Gehrde  Wie in Freikirchen im Osnabrücker Land gepredigt wird – und was das mit der AfD zu tun hat

Raphael Steffen
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Von Raphael Steffen
| 15.07.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Die Gemeinde „Wort des Lebens“ in Gehrde ist eine der vielen von Russlanddeutschen gegründeten Freikirchen im Osnabrücker Nordkreis. Foto: Michael Gründel
Die Gemeinde „Wort des Lebens“ in Gehrde ist eine der vielen von Russlanddeutschen gegründeten Freikirchen im Osnabrücker Nordkreis. Foto: Michael Gründel
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Dort, wo die AfD bei Wahlen im Landkreis Osnabrück stark abschneidet, sind auch die russlanddeutsche Community und ihre freikirchlichen Gemeinden stark vertreten. Zufall? Recherchen unserer Redaktion zeigen, welch radikales Welt- und Menschenbild zum Teil gepredigt wird – und welche Schnittmengen es dabei zur AfD gibt.

Im Mai 2021 ist ein Pastor aus Köln angereist, um vor der freikirchlichen Gemeinde „Wort des Lebens“ im niedersächsischen Gehrde über die „gottgewollte Mutterrolle“ zu predigen. Man kann sich seine Ausführungen bis heute auf Youtube anschauen. Demnach gab Gott „dem Mann die Rolle des Leiters in der Ehe, in der Familie“ und der Frau die Aufgabe, „Unterstützerin“ zu sein. Keine Karriere, keine „vermeintliche Unabhängigkeit oder Selbstverwirklichung“ könne die „Leben gebende und Leben bejahende Rolle der Mutter“ ersetzen, so der Mann.

Aber der Pastor sieht diese angeblich von Gott eingerichtete Ordnung mit ihren klaren Regeln in höchster Gefahr – durch den „Gender-Wahnsinn“, die „satanische Propaganda, die heute in unserer Gesellschaft wütet“. Sie wolle „uns weismachen und eintrichtern, dass das Muttersein eine minderwertige, eine veraltete Rolle ist; dass Kinder versorgen, kochen, putzen, den Haushalt führen, Aufgaben sind, die die Frau irgendwie erniedrigen“. Doch dies sei eine „satanische Lüge“.

Der Kölner Prediger sagt an diesem Tag in Gehrde auch: „Mutterschaft und Kinderreichtum sind und bleiben ein Segen Gottes, [...] das werden weder die Feministen noch die Schwulen noch der Satan selbst ändern können.“ Homosexualität und der Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit auf einer Stufe mit dem Bösen schlechthin.

„Wort des Lebens“ ist nur eine von vielen freien Gemeinden, die in den letzten 40 Jahren im Landkreis Osnabrück entstanden sind. Die meisten wurden von Russlanddeutschen gegründet, die seit den 1980er-Jahren als Spätaussiedler in die Region kamen – und heute wieder im Fokus stehen: Denn die Gegenden, in denen sie sich niedergelassen haben, entsprechen den Orten mit besonders hohem AfD-Stimmenanteil.

Das fällt umso mehr auf, als die Partei in der Region Osnabrück ansonsten einen schweren Stand hat. Die Wahlergebnisse sind zwar gestiegen, aber in den meisten Kommunen weiter unterdurchschnittlich. Mit Ausnahme einzelner Wahlbezirke, die sich vor allem im nördlichen Landkreis befinden. Dort sind Werte zwischen 40 und 55 Prozent keine Seltenheit mehr – gegenüber 20,8 Prozent auf Bundesebene.

In Gehrde und dem benachbarten Bersenbrück wurde die AfD bei der Bundestagswahl stärkste Kraft. Dabei dürften gesamtgesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle spielen, aber die Dominanz der AfD gerade im russlanddeutschen Milieu lässt sich kaum noch leugnen. Nicht wenige in der Region, wie etwa die frühere Gehrder Grundschulleiterin und grüne Kommunalpolitikerin Elisabeth Middelschulte, führen dies auf den Einfluss der Freikirchen zurück.

Es gibt einen Mann, der die Symbiose aus Russlanddeutschen, Rechtspopulisten und Evangelikalen mal perfekt verkörpert hat: Waldemar Herdt. Zwischen 2017 und 2021 saß der in Kasachstan geborene Bauunternehmer aus Neuenkirchen-Vörden für die AfD im Bundestag, strickte nebenbei an einer internationalen Allianz aus christlichen Fundamentalisten und war selbst in der Osnabrücker Freikirche „Lebensquelle“ aktiv.

