Emder geht seinen Weg  Mirco Frerichs – vom Opfer zum Autor

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 14.07.2025 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für Mirco Frerichs aus Emden war der Umzug nach Berlin ein Befreiungsschlag. Foto: Privat
Für Mirco Frerichs aus Emden war der Umzug nach Berlin ein Befreiungsschlag. Foto: Privat
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Gemobbt, attackiert, bedroht: Mirco Frerichs hat schon viel mitgemacht. Der Umzug nach Berlin war ein Befreiungsschlag. Jetzt ist er Pflege-Influencer, Queer-Aktivist – und Autor.

Emden/Berlin - Mirco Frerichs′ Leben hat sich radikal verändert: Vor fünf Jahren haben wir in Emden mit ihm gesprochen, nachdem er am zweiten Weihnachtstag angegriffen worden war – wohl, weil er schwul ist. Er lebte in Angst. Mobbing, Bedrohungen und Anfeindungen waren für ihn alltäglich. „Ich war immer einer, der in sich gekehrt war, der anders war und der nie zu sich gestanden hat“, sagt Mirco Frerichs im Gespräch mit dieser Zeitung rückblickend.

Doch das hat sich gewandelt. „Ich habe ein super tolles Leben. Ich bin gesund, lebe offen mit meiner Homosexualität, habe einen Beruf, habe Hobbys, bin öfter im TV zu sehen“, sagt der 25-Jährige. „Ich mache endlich das, was ich immer machen wollte. Ich wurde früher immer belächelt. So viele haben gesagt, dass ich nichts erreichen werde. Denen habe ich Gott sei Dank das Gegenteil bewiesen.“ Aber der Reihe nach.

Frerichs: „Berlin ist die Stadt, in der du so sein kannst, wie du bist“

Für Mirco Frerichs war 2021 der Umzug nach Berlin ein Befreiungsschlag. „Berlin ist die Stadt, in der du so sein kannst, wie du bist“, sagt er. „Hier bin ich beruflich und persönlich gewachsen.“ In Berlin nämlich schloss er seine in Emden begonnene Ausbildung zum Pflegefachmann ab – trotz vieler Zweifler in seinem Emder Umfeld. Aktuell ist er dabei, seine Weiterbildung zum Praxisanleiter zu beenden, um andere Pflegekräfte auszubilden, und arbeitet in einem Krankenhaus der Charité. „Ich bin viel selbstbewusster geworden“, sagt er. „Es hat aber eine lange Zeit gebraucht.“

Mirco Frerichs fühlt sich in Berlin wohl. Foto: Privat
Mirco Frerichs fühlt sich in Berlin wohl. Foto: Privat

Nebenberuflich hat er an seiner Bekanntheit auf Social Media als Pflege-Influencer und Queer-Aktivist gearbeitet. „Ich hatte schon Zweifel, ob ich wirklich den Mut habe, offen über mein Leben zu sprechen“, sagt er. „Früher wollte ich einfach nur unterhalten, habe lustige Youtube-Videos gedreht und wollte polarisieren.“ Heute nutze er seine aufgebaute Reichweite, um zu sensibilisieren und aufzuklären. Mittlerweile hat er bei Instagram mehr als 37.200 und bei Tiktok fast 20.000 Follower. Sein meistgeschautes Tiktok-Video hat 1,1 Millionen Views.

Frerichs: „Emden ist noch nicht tolerant“

Er kritisiert in den Social-Media-Beiträgen die Bundespolitik, spricht über den Pflegenotstand und gegen die AfD. Er will über Diversität aufklären und Menschen erreichen, die sich nicht gesehen fühlen. Auch im Netz erhält er dafür hier und da Anfeindungen. Was er bei Social Media auf keinen Fall tut: ankündigen, wann er in Emden sein wird, sagt er. Die Sorge vor Anfeindungen vor Ort sei zu groß.

Gleichzeitig sagt er, dass er „richtig stolz“ auf die Stadt sei, weil sie jetzt ihren dritten Christopher-Street-Day (CSD) ausgetragen hat. Aber: „Emden ist noch nicht tolerant.“ Das sehe man auch durch den Angriff auf zwei Männer aus der Puppys-Community spät abends nach dem CSD am 14. Juni 2025 auf dem Neuen Markt. Jugendliche hatten auf die Männer aus Hamburg eingeschlagen und sie am Boden weiter getreten. All das wurde von jemandem aus der Schläger-Gruppe gefilmt. Die Jugendlichen stellten sich wenige Tage später selbst der Polizei.

Jetzt ist Mirco Frerichs′ erstes Buch erschienen

2023 habe er überlegt, ein Buch zu schreiben, auch um seine nicht so schöne Kindheit aufzuarbeiten. „Ich wollte meine Geschichte erzählen, um anderen Mut zu machen, aber auch um mich selbst zu heilen“, sagt der 25-Jährige. Im Buch gehe es um Identität, das Gefühl, nie irgendwie dazuzugehören, und darum, sich selbst anzunehmen. Er erzählt von seinem Aufwachsen in Ostfriesland und den Schwierigkeiten, von anderen und sich selbst akzeptiert zu werden.

@mircofrerichs Pflegehelfer:innen werden gekündigt! Wir gehen noch weiter runter! #viral #pflege #nurse #mircofrerichs #karllauterbach ♬ الصوت الأصلي - ❤️‍

Er will aber auch Hoffnung geben. „Für mich hat sich alles zum Positiven verändert. Ich bin endlich die Person, die ich immer sein wollte“, sagt er. Es habe ihm sehr viel bedeutet, dass es zu seinem Buch, das Ende Mai 2025 erschienen ist, auch aus Emden positive Rückmeldungen gegeben habe. Insgesamt werde das Buch schon sehr gut verkauft, freut er sich.

→ Das Buch von Mirco Frerichs „Das Leben zwischen zwei Welten“ ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt. ISBN: 978-3-7115-8649-0, Seitenzahl: 80, Preis: 18 Euro (als Hardcover).

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