der ARD-Sendung „Formel Eins“ hat der Moderator 1983 das Musikvideo ins deutsche Fernsehen gebracht. Als Stimme des Radiosenders „80s80s“ ist er bis heute ein Experte für das Jahrzehnt von Nena, Falco und Michael Jackson. Und er kann unglaubliche Geschichten darüber erzählen – von Madonnas Auftritt in einem lebenden Spitzweg-Gemälde bis zur ARD-Inszenierung einer Fake-Band, die es in Wirklichkeit gar nicht gab.
Frage: Herr Illmann, die 1980er Jahre erleben ein Revival nach dem anderen. Was macht die Dekade so beliebt – und wie war sie wirklich?
Antwort: Es liegt jedenfalls nicht nur an der Musik. Für mich sind die 80er mit absoluter Freiheit verbunden. In den 80ern jung zu sein, bedeutete ein positives Grundgefühl. Dabei war auch damals nicht alles gut. Wir hatten Tschernobyl, das Waldsterben und auch Angst vor dem Atomkrieg. Trotzdem haben die Leute an die Zukunft geglaubt. Das ist heute bei vielen getrübt.
Frage: Beim Wiedersehen alter „Formel Eins“-Ausschnitte war ich überrascht, wie lapidar Sie damals mit den Stars umgegangen sind. Woher kam diese Ironie? Herrschte in der ARD noch eine Trennung von ernsthafter und unterhaltender Musik?
Antwort: Das war einfach nur meine Art zu moderieren. Über Stars, die ich wirklich toll fand – Whitney Houston zum Beispiel – hätte ich nie was Schlechtes gesagt. Der Tonfall war auch eine Abgrenzung zu Shows mit Ilja Richter oder Dieter Thomas Heck. Bei denen glänzte und glimmerte alles. Unsere Kulisse war nicht ohne Grund ein Schrottplatz.
Frage: Für heutige Augen wirken die Studiobauten ein bisschen befremdlich.
Antwort: „Unser Regisseur hat gern gegen den Strich gebürstet. Madonna hat ihren Hit „Holiday“ bei uns vor einem lebenden Gemälde gesungen. Wir haben Spitzwegs „Armen Poeten“ nachgebaut. Da saß wirklich ein armer Poet mit Schlafmütze im Bett. In Nicoles Lied „Wenn die Blumen weinen könnten“ ging es ums Waldsterben. Bei uns wurde dazu im Vordergrund ein Baum durchgesägt. Für sowas haben wir einen vollen Tag gedreht, die Auftritte wurden alle vorproduziert. „Formel Eins“ war die erste Musik-Showsendung der Bavaria Filmstudios. Die hatten einen Riesenfundus. Nebenan war „Das Boot“ gedreht worden und der erste Film von Roland Emmerich. Wenn die Bühnenarbeiter nichts zu tun hatten, haben sie bei uns als Statisten mitgemacht oder Dekorationen gebaut. Einmal bin ich auf dem Glücksdrachen aus der „Unendlichen Geschichte“ geritten. Es war ja alles da.
Frage: Und wer war alles da? Mit Madonna stand ja schon ein richtiger Superstar im Studio.
Antwort: Wir hatten viele der ganz Großen. Joe Cocker hat bei uns gesungen. Und was damals revolutionär war: Grandmaster Flash hat bei „Formel Eins“ gerappt. Heute ist das ein Klassiker, aber Anfang der 1980er war HipHop vollkommen unbekannt. Wir waren die ersten im deutschen Fernsehen – sogar im europäischen, glaube ich – die Rap gezeigt haben. Grandmaster Flash hatte sogar einen Grafitti-Künstler mitgebracht, der den Studioboden angemalt hat.
Beim Interview habe ich Peter lllmann eine alte Formel-Eins-Platte in die Hand gedrückt. Das hat er dazu zu sagen:
Frage: Mit welcher Pop-Story würden Sie jungen Leute heute erklären, wie anders damals alles war? Fällt Ihnen ein 80er-Jahre-Skandal ein, der heute keiner mehr wäre?
