Wochenglosse Das Grauen endet knapp überm Knie
Mehr Beinfreiheit für Männer könnte die Einführung der kurzen Anzughose in Deutschland bedeuten. Aber damit käme gleichzeitig die Pflicht zu Höllenqualen beim Enthaaren. Eine Glosse.
Eine der bewegendsten Fragen dieses Sommers ist zweifellos: Kommt jetzt die kurze Anzughose für Männer? Von der aktuellen Kleiderordnung eher bevorteilt, müssen sich Männer nicht wie Frauen mit ungemütlichen Kleidungsstücken wie Büstenhalter, Feinstrumpfhosen oder Pumps beschäftigen. Obwohl der Inhalt von Herrenkleiderschränken so gut wie immer 90 Prozent des Körpers bedeckt hält, erinnert er vielfach an einen beliebten Softporno: Fifty Shades of Grey. Frauen wird empfohlen, sich von gelungenen Kombinationen ein Foto in die Schranktür zu hängen, um für den Ich-weiß-nicht-was-ich-heute-anziehen-soll-Moment gewappnet zu sein. Unsere Kerle: Hemd, Hose, Jacke – löppt.
Werden sie jetzt also Bein zeigen? In anderen Ländern kennt man Anzughosen, die knapp über dem Knie enden, schon länger. Gegner(innen) gruseln sich vor der Aussicht auf kräuselig behaarte Männerschenkel oder Guns N‘ Roses-Tattoos aus dem Jahr 1988. Soll man den Herren vorsorglich erklären, dass Kaltwachs keine Lackversiegelung für das Auto und Sugaring nicht zwingend ein erotisches Spielchen zu zweit ist? Kann man ihnen die Beinenthaarung schmackhaft machen, wenn sie dafür einen neuartigen Aufsatz für den Akkuschrauber kaufen können? Wenn man mit Enthaarungscreme genausogut den Grill sauber bekommt? Auf Stehpartys gäbe es ganz neuen Smalltalk-Stoff. Würden Frauen aus Solidarität selbst auf das Haareentfernen an der Wade verzichten? Vermutlich nicht. Eher tragen sie weiße Socken in Flechtsandalen.
Die Autorin erreiche Sie unter k.lueppen@zgo.de