Schweiz  TV-Expertin Almuth Schult: „Frauen sind deutlich selbstdisziplinierter“

Frank Hellmann
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Von Frank Hellmann
| 01.07.2025 14:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Einst selbst auf dem Platz, als Nationaltorhüterin, präsentiert sich Almuth Schult jetzt mit klarer Meinung als Fußballexpertin im TV. Foto: IMAGO/DeFodi Images
Einst selbst auf dem Platz, als Nationaltorhüterin, präsentiert sich Almuth Schult jetzt mit klarer Meinung als Fußballexpertin im TV. Foto: IMAGO/DeFodi Images
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Vom Spielfeld ins Studio: Die baldige Vierfach-Mutter Almuth Schult, einst Torhüterin der Nationalelf, spricht im Interview über den Spagat zwischen Familienleben und Expertenrolle im TV, das DFB-Team vor der EM und warum Mütter im Profifußball mehr kämpfen müssen als Verletzte.

Noch vor drei Jahren stand sie bei der EM für die deutsche Nationalelf im Tor – heute erwartet Almuth Schult ihr viertes Kind und analysiert als TV-Expertin das Spiel ihrer früheren Kolleginnen. Wie sie mit dieser Doppelrolle umgeht, was sie vom DFB-Team erwartet und warum Mütter es im Profifußball schwerer haben als Verletzte, erzählt sie im Interview.

Frage: Bei der Frauen-EM 2022 in England waren sie noch aktiv dabei, drei Jahre später erwarten Sie das vierte Kind. Ist es nicht Wahnsinn, wie die Zeit vergeht?

Antwort: Mit Kindern rast die Zeit gefühlt noch einmal schneller, weil einem vor Augen geführt wird, welche Entwicklungen binnen eines Jahres stattfinden können. Das ist in gewisser Weise auch schön, dass es keinen Stillstand gibt.

Frage: Es hieß immer wieder, die letzte EM war für Deutschland auch deshalb ein Erfolg, weil ihre Kinder die Stimmung im Quartier aufgelockert hätten.

Antwort: Es war noch Corona-Zeit, viel Kontakt nach außen war nicht erlaubt. Dann können Kinder, die unbeschwert sind und anders mit der Situation umgehen, durchaus die Atmosphäre auflockern. Viele Spielerinnen haben sich gerne mit ihnen beschäftigt. Ein Kinderlachen kann helfen, über Verletzungen oder Corona-Erkrankungen hinwegzukommen.

Frage: Sie müssen als TV-Expertin zwangsläufig auch Kritik an ehemaligen Mitspielerinnen üben. Wie schwierig ist Ihnen dieser Rollenwechsel gefallen?

Antwort: Anfangs war das natürlich gewöhnungsbedürftig, am Seitenrand zu stehen. Ich versuche Kritik extern wie intern fundiert und nicht polemisch zu äußern, deshalb kann ich den Spielerinnen in die Augen schauen. Natürlich kann man über jemanden, den man privat kennt, anders urteilen, weil man vielleicht Hintergründe kennt. Ich möchte am liebsten authentisch sein und Lösungswege aufzeigen.

Frage: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der EM zu? Treten Sie als Wundertüte an?

Antwort: Ungefähr so ist es. Die Mannschaft hat sicher großes Potenzial, und die Ergebnisse unter Christian Wück haben gerade in der Nations League gestimmt. Aber es gab Phasen, in denen die defensive Stabilität gefehlt hat. Der Beweis steht jetzt aus, dass die neue Spielweise unter Christian Wück das Team auch erfolgreich macht. Wenn Konstanz reinkommt, kann es weit gehen.

Frage: Hinter vorgehaltener Hand sagt der Bundestrainer, die Truppe sei ihm ein bisschen zu brav. Es könne eigentlich nicht sein, dass keine seiner Spielerinnen unpünktlich sei.

Antwort: Ich habe auch bei einem Training bemerkt, dass es deutlich ruhiger auf dem Platz im Vergleich zu früher geworden ist. Aber Reibung ist nicht zwangsläufig ein Erfolgsfaktor: Man weiß einfach, dass der Frauenbereich im Fußball von der Mentalität anders ist als der Männerbereich. Frauen sind meines Erachtens im Durchschnitt deutlich selbstdisziplinierter. Deshalb kommt auch niemand unpünktlich. Wer bei den Frauen als Jugendliche aus dem Rahmen ausscherte, wurde oft nicht mehr eingeladen. Bei den Männern wurde meiner Einschätzung nach über disziplinarische Verfehlungen eher einmal hinweggesehen. Christian Wück hat sicher Anlaufzeit gebraucht, den Frauenbereich zu verstehen.

Frage: Auffällig ist im Vergleich der verhältnismäßig geringe Anteil von Spielerinnen mit Migrationshintergrund. Mit Cora Zicai hat Christian Wück immerhin ein Talent berufen, das diese Komponente einbringt.