Die „Lebensquelle“, die sich heute „Encounter-Kirche“ nennt, sah sich zwischenzeitlich dazu genötigt, öffentlich auf Distanz zur AfD zu gehen. Herdt ist nicht mehr für die Partei aktiv. Aber die Verbindungen, die er personifizierte, scheinen weiter zu bestehen.

Das freikirchliche Milieu in den Samtgemeinden Bersenbrück und Artland ist von eher liberal bis sehr konservativ breit gefächert und unübersichtlich. Es gibt Baptisten, Mennoniten, Brüdergemeinden verschiedenster Art, Adventisten und andere, die jede Zuschreibung vermeiden. Wenige sind in Gemeindebünden organisiert, viele machen ihr eigenes Ding.

Und das mit großem Engagement der Mitglieder. Nachbarschaftshilfe und Solidarität werden großgeschrieben. Die Aktivitäten unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum von dem, was auch in der katholischen und der evangelischen Kirche angeboten wird: Es gibt Musik- und Jugendgruppen, Zeltlager und Gemeindefeste, Krippenspiele – und natürlich Gottesdienste. Dabei geht es oft unauffällig zu.

Ein Sonntagmorgen im Juni. Die Baptistengemeinde Bersenbrück hat sich um 10 Uhr in ihren Räumen im Ortsteil Hastrup versammelt. Wer nicht persönlich anwesend ist, kann die Feier im Livestream verfolgen. Auch unsere Redaktion hat sich dazu geschaltet. Viele junge Eltern und Kinder sitzen auf den Bänken. Die Ansprachen drehen sich unter anderem darum, was es bedeute, Verantwortung zu übernehmen. Es sind Worte, wie sie so auch in jeder anderen Kirche fallen könnten.

Wie halten sie es hier mit der AfD? Pastor Wladimir Scholl von der Baptistengemeinde Bersenbrück wollte unmittelbar nach der Bundestagswahl nichts dazu sagen. „Wir ermutigen unsere Mitglieder zwar, wählen zu gehen. Aber eine konkrete Empfehlung aussprechen, das haben wir noch nie gemacht“, erklärte Scholl damals. Doch es gibt eben Äußerungen aus anderen Freikirchen, die erahnen lassen, wo die größte Schnittmenge zwischen Evangelikalen und der AfD liegt: im „traditionellen Familienbild“.

Anfragen unserer Redaktion an die Gemeinde „Wort des Lebens“ in Gehrde bleiben unbeantwortet. Diese Mischung aus Offenheit und Zurückhaltung, Freundlichkeit und Misstrauen schimmern immer wieder durch, wenn man sich im nördlichen Osnabrücker Land in der russlanddeutschen Community über die Freikirchen umhört.

In den Gesprächen ist von Menschen die Rede, für die ein Fernseher absolutes Tabu sei – die aber rege und unkritisch das Internet nutzten. Von Mädchen, die bereits mit 16 wüssten, wen sie heiraten werden. Und die nie Ausbildung oder Studium absolvieren würden, weil das Männern vorbehalten sei. Wie repräsentativ diese Fälle sind, lässt sich schwer klären. In manchen sozialen Einrichtungen stellen Frauen aus freikirchlichen Gemeinden fast die gesamte Belegschaft.

Auf Social-Media-Plattformen machen einige Gemeindevertreter dafür umso deutlicher, wie sie zu gesellschaftspolitischen Fragen stehen. Zum Beispiel Jurij Pikalov. Der Mittdreißiger ist Pastor in der Bibelgemeinde Ankum. Auch in der Osnabrücker Fußgängerzone war er schon im „Missionseinsatz“ unterwegs.

Im September 2024 spricht Pikalov vor den Gläubigen in Ankum über die „am stärkste vernachlässigte Eigenschaft unserer Zeit“, womit er Besonnenheit meint. Diese Predigt ist ebenso auf Youtube abrufbar.

Irgendwann kommt Pikalov auf das Thema Homosexualität. „Wisst ihr, wie Gott über Homosexualität redet?“, fragt er in die Runde, um die Antwort selbst zu geben: „Gott nennt Homosexualität einen Gräuel. Gräuel bedeutet so etwas wie: Es widert mich an. Im Römerbrief nennt Gott Homosexualität eine Schande, ein widernatürliches Verhalten. Homosexualität ist laut Gottes Wort sein Gericht, das er über eine gottlose Welt schickt.“

Damit ist für Pikalov die Sache offenbar klar. „Wie würde Jesus bei einer Pride-Parade reden, wo die Menschen nackt durch die Gegend laufen und ihre Unmoral feierlich zur Schau stellen? Würde Jesus diese Menschen [...] liebevoll annehmen oder würde er sie mit harten Worten verurteilen?“

Paul Kage, einer der anderen Ankumer Pastoren, nennt während einer Predigt im Mai 2025 die gleichgeschlechtliche Ehe in einem Atemzug mit „Hurerei, Ehebruch, Verdrehung und sexueller Perversion“.