Antwort: Ein großer Skandal war der Song „Relax“ von Frankie Goes to Hollywood, vor allem wegen des Videos. Das spielt in einem Lederclub und deutet schwule Sexszenen zumindest an. Es wird nichts Schlimmes gezeigt, aber sogar die BBC hat den Song boykottiert. Heute würde man höchstens fragen, ob das Video Schwule diskriminiert. Damals herrschte die Meinung vor, dass man sowas gar nicht zeigen sollte, weil die armen Kinder bitte nichts über schwulen Sex wissen sollen.
Frage: Was man in Russland und den USA heute wieder sagt.
Antwort: Und in den 80ern war das bei uns auch so. Schwule und Lesben mussten wirklich kämpfen. Das meine ich mit dem Optimismus: Wir hatten das Gefühl, dass die Dinge sich zum Guten verändern. Und man hätte sich nicht vorstellen können, dass sie sich irgendwann wieder zurückentwickeln. Wir dachten: Es wird besser, es wird freier, es wird toller.
Frage: Ich habe erst bei der Recherche gesehen, dass Sie auch mit einem Mann zusammenleben. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ich das als Zuschauer von „Formel Eins“ nicht mitbekommen habe?
Antwort: Mein eigenes Schwulsein wurde bei „Formel Eins“ nicht thematisiert. Schwuler Pop kam aber vor. 80 Prozent der englischen New-Wave-Stars waren schwul, Boy George, Limahl und wie sie alle hießen. Boy George sah ja nun auch wirklich wie eine Frau aus. Ich habe nie verstanden, warum Mädels so auf ihn abgefahren sind. Dass er schwul war, hat man aber selbst bei ihm nicht geschrieben. Die „Bravo“ hat ihn am Anfang nur bisexuell genannt.
Frage: Selbst der von allen geliebte Hape Kerkeling hat ja nicht offen schwul gelebt, bis Rosa von Praunheim ihn 1991 geoutet hat.
Antwort: Rosa von Praunheims Aktion fand ich nicht so toll. Aber im Nachhinein kann Hape ganz froh sein – und ich selbst auch. Bei mir kam es durch die „Bild am Sonntag“ raus. Ich hatte eine CD mit meinen Lieblingssongs rausgebracht und beim Interview dazu meinen Freund erwähnt. Und das wurde dann zum Thema des Berichts. Titel: „Peters Vater wusste bis zu seinem Tod nicht, dass sein Sohn schwul ist“. Jetzt sah es so aus, als ob ich meinen toten Vater benutze, um die CD zu promoten. Das hat mich geärgert. Ich war aber auch froh, dass mein Outing damit offiziell war. Ich habe mich dann tatsächlich freier gefühlt.
Frage: Ihr Vater wusste das bis zu seinem Tod nicht?
Antwort: Irgendwie tut mir das leid, aber ich habe das nie angesprochen. Er war sehr alt und hätte es wahrscheinlich nicht verstanden. Für viele war „schwul“ damals gleichbedeutend mit Aids. Das war nicht nur ein Stigma. Eltern haben sich dann auch wirklich Sorgen gemacht. Insgeheim hat mein Vater es bestimmt gewusst. Ich war immer mit demselben Mann im Urlaub. Wir kennen uns schon aus der Schulzeit. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, aber es war schon so, dass er nach außen mein bester Freund war. Einmal habe ich sogar eine Homestory mit einer fingierten Freundin gemacht, was ich heute bereue. Meiner Schwester habe ich es auch erst richtig gesagt, als das „Bild“-Interview kam. Natürlich war es allen längst klar. Insofern habe ich mir da ein großes Problem gemacht, das eigentlich gar nicht da war.
Frage: Wann war denn das Coming-out in der „Bild“?
Antwort: Das muss gute zehn Jahre her sein.
Frage: Für welche redaktionellen Entscheidungen brauchte es Anfang der 1980er Mut?
Antwort: Die größten Schwierigkeiten hatten wir mit dem „Hitler-Rap“. Mit dem ist der Komiker Mel Brooks in Großbritannien in den Charts gewesen. Im Video ist er als Hitler verkleidet und singt Verse wie „Don‘t be stupid, be a smarty. Come and join the Nazi Party“. (Zu Deutsch etwa: „Sei nicht dämlich, sei gewitzt, werd Nationalsozialist.“) Das gab viele Proteste. In Deutschland hatten nicht alle die Ironie erkannt. Und natürlich waren wir auch mit „Jeannie“ konfrontiert, in dem Falco aus der Perspektive eines Stalkers oder Vergewaltigers singt. Ganz klar hat der Text ja nicht ausgesprochen, was wirklich mit Jeanny passiert. Falco sagte mir, er sähe sich in einer Rolle wie ein Schauspieler, und die könnten ja auch das Böse spielen, ohne dafür verurteilt zu werde. Aber es war wohl auch ein kalkulierter Skandal.
