Hannover/Meppen Der Torf ist weg: Wird mutmaßlich illegaler Abbau hinter verschlossenen Türen geregelt?
Weit draußen im Moor, aber mitten in Niedersachsen könnte sich einer der größten Umweltskandale der jüngeren Geschichte Deutschlands zugetragen haben. Ob es zu einer juristischen Aufarbeitung kommt, bleibt unklar. Denn im Hintergrund wird verhandelt. Ist das besser für die Natur?
Es geht um einen Fall von „Torfschwund“, der sich in der Esterweger Dose, einem der einst größten Hochmoore Norddeutschlands, ereignet hat. Die 4700 Hektar große Dose erstreckt sich über die Landkreise Emsland, Leer und Cloppenburg in Niedersachsen. Hier hat das Unternehmen Klasmann-Deilmann aus Geeste im Emsland mit entsprechender Genehmigung über Jahrzehnte Torf abgebaut. Aber möglicherweise deutlich mehr als erlaubt.
Bisher stehen 19.800 Kubikmeter im Raum, die fehlen könnten. Das entspricht einer Menge, mit der sich etwa 130.000 handelsübliche Badewannen füllen ließen. Der mögliche Tatort ist eine 270 Hektar große Teilfläche innerhalb der Esterweger Dosen. Bereits im Jahr 2020 wurde nach entsprechendem Verdacht die Abtorfung durch den Landkreis Emsland stillgelegt und 2023 dann ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.
Und seitdem geben sich Gutachter in der Esterweger Dose die Klinke in die Hand. Denn Klasmann-Deilmann ist nach Informationen unserer Redaktion der Ansicht, dass eine natürliche Schrumpfung des Torfkörpers durch die Dürrejahre 2018 bis 2020 dafür gesorgt habe, dass nun der Torf fehle. Bei diesem „Torfzehrung“ genannten Prozess gelangt Sauerstoff an die trockengelegten Torfböden und beschleunigt dadurch deren Zersetzung. Der Torfboden schrumpft zusammen. Je weniger Wasser, desto mehr Zehrung und desto weniger Torf.
Klasmann-Deilmann ist nicht irgendein Erden-Unternehmen. Nach eigenen Angaben sind die Emsländer Weltmarktführer in diesem Geschäft. Wo immer Kräuter oder Gemüse in Töpfen verkauft werden, stehen die Chancen gut, dass darin Erde von Klasmann-Deilmann ist. Der Umsatz im Jahr 2023 lag bei 142 Millionen Euro, der Jahresüberschuss bei gut 14 Millionen Euro. Mit Substraten und Torf lässt sich gutes Geld verdienen, auch wenn der Abbau hierzulande ziemlich limitiert worden ist. Nur noch in Niedersachsen wird abgebaut – kein Vergleich etwa zum Baltikum, wo Klasmann-Deilmann ebenfalls großflächig aktiv ist.
Doch ausgerechnet in ihrer Heimat droht Ärger wegen des verschwundenen Torfs: Die Behörden im Emsland haben Fragen. Erstens: Hätte das Unternehmen die Torfzehrung in der Esterweger Dose erwarten und beim Abbau ausreichend bedenken müssen? Zweitens: Stimmt diese Annahme überhaupt oder geht es doch allein um zu tiefes und mutmaßlich illegales Abgraben? Und drittens: Wie lässt sich der Schaden wiedergutmachen – sprich, eine vorgesehene Wiedervernässung noch realisieren? Denn für die benötigt man eine ausreichende Resttorfmenge als Abdichtung.
Nun ist der Fall im Emsland nicht der einzige innerhalb der Esterweger Dose, bei dem Torf verschwunden ist. In unmittelbarer Nachbarschaft, aber auf dem Gebiet des Landkreises Cloppenburg hat sich etwas Vergleichbares zugetragen. Der Unterschied: Der Landkreis Cloppenburg erstattete Anzeige gegen die aus ihrer Sicht Verantwortlichen und löste damit Ermittlungen der für Cloppenburg zuständigen Staatsanwaltschaft Oldenburg aus.
Die endeten vor dem Amtsgericht in Cloppenburg. Auf der Anklagebank: Vater und Sohn. Die waren zwar schon vor Jahren aus dem Torfgeschäft ausgestiegen. Eine Fläche in der Esterweger Dose hatten sie aber an einen anderen Torfunternehmer verpachtet, der hier weiter abbaute – bis dem Landkreis auffiel, dass die schon bei Erteilung der Abtorfungsgenehmigung vorgeschriebenen Resttorfmengen teils deutlich unterschritten waren.
3532 Kubikmeter fehlen in Cloppenburg – also ein Bruchteil dessen, was im Emsland vermisst wird. Die Renaturierung der betroffenen Flächen? Schwierig bis unmöglich. „Ist weg, ist halt so“, sagte der Ältere der beiden Angeklagten. Am Ende ging es im Amtsgericht weniger um die unstrittige Schuldfrage, als die Höhe des Geldbetrages, der nun eingezogen wird. Die Staatsanwaltschaft hatte 60.000 Euro haben wollen als Summe, die wahrscheinlich mit dem illegalen Torfabbau erzielt worden ist.
Nach kurzem Feilschen urteilte die Richterin: Vater und Sohn müssen jeweils eine Geldstrafe in Höhe von 1800 beziehungsweise 6000 Euro zahlen. Und obendrauf werden 42.390 Euro eingezogen. Das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig.
Sind juristische Schritte auch im Emsland eine Option? Der Landkreis gibt sich in der Sache Esterweger Dose sehr bedeckt. Nicht nur gegenüber Journalisten, sondern auch der Lokalpolitik. In einer Sitzung des Kreisumweltausschusses hatte der Grünen-Abgeordnete Clemens Grolle zuletzt auf Beantwortung eines Fragenkataloges zu dem Vorgang gehofft. Aber auch nach der Sitzung bleibt vieles unklar.
Demnach laufen laut Kreisverwaltung „intensive Gespräche mit allen Beteiligten“, erste Maßnahmen zur Wiedervernässung seien eingeleitet worden. Mehrere Gutachter beraten aktuell noch darüber, ob und wie sie noch gelingen kann. Und die rechtliche Bewertung – also auch, ob die Sache vor Gericht verhandelt werden muss – „beinhalte komplexe Sachverhalte“, heißt es vom Landkreis. Auch Klasmann-Deilmann will sich unter Verweis auf die laufenden Gespräche auf Anfrage unserer Redaktion derzeit nicht äußern.
Immerhin wird eine „etwaige Lösung“ noch in diesem Sommer angestrebt, ist zu erfahren. Sicher bleibt damit vorläufig nur eins: Der Torf ist weg.