Woher kommt diese Radikalität?

Kornelius Ens wirkt müde, als er Anfang Juni zum Interview empfängt. Der Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold hat sich zu einem gefragten Erklärer für russlanddeutsche Befindlichkeiten entwickelt. Er sagt, dass die allermeisten Spätaussiedler gut integriert seien; dass auch die meisten Christen, die russlanddeutsche Gemeinden besuchen, eine gesellschaftlich zugewandte Haltung hätten.

Ens verweist auf die Historie. Ein „abgeschlossenes, kolonistisches Leben plus ein angespanntes, zurückhaltendes Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft“ zeichnete die deutschen Siedler demnach schon bei der Einwanderung nach Russland im 18. Jahrhundert aus. In der Sowjetunion wurde die Minderheit dann diskriminiert, ihre Bildungselite ausgelöscht. Sie bewahrte ihre Religion im Geheimen – als die einzige Möglichkeit, die deutsche Kultur zu pflegen.

Die wörtliche Auslegung der Bibel und das Beharren auf einem stereotypen „Deutschtum“ verfestigten sich über die Jahrzehnte der Diktatur. Aber nach der Ankunft in der Bundesrepublik mussten viele Aussiedler feststellen, dass dieses Deutschland sich stark von ihren Überlieferungen unterschied. Während die einen sich anpassten und einlebten, verschlossen sich die anderen allem, was ihnen nicht geheuer war. Heute sind das vor allem: LGBTQ-Rechte, moderne Geschlechterbilder, die Straflosigkeit von Abtreibungen.

„Sicherlich gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die zurückhaltend bis ablehnend begleitet werden“, sagt Forscher Ens: „Dies ist aber nicht speziell für Russlanddeutsche, sondern sind eher theologische Fragestellungen, die auch alle anderen christlichen Konfessionen herausfordern.“

Es stimmt, auch die katholische Kirche tut sich schwer damit, einen zeitgemäßen Umgang mit nicht-heterosexuellen Lebensweisen zu finden. Während aber die Deutsche Bischofskonferenz klar gegen die AfD Position bezieht und erklärt, dass deren „völkischer Nationalismus“ und Christentum unvereinbar seien, wenden sich viele Menschen aus dem evangelikalen Milieu der Rechtsaußenpartei zu.

So schreiben die Pastoren der Bibelgemeinde Ankum um Pikalov auf Anfrage unserer Redaktion: „Wenn bibeltreue Christen die AfD wählen, dann nicht, weil sie mit allem einverstanden sind, sondern weil sie in zentralen Punkten weniger gegen ihre Überzeugungen steht als andere Parteien.“ Letztere, namentlich die CDU, hätten mit Einführung der „Ehe für alle“ ihr Vertrauen verspielt. Ähnlich der Tenor beim Thema Abtreibung.

Gott allein habe „das Recht, über Identität, Sexualität und Ordnung des menschlichen Lebens zu bestimmen“, findet die Bibelgemeinde. Zwar würden sie glauben, „dass jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Hintergrund, sexueller Orientierung oder Lebensstil ein Geschöpf Gottes ist und als solches Würde trägt“. Aber jeder Mensch müsse sich von seiner Sünde absagen. Ihre Botschaft an homosexuelle Menschen – denen sie mit „Freundlichkeit und echter Liebe“ begegnen würde – laute: „Komm zu Jesus“. Darüber hinaus sollten Kinder „in der Schule nicht mit Fragen sexueller Orientierung oder Genderkonzepten konfrontiert werden“.

Die AfD hat ihr Potenzial längst erkannt und nutzt intensiv das Thema „Kinderschutz“, um Wählergruppen anzusprechen, deren Weltbild mit dem Begriff „konservativ“ noch zurückhaltend umschrieben wird. So nahm im März 2025 die niedersächsische Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt die Evangelische Kita im kleinen Badbergen wegen ihres sexualpädagogischen Konzeptes ins Visier. Solche Konzepte und Präventionsarbeit rückte Behrendt in die Nähe von Pädophilie.

Auch Badbergen liegt im Norden des Osnabrücker Landes. Nach Gehrde, Bersenbrück, Ankum ist es nicht weit. Bei der Bundestagswahl holte die AfD hier fast 25 Prozent – und landete nur knapp hinter der CDU auf Platz 2.

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