Frage: Zu den Formel-Eins-Stars gehörte auch ein Faktotum wie der Radiomoderator Willem, dessen „Wat?“ ein One-Hit-Wonder war – ein zu Recht vergessener Klamauk-Song. Waren die echten 80er womöglich viel schlechter als die kanonisierten?
Antwort: Was Willem gemacht hatte, war sowieso nur ein deutsches Cover von Captain Sensibles „Wot“. Das gab es damals ja noch: deutsche Versionen von ausländischen Hits. Die meisten Hits der Zeit sind aber schon noch da, denke ich. Was ich nicht mehr höre, sind Songs wie ZaZas „Zauberstab der Liebe“. In der Neuen Deutschen Welle war das ein Top-10-Erfolg. Ich habe es kürzlich mal wieder beim WDR gespielt, aber wegen des Textes ist es ein bisschen schwierig: „Wenn ich dich kriege, zeigt dir mein Zauberstab die Liebe“.
Frage: „Formel Eins“ war damals das coole Format. Heute staune ich, wie viel deutsche Schlager da immer noch zu hören waren. Was haben Sie anders gemacht als die „ZDF Hitparade“?
Antwort: Wir waren eine Chart-Sendung und wenn deutsche Schlager in die Charts kamen, haben wir die auch gespielt. Es war eher andersrum: In der „ZDF-Hitparade“ durfte über Jahrzehnte nicht Englisch gesungen werden. Dieter Thomas Heck mochte das einfach nicht. Deshalb brauchte man ja auch deutsche Versionen von internationalen Hits.
Frage: Mit der Digitalisierung hat das Musikhören sich komplett geändert. Man missversteht Songtexte nicht mehr, weil man bei Spotify mitlesen kann. Und man schneidet auch nichts mehr im Radio mit, in der Hoffnung, dass der Moderator nicht reinquatscht. Gibt es Rituale von früher, die Sie vermissen?
Antwort: Schade ist, dass es durch Spotify keine Konzeptalben mehr gibt. Damals war alles aus einem Guss. Man hörte ein Album und nicht einen Song. Alan Parsons hat das oft gemacht. Oder Supertramp mit „Crime of the Century“. Die Platte müsste man mal wieder komplett hören – ich gebe aber zu, dass ich das seit Jahrzehnten selbst nicht mehr gemacht habe. Das Konzeptalbum ist verschwunden und mit ihm unsere Bereitschaft, etwas von Anfang bis zum Ende anzuhören, so wie die Künstler es sich gedacht haben.
Frage: Und welche technische Errungenschaft von heute hätten Ihnen damals das Leben erleichtert?
Antwort: Das Internet. Als ich beim Radio anfing, musste ich immer die Plattenfirmen anrufen, damit die mir was über ihre Künstler erzählen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Frage: Formel Eins war, wenn ich mich nicht irre, das erste deutsche Format mit Musikvideos – auch wenn die meisten nicht in voller Länge gespielt wurden. In den USA gab es beim Sendestart schon MTV.
Antwort: Und MTV war sicherlich der Auslöser von allem – weil es Musikvideos ohne den Sender gar nicht gegeben hätte. Vorher hat ja keine Plattenfirma Videos gedreht. Ein Vorbild war MTV für uns aber nicht. Das war ein Sender und wir waren eine Sendung. Ich habe MTV damals nie gesehen. Das konnte man nur in den USA, bis 1987 MTV Europe auch in Deutschland zu empfangen war. Dann war es natürlich Konkurrenz. „Formel Eins“ hat danach noch drei Jahre überlebt. Ich glaube aber, dass die Sendung auch weiter hätte laufen können. Die britische Chart-Show „Top of the Pops“ gab es bis weit über die Jahrtausendwende hinaus.
