Straßenverkehr in Ostfriesland  Tempo 100 auf Landstraßen – muss das noch sein?

Rilana Kubassa
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Ein Kommentar von Rilana Kubassa
| 02.07.2025 16:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Entspannt einfach auf Tempo 100 auf Landstraßen verzichten: Eine Option? Foto: Soeren Stache/dpa
Entspannt einfach auf Tempo 100 auf Landstraßen verzichten: Eine Option? Foto: Soeren Stache/dpa
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Immer mehr Autos sind auf den Straßen unterwegs. Auch auf ostfriesischen Landstraßen kommt es oft zu schweren Unfällen. Ist Tempo 100 bei dem Verkehr überhaupt noch angemessen? Ein Kommentar.

Ostfriesland - 49 Millionen Autos sind auf Deutschlands Straßen unterwegs. Das teilte das Statistische Bundesamt Ende des Jahres 2024 mit. Im Jahr 2023 erreichte die Auto-Dichte damit einen neuen Höchststand von 588 Personenkraftwagen je 1000 Einwohnern, heißt es in den Ergebnissen der Erhebung. Trotz aller Diskussionen um Verkehrswende und CO2-Einsparungen nehmen die Zahlen der Neuzulassungen seit Jahren zu statt ab. Auch in Niedersachsen, das Anfang 2024 1000 auf Einwohner 607 Autos zählte und damit noch über dem Bundesdurchschnitt liegt.

Mehr Menschen, mehr Autos – die Rechnung ist nicht schwer. Vielerorts ist in Ostfriesland zudem ein Auto unvermeidbar. Der öffentliche Nahverkehr ist zu wenig ausgebaut, Bahnfahren oft teuer und unzuverlässig. Also steigt man ins Auto – fährt täglich zur Arbeit, zum Einkaufen, die Kinder zur Schule oder in die Kita. Aber wie sicher ist das Autofahren noch?

Verkehrstote im Ländervergleich im Jahr 2023. Grafik: Statistisches Bundesamt
Verkehrstote im Ländervergleich im Jahr 2023. Grafik: Statistisches Bundesamt

Die meisten Verkehrstoten auf Landstraßen

Unsere Zeitung berichtet häufig über schwere Unfälle in der Region, zum Teil mit Todesfolge. Die Geschichten dahinter und die Trauer der Menschen sind jedes Mal tragisch. Wie das Statistische Bundesamt 2024 herausstellte, starben 2023 insgesamt 1635 Personen bei Unfällen auf Landstraßen. „Rund ein Drittel aller Verkehrstoten auf Landstraßen (33 % oder 535 Getötete) kamen bei Unfällen ums Leben, bei denen mindestens eine beteiligte Person die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschritten hatte oder für die Straßen- oder Witterungsverhältnisse zu schnell fuhr“, heißt es in der Mitteilung. Laut vorläufigen Ergebnissenn des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr zwar leicht gesunken. Doch endeten noch im Jahr 2023 die Verkehrsunfälle auf deutschen Landstraßen zu 58 Prozent tödlich. Als Gründe gibt das Statistische Bundesamt an erster Stelle die höheren Fahrgeschwindigkeiten an, die die Schwere der Unfälle erhöht. Als weitere Risikofaktoren werden die fehlende Trennung zum Gegenverkehr, schlechte Überholmöglichkeiten oder ungeschützte Hindernisse wie Bäume neben der Fahrbahn genannt. Zum Vergleich: Innerorts kam es bei 32 Prozent der Unfälle zu Toten, auf Autobahnen bei knapp 11 Prozent.

Tempo 100 auf Landstraßen – zum Teil recht sportlich

Die Höchstgeschwindigkeit liegt auf Landstraßen in der Regel bei Tempo 100. Angepasst an Gegebenheiten und Umstände ist zwischenzeitlich Tempo 80, 70 oder weniger vorgeschrieben. Aber – muss man immer bis ans Limit fahren? Die Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde erscheint bei dem teils dichten Verkehr plus Landmaschinen schon sehr sportlich. Wer etwas langsamer fährt, wird schnell mal bedrängelt oder hastig überholt. Beides ist gefährlich.

Dabei gilt bei den rot eingekreisten Zahlen am Straßenrand nicht, dass dieses Tempo auf jeden Fall gefahren werden muss. Es ist die Geschwindigkeit, die unter optimalen Voraussetzungen gefahren werden darf. Im Rahmen eines Artikels über Anwohner in Wrisse, die ein Tempolimit für eine als Schulweg genutzte Straße fordern, teilte der Sprecher des Landkreises Aurich, Rainer Müller-Gummels mit, dass Verkehrsteilnehmer „selbstverantwortlich Gefahrensituationen kritisch zu beurteilen und entsprechend zu handeln (haben), also auch ihre Geschwindigkeit den örtlichen Verhältnissen anzupassen.“ Die Anwohnerin sagte in dem Artikel hingegen: „Wenn sie 100 fahren dürfen, fahren sie auch 100.“

Tempo 30 in Ortschaften wird bereits geprüft

Langsamer fahren – das ist keine fixe Idee. Die Folgen von niedrigerem Tempo auf den Straßen werden längst großflächig untersucht. Auch in Niedersachsen lief in den vergangenen Jahren ein Projekt zu Tempo 30 und Tempo 50 in Ortschaften. In Straßen verschiedener Orte, darunter Osnabrück, Göttingen und Edewecht, war probeweise Tempo 30 vorgeschrieben.

Die vorläufigen Ergebnisse hat der NDR veröffentlicht: Der Verkehrsfluss bei Tempo 30 sei flüssiger, heißt es in dem Artikel, also: weniger Staus und Wartezeiten. Auch die Luftqualität verbessere sich leicht, die Lärmbelästigung werde reduziert. Unfälle gebe es zwar nicht weniger, dafür aber weniger schwere, aufgrund verkürzter Bremswege und mehr Zeit zum Reagieren. Ganz zu schweigen von den dringend nötigen CO2-Einsparungen, die durch Tempolimits erreicht werden. So könnten zum Beispiel laut einer Studie des Umweltbundesamtes (UBA) aus dem Jahr 2023 auf Autobahnen mit Tempo 120 6,7 Millionen Tonnen CO2 im Jahr eingespart werden.

Mehr Ruhe, weniger hetzen

Wenn also in der Regel das höchstmögliche Tempo gefahren wird, wäre es vielleicht auch an der Zeit für ein Tempolimit auf Landstraßen. Um schwere Unfälle, die sich sicher nie ganz vermeiden lassen, zumindest zu reduzieren. Leben zu bewahren. Was macht es aus, zwischen zwei Ortschaften, in denen man 50 fährt, entspannte 80 Kilometer pro Stunde zu fahren, statt auf 1000 Metern mit Tempo 100 dahinzupreschen, um in einer Kurve auf 70 zu drosseln, dann wieder zu beschleunigen und in der nächsten Ortschaft wieder auf 50 runterzugehen?

Wenn man dann noch bedenkt, dass viele Fahreraugen zwischendurch immer wieder auf das Display ihres Handys wandern, erscheint mir etwa mehr Ruhe im Verkehr doch zumindest überdenkenswert.

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