Falscher Befund Erneut Tod nach Fehleinschätzung im Emder Klinikum?
Joachim S. wirft dem Emder Klinikum und einem Onkologen vor, die Krebsmetastasen seiner Frau nicht erkannt zu haben. Über Jahre hinweg habe er seine Frau leiden sehen müssen.
Emden - Als Joachim S. aus Emden Ende Mai 2025 in dieser Zeitung von einer Fehldiagnose mit Todesfolge im Emder Krankenhaus liest, weckt das in ihm böse Erinnerungen. Seiner mittlerweile verstorbenen Frau Birgit S. sei 2022 Ähnliches passiert, schreibt er anschließend an die Redaktion. Bei einem Aufenthalt seiner an Brustkrebs erkrankten Frau im Emder Klinikum sei ein CT gemacht worden und dem Ehepaar anschließend mitgeteilt worden, es sei ohne Befund, obwohl auf den Bildern sichtbar gewesen sein soll, dass seine Frau von oben bis unten voller Krebsmetastasen gesteckt habe. Das habe sich dann später in der Ammerland-Klinik in Westerstede herausgestellt.
Seit zwei Jahren befindet sich Joachim S. deshalb mit dem Emder Klinikum und einem ostfriesischen Onkologen in einem Rechtsstreit. Zu einer Verhandlung ist es aber noch nicht gekommen. Die Sache zieht sich, gerade wird ein geeigneter Gutachter gesucht. „Meine Frau und ich waren fast 40 Jahre zusammen. Sie war das Ein und Alles für mich“, sagt Joachim S.. „Sie war der Dreh- und Angelpunkt unserer Familie.“
Bereits 2016 wiesen die Lymphknoten Metastasen auf
Ende August 2016 hatte Birgit S. selbst festgestellt, dass mit ihrer linken Brust etwas nicht stimmte. Das Gewebe wirkte deformiert, die Haut war eingefallen. Also suchte sie ihre Frauenarzt-Praxis auf, wo bei einer Mammographie Brustkrebs festgestellt wurde. Anschließend wurden zunächst Gewebeproben entnommen, später dann das komplette linke Brustgewebe und mehrere Lymphknoten, die zu diesem Zeitpunkt bereits mit Metastasen besiedelt waren. Parallel suchte Birgit S. einen ostfriesischen Onkologen auf, der eine Chemotherapie in die Wege leitete.
Aufgrund ihres immer schlechter werdenden Gesundheitszustands entschloss sich das Ehepaar, sein Einfamilienhaus zu verkaufen und in eine barrierefreie Mietwohnung zu ziehen. Um Haushalt und Garten konnte sich Birgit S. nicht mehr kümmern, ihr Mann, seit 2018 in Pension, übernahm viele Aufgaben und begleitete sie zudem zu allen Arztterminen und Behandlungen. Weil sie sich in der Mietwohnung aber nicht wohlfühlten, zogen sie zunächst zurück in ihr noch nicht verkauftes Eigenheim und 2020 schließlich in eine Mietwohnung im Haus ihres Sohnes. Dieser hatte die Einliegerwohnung nach den Vorstellungen seiner Eltern gebaut und auf Barrierefreiheit geachtet.
Innerhalb weniger Monate 30 Kilo zugenommen
„2021 verschlechterte sich der Zustand meiner Frau dann enorm“, sagt Joachim S.. Innerhalb weniger Wochen nahm sie enorm an Gewicht zu, hatte Wassereinlagerungen am ganzen Körper und dazu starke Schmerzen. „Innerhalb von einem halben Jahr hat sie fast 30 Kilo zugenommen.“ Der behandelnde Onkologe habe in dieser Sache an den Hausarzt verwiesen und gesagt, das sei nicht seine Baustelle. Dieser habe lediglich regelmäßige Blutuntersuchungen angeordnet und Ultraschalluntersuchungen durchgeführt.
„Irgendwann war ich total hilflos“, sagt der pensionierte Polizist. „Es wurde so schlimm, dass sie sagte, sie könne nicht mehr liegen, sie gehe ein vor Schmerzen. Irgendwann war das so schlimm, dass auch der Hausarzt sagte, er könne diese Verantwortung nicht mehr tragen, sie müsse ins Krankenhaus.“
„Katastrophaler“ Aufenthalt im Emder Klinikum
Am 4. Juli 2022 sei sie dann ein weiteres Mal ins Emder Krankenhaus eingewiesen worden. „Der Aufenthalt war katastrophal“, sagt Joachim S.. Abgesehen von der schlechten Verpflegung und dem unsauberen Badezimmer, hätten er und seine Frau das Gefühl gehabt, als Simulanten hingestellt zu werden. „Sie war wegen der Schmerzen nicht mehr in der Lage, ein MRT über sich ergehen zu lassen. Da wurde dann ein CT gemacht. Ansonsten haben sie ihr ein bisschen Paracetamol gegeben.“ Am 12. Juli 2022 habe sie das Krankenhaus freiwillig verlassen – auch, um einen Termin im Schlaflabor wahrnehmen zu können. Die CT-Aufnahme sei ohnehin ohne Befund gewesen.
„Dann fing es an, dass kein Schmerzmittel mehr helfen konnte“, sagt Joachim S.. Birgit S. habe sehr starke Schmerzmittel in hohen Dosen genommen, darunter Fentanyl. „Trotzdem sagte sie, das bringt nichts mehr.“ Der Zustand seiner Frau habe sich von Tag zu Tag verschlechtert. „Da sind wir wieder zum Hausarzt und ich habe gesagt, meine Frau, die muss wieder ins Krankenhaus. Da muss was gemacht werden.“ Gemeinsam entschieden sie sich, auch wegen der zuvor schlechten Erfahrungen in Emden, für die Ammerland-Klinik in Westerstede.