Frage: Wie wurden Videos für „Formel Eins“ ausgewählt: nach Qualität oder nach der Chart-Position?
Antwort: Sowohl als auch. Die Top-10-Videos mussten alle einmal angespielt werden. Für Highlights wie Peter Gabriels „Sledgehammer“ hatten wir die Rubrik der ungekürzten Videos. Das Problem war nur, dass viele Künstler, vor allem die deutschen, gar keine Videos hatten. Die mussten dann ins Studio eingeladen werden und zwar von einem Tag auf den anderen. Dienstags oder mittwochs kamen per Fernschreiber die aktuellen Charts. Und dann haben wir ganz schnell die Plattenfirmen angerufen, damit die ihre Künstler herbeischaffen.
Frage: Von heute auf morgen?
Antwort: Die Sendung war unglaublich einflussreich. Die Plattenfirmen haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit das klappt. Nena war an die zehn Mal bei uns – weil sie lauter Hits hatte, aber keine Videos. Und einmal war ein Song in den Charts, zu dem es gar keine Band gab. Dahinter steckte irgendein italienischer Produzent. Keiner wusste, wo der zu erreichen war. Also haben wir das einfach nachgestellt.
Frage: Nachgestellt? Haben Statisten so getan, als ob sie die Band wären?
Antwort: Genau – wir haben eigene Musiker ins Studio geholt, die diese Band nachgestellt haben. Es hat keiner gemerkt. Jeder dachte, das wäre das offizielle Video. Sowas ist nur selten passiert, aber es musste immer schnell gehen. Also haben wir improvisiert. Ich glaube, die Band hieß damals Scotch mit „Disco Band“, auch bekannt als der „Hustensong“.
Frage: Filmregisseure wie David Fincher haben mit Musikvideos angefangen. Damals ist eine eigene Kunstform entstanden. Welche Arbeiten haben Sie besonders beeindruckt?
Antwort: Eins der besten Videos ist für mich bis heute „Take On Me“. Da liest eine junge Frau ein Comic, in dem Morten Harket, der Sänger von a-ha, der Held ist – und dann steigt sie zu ihm in die gezeichnete Welt. Und ganz oben steht natürlich Michael Jackson. „Thriller“ war das Video schlechthin. 20 Minuten lang! Unsere Zuschauer haben so lange protestiert, bis die ARD dafür ihr Programm geändert hat. Weil es zu horrormäßig war, lief der Clip aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr. Die ARD war sittenstreng.
Frage: Michael Jacksons Kunst war immer von seinem Leben überlagert, erst von den Schönheits-OPs, dem Affen Bubbles und der Neverland-Ranch, später von den Missbrauchsvorwürfen. Wie blicken Sie auf ihn zurück?
Antwort: Er war natürlich völlig abgedreht und verrückt. Aber auch ein absolutes Genie, vom Tanz her, vom Gesang, als Gesamtkunstwerk. Er war einfach gigantisch und für mich ist er das auch heute noch.
Frage: Der war aber nie in Ihrer Sendung, oder?
Antwort: Ich habe mich lange mit ihm beschäftigt und auch viele Leuten aus seinem Umfeld gesprochen, seinen Manager zum Beispiel. Ihn selbst habe ich nur einmal auf einer Aftershow-Party getroffen. Da hat er mich aus Versehen an der Schulter berührt und ein kurzes „Sorry“ gesagt. Das war meine Begegnung mit Michael Jackson. Was die Vorwürfe angeht, bin ich skeptisch. Man wird es nie mehr klären können. Es ist auf jeden Fall traurig, dass er so früh gestorben ist.
Frage: Die 1980er sind so lange her, dass inzwischen viele ihrer Stars gestorben sind. Wen vermissen Sie besonders?
Antwort: Neben Michael Jackson ist das für mich George Michael. Ich habe eins seiner letzten Konzerte gesehen, für die er mit einem Symphonieorchester unterwegs war. Die Tour konnte er schon nicht mehr voll spielen, weil er da schon krank war. Ich habe viele Künstler live erlebt, aber er war grandios. George Michael hat mich wirklich berührt. Wenn Sie heute noch was Emotionales hören wollen, genießen Sie seine Ballade „Cowboys and Angels“. Am besten mit Kopfhörer.