Hamburg Radikaler Vorschlag: Ein neuer Hauptbahnhof für Hamburg – das steckt dahinter
In der umstrittenen Hamburger Verkehrspolitik können sich alle zumindest auf eine Sache einigen: Der Hauptbahnhof ist komplett überlastet. Jetzt bringt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) eine andere Möglichkeit ins Spiel: einen komplett neuen Hauptbahnhof. Ist das realistisch? Und wie könnte ein solcher Bahnhof aussehen?
„Der Hamburger Hauptbahnhof ist der verspätungsanfälligste und überfüllteste Hauptbahnhof Deutschlands“, fasste Jonas Spanier vom Hamburger VCD das Problem am Montagabend zusammen. „Das liegt daran, dass er für den Regional- und Fernverkehr gerade einmal acht Gleise hat. Sogar der Bahnhof in der kleinen Gemeinde Büchen hat schon vier.“
Um dieses Problem zu lösen, wurde in den vergangenen Jahren in der Politik hauptsächlich ein Projekt mit sperrigem Namen diskutiert: der Verbindungsbahnentlastungstunnel, kurz VET. Die Idee dahinter: Die S-Bahnen räumen ihre bisherigen oberirdischen Gleise 3 und 4 am Hauptbahnhof und werden in den neu zu bauenden VET verlegt. Dadurch soll zusätzlicher Platz für Regionalzüge und ICEs entstehen.
Dieser neue Tunnel soll in etwa 35 Metern Tiefe die S-Bahnen künftig vom Hauptbahnhof quer durch die Stadt nach Altona führen. Auf den dadurch frei werdenden oberirdischen Gleisen der Verbindungsbahn (Hauptbahnhof – Dammtor – Sternschanze – Holstenstraße – Altona) könnten dann mehr ICE und Regionalzüge fahren.
„Das ist absurd, weil die ICEs zwischen Altona und Hauptbahnhof fast immer komplett leer sind“, sagt Spanier. „Das hilft doch keinem.“ Zudem ist es um den VET in den vergangenen Monaten verdächtig ruhig geworden. Die Finanzierung gilt nach wie vor als heikler Punkt. Sowohl der Bund als auch Hamburg können (und wollen) dazu derzeit keine Aussagen tätigen. Der für Ende 2024 angekündigte genaue Streckenverlauf wurde bis heute nicht präsentiert.
Deshalb fordert der VCD, all diese Planungen noch einmal vollkommen neu zu denken. „Am plausibelsten ist aus unserer Sicht ein kompletter Neubau des Hauptbahnhofs am Standort Berliner Tor“, sagt Spanier. „Dort gibt es genug Platz, zehn Hektar Fläche werden an dieser Stelle bislang unvorteilhaft genutzt.“ Nach dem Vorbild des Berliner Hauptbahnhofs könnte man mit mehreren Ebenen arbeiten und so statt der bisherigen acht bis zu 27 Bahnsteige realisieren. Die Fernzüge würden dann über Rothenburgsort und die Elbbrücken in Richtung Süden sowie über Lübeck in Richtung Skandinavien verkehren.
Bislang will man am Berliner Tor eigentlich nur eins: möglichst schnell wieder weg. Die Umgebung ist grau, Hauptstraßen und Gleise kreuzen sich auf mehreren Ebenen und trennen Stadtteile voneinander. Deshalb hat der Senat bereits seinen Rahmenplan für das Areal bis spätestens 2045 vorgestellt, der neue Plätze und viel Grün vorsieht. „Da knüpfen wir an“, sagt Spanier. „Und da in diesem Rahmenplan auch weniger Autoverkehr vorgesehen ist, könnten die verbleibenden Autos in zwei Unterführungen unter dem neuen Hauptbahnhof entlangfahren.“
Wie so ein neuer Hauptbahnhof überhaupt aussehen könnte, damit haben sich insgesamt 20 Studierende der Hochschule 21 in Buxtehude beschäftigt. Die am Montagabend präsentierten Entwürfe zeigen unter anderem lichtdurchflutete Gleishallen, mehrere Ebenen, grüne Plätze vor und im Bahnhof sowie eine beleuchtete Fassade.
„Das sind natürlich erstmal nur Gedankenanstöße“, sagt Spanier. Allgemein, sagt er, gebe es aber durchaus eine Chance, dass das Projekt „Neuer Hauptbahnhof“ erwägt wird. „Vor allem, seit der VET so auf der Kippe steht.“ Immerhin hätten der Senat und die Deutsche Bahn vertraglich garantiert, „offen zu sein für bessere Lösungen zur Erreichung der Ziele, wenn sie sich verfahrensbegleitend ergeben“. Diesbezüglich sollten auch Gutachten eingeholt werden. „Wir erwarten, dass genau das jetzt auch passiert“, so Spanier.
Bislang steht allerdings noch nicht fest, wie Stadt und Bahn auf die VCD-Pläne reagieren werden. Immerhin wäre das ein weiteres gigantisches Großprojekt neben den ganzen anderen, wie der neuen U-Bahn-Linie U5, der neuen S-Bahn-Linie S4 oder dem Fernbahnhof am Diebsteich.
Und was würde dann eigentlich aus dem alten Hauptbahnhof in St. Georg? Der VCD schlägt vor, den Bahnhof weiterhin zu benutzen, auch für Regional- und Fernverkehrszüge aus Richtung Elmshorn, Kiel, Flensburg und Westerland – aber eben „nur“ als eine weitere Station.