Am 19. September 2022 wurde Birgit S. von ihrem Hausarzt nach Westerstede überwiesen. „Am 20. September erhielt ich dann einen Anruf. Der behandelnde Arzt sagte mir, ich müsste kommen und er wolle mit mir reden.“ Außerdem habe der Arzt gefragt, was in Emden zur CT-Aufnahme gesagt worden sei.
Krebs hatte sich bereits durch die Knochen gefressen
„Die haben das CT dann selbst auch noch mal ausgewertet und auch selbst noch ein neues CT gemacht. Er sagte mir dann: ‚Ihre Frau sitzt von oben bis unten voller Metastasen und hat mehrere Wirbel- und Rippenbrüche.‘“ Der Krebs war zu diesem Zeitpunkt bereits auf den ganzen Körper übergegangen und hatte sich durch die Knochen gefressen. Selbst im Schädelknochen hätten die Ärzte Metastasen entdeckt. „Da waren wir natürlich total fertig. Wir haben uns die Hucke aus dem Leib geheult.“ Seit der Brustkrebsdiagnose waren sechs Jahre vergangen.
Das Paar entschied sich, den Onkologen zu wechseln, weil dieser die Metastasen hätte erkennen müssen, sagt Joachim S.. Bereits bei einer der ersten OPs seien ja in den Lymphknoten Metastasen festgestellt worden. Aus heutiger Sicht sei es für ihn unvorstellbar, dass der Arzt danach keine weiteren bildgebenden Untersuchungen durchgeführt habe.
Weitere Chemo und Bestrahlung war „Tortur“
Birgit S. begann im Oktober 2022 eine weitere Chemotherapie und nahm noch stärkere Medikamente, während ihr Zustand immer schlechter wurde. Sie nahm Morphine und Opiate, war teilweise wie „weggeschossen“, so Joachim S.. Nach der Chemo folgte im November Bestrahlung, die diesmal, anders als zuvor an der Brust, großflächig stattfinden musste. Entsprechend schlimm seien auch die zusätzlichen Nebenwirkungen gewesen. „Das war eine Tortur für meine Frau“, sagt der 69-Jährige.
Am 5. Juni 2023 wurde Birgit S. wegen der starken Schmerzen nachts in das Emder Krankenhaus gebracht. Sie blieb zehn Tage und erhielt eine palliative Behandlung. Diesmal sei der Aufenthalt, wohl dank vorhandener Diagnose, so Joachim S., positiv verlaufen.
Schwere Vorwürfe an Klinikum und Onkologen
Danach war sie etwa einen Monat zu Hause, ehe sie am 12. Juli 2023 wegen unerträglicher Schmerzen und zunehmender Todesangst von ihrem Hausarzt nach Aurich in das Krankenhaus überwiesen wurde. „Es war so schlimm, dass sie schon fast apathisch wurde und kaum noch ansprechbar war.“ Am darauffolgenden Tag verabschiedete sie sich von ihrer Familie mit den Worten: „Ich liebe euch. Ich danke euch für alles. Lasst mich jetzt schlafen.“ Am 15. Juli 2023 um 3.43 Uhr starb Birgit S. im Alter von 58 Jahren.
Joachim S. macht dem Onkologen den Vorwurf, trotz Indikation nie bildgebende Untersuchungen angeordnet zu haben. „Hier liegt ein grob fahrlässiger Behandlungsfehler vor.“ Sechs Jahre sei seine Frau bei ihm in Behandlung gewesen und schon zu Beginn hätten die bei einer OP entfernten Lymphknoten Metastasen aufgewiesen. Trotzdem habe er nie ein MRT oder ein CT durchgeführt. Dem Emder Klinikum macht er den Vorwurf, das CT aus dem Juli 2022 dermaßen falsch ausgewertet zu haben.
Klinik hatte auf Anfrage ausweichend reagiert
„Meine Frau und ich hatten eine echt besondere Beziehung. Und dann musste ich sie 24/7 regelrecht verrecken sehen“, sagt der pensionierte Polizist. Das habe ihn dazu veranlasst, gegen den behandelnden Arzt und gegen das Krankenhaus vorzugehen. „Sie haben uns schlichtweg die Chance genommen, dass wir meiner Frau eventuell eine Lebensverlängerung hätten ermöglichen können.“
In einem ähnlichen Fall, bei dem bei einer Frau im Emder Klinikum Lungenkrebs nicht erkannt worden war, wurde im Mai 2025 vor dem Gericht verhandelt. Die Redaktion hatte die damals in der Verhandlung aufgezeigten Fehler im System zum Anlass genommen, beim Klinikum Emden nachzufragen, wie die Abläufe in der Notaufnahme sind. Wir wollten unter anderem wissen, ob Bilder, die von Assistenzärzten beurteilt wurden, grundsätzlich am nächsten Tag von einem Radiologen zweitbegutachtet werden und wie sichergestellt wird, dass auffällige Befunde nicht übersehen werden.
In ihrer schriftlichen Antwort war die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden den konkreten Fragen ausgewichen: „Eine Befundung sowie alle damit zusammenhängenden Folgebehandlungen erfolgen in unseren Krankenhäusern gemäß den geltenden fachlichen und rechtlichen Standards. Hierbei ist der Facharztstandard stets gewährleistet.“ Auch im Fall von Birgit S. wird sich das Gericht damit auseinandersetzen. Wann der Fall zur Verhandlung kommt, ist aktuell aber noch unklar.