Antwort: Kathrin Hendrich ist auch in Belgien geboren (lacht). In anderen Kulturen wird das Sporttreiben von Mädchen oft ganz anders gesehen. In vielen muslimischen Familien ist gar nicht gewollt, dass Mädchen Fußball spielen. Das schränkt natürlich das Angebot ein. Gerade für Jungs ist der Fußball oft mit dem Traum verbunden, nach oben aufzusteigen. Bei den Mädchen muss man es neu denken.

Frage: Wie hat sich der Frauenfußball nach der EM 2022 entwickelt?

Antwort: Gerade in den letzten zwei, drei Jahren hat es unheimlich Fahrt aufgenommen. Das Zuschauerinteresse in der Bundesliga ist deutlich gestiegen, das DFB-Pokalfinale der letzten Jahre war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Es drängen mehr Lizenzvereine nach oben. Das heißt trotzdem nicht, dass man sich damit zufrieden geben muss. Es arbeiten beispielsweise noch nicht alle Bundesliga-Spielerinnen unter profiähnlichen Bedingungen.

Frage: Der amtierende Europameister ist da weiter.

Antwort: England ist die professionellste Liga in Europa, die noch einmal einen ganz anderen Drive besitzt. Sie sind die einzige mit Statuten, dass die Spielerinnen und der Staff unter Profibedingungen arbeiten müssen. Ich habe in den USA die Erfahrung gemacht, dass ein Klub wie Angel City FC gerne Meilensteine setzt. Und für Kansas City Current, wo ich auch gespielt habe, wurde mal eben ein Stadion für die Frauen mit 11.500 Plätzen gebaut, was auch immer ausverkauft ist. Diesen Enthusiasmus würde ich mir auch in Deutschland wünschen.

Frage: Sie haben als Mutter die Erfahrung gemacht, dass die Klubs sich davor scheuen, eine Spielerin zu verpflichten, die Kinder hat. Ärgert Sie das?

Antwort: Ich hatte den Eindruck, dass das meine Vertragsverhandlungen massiv beeinflusst hat. Man hat die Zweifel gemerkt, dass ich zu meiner Leistung zurückkomme. Ich habe in den Gesprächen Vorbehalte gespürt. Man hat immer noch das Gefühl, dass einer Spielerin, die verletzt war, mehr vertraut wird als einer, die aus dem Mutterschutz zurückkommt, vor allem in Europa. Tabea Sellner beendet vermutlich nicht ohne Grund mit 30 Jahren nach der Geburt ihres Kindes die Karriere.

Frage: Sie haben mal angemerkt, dass viele Nationalspielerinnen mit Social-Media-Aktivitäten mehr Geld verdienen als im Verein. Sie sehen das nach wie vor kritisch?

Antwort: Ich sehe soziale Netzwerke als diskutabel an und jeder muss selbst eine Entscheidung für sich treffen. . In den Sozialen Medien kann man ohne großen Hürden Meinung verbreiten, Aufmerksamkeit erzeugen, Bilder teilen. Das sind sicherlich Vorteile. Nachteil: Was einmal im Netz steht, bleibt dort. Und es entsteht ein innerer Druck, immer wieder etwas Neues zu posten. Ich möchte weder mein Privatleben preisgeben, noch mich zu allem äußern müssen. Es gibt im Internet leider auch viel Hass und Mobbing, was gerade für junge Menschen zur Belastung werden kann. Für mich bleibt die persönliche Unterhaltung das Wichtigste. Ich nenne immer das Beispiel mit den 50.000 Follower: Wenn man die in ein Stadion setzen würde, wären vermutlich einige dabei, von denen man sagt: Ich finde gar nicht gut, dass die alles von mir sehen. Ich, persönlich, bin glücklich ohne Social Media.

Frage: Sie schränken also bei Ihren Kindern die digitale Nutzung ein?

Antwort: Ich versuche die digitalen Medien einzugrenzen. Es gibt nur eine eingeschränkte Fernsehzeit. Für kleine Kinder sind klassische Bücher und Spiele meiner Ansicht nach wertvoller, weil das Gehirn bei zu vielen Bewegtbildern abschaltet und keine eigene Arbeit mehr leisten muss. Selber denken ist wichtig für die Entwicklung, auch für eine eigene Kreativität. Meine Eltern hatten gar keinen Fernseher. Es hat mir bis jetzt nicht geschadet.

Frage: Sie absolvieren noch ihre Fortbildung als Trainerin. Auch als Funktionärin könnten sie viel bewegen. Was werden Sie in naher Zukunft machen?

Antwort: Wenn ich das wüsste! Ich habe vor fünf Jahren auch nicht gedacht, dass ich als TV-Expertin eine öffentliche Stimme bekomme. Ich mag den Fußball unheimlich gerne. Es gehören zu einem Projekt immer mindestens zwei Seiten. Vielleicht wird sich die Möglichkeit auftun, dass jemand mit mir zusammenarbeiten möchte. Irgendwas wird kommen, worin ich Erfüllung finde. Ich trainiere gerade die Bambinis in unserem Heimatverein, was auch sehr schön ist.

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