Bern  Christian Wück über EM-Chancen: „Wenn wir an unser Limit gehen, hat es jeder Gegner schwer“

Frank Hellmann
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Von Frank Hellmann
| 29.06.2025 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Christian Wück, Bundestrainer der DFB-Frauen, hat in den kommenden Wochen bei der Fußball-EM in der Schweiz eine große Aufgabe vor sich. Foto: dpa/Harry Langer
Christian Wück, Bundestrainer der DFB-Frauen, hat in den kommenden Wochen bei der Fußball-EM in der Schweiz eine große Aufgabe vor sich. Foto: dpa/Harry Langer
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Die Fußball-EM der Frauen beginnt – und für Bundestrainer Christian Wück damit ein aufregendes Abenteuer. Vor dem Turnierstart blickt er auf seinen Werdegang bis hin zu den heutigen Qualitäten der DFB-Auswahl. Auch spricht er darüber, was der viral gegangene Wolfgang-Petry-Abend über die deutschen Spielerinnen aussagt.

Christian Wück bestreitet mit der EM in der Schweiz (2. bis 27. Juli) sein erstes Turnier als Bundestrainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Der 52-Jährige arbeitete zuvor viele Jahre im männlichen Nachwuchsbereich, gewann mit den U17-Juniorinnen 2023 sowohl die EM als auch die WM. Wegen einer Knieverletzung musste er seine aktive Karriere bereits im Alter von 29 Jahren beenden.

Frage: Herr Wück, Sie waren noch keine 18 Jahre alt, als Sie in der Fußball-Bundesliga beim 1. FC Nürnberg für Furore gesorgt haben. Wie denken Sie an diese Zeit zurück?

Antwort: (überlegt) Eigentlich war das meine schönste Zeit. Einfach unbekümmert, unbeschwert Fußball zu spielen. Vielleicht noch gar nicht zu begreifen, was damals alles passiert ist. Es war auch meine erfolgreichste Zeit, weil ich da noch keine Verletzungen hatte. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an meine ersten beiden Jahre beim Club denke. Wir haben als letzte Mannschaft beim FC Bayern in der Bundesliga gewonnen. Jedes Mal, wenn sich dieses Ereignis jährt, bekomme ich oft noch von der Nürnberger Presse einen Anruf (lacht).

Frage: In ihren Anfängen hatte Deutschland gerade die Wiedervereinigung vollzogen.

Antwort: Richtig. Nachdem ich in Köln eingewechselt wurde, ging es für mich in Rostock richtig los. Wir haben in einem Hotel übernachtet, das vorher von der Stasi genutzt wurde. Ich habe damals auf dem Bett gelegen und gedacht: ‚Hoffentlich sind die Kameras und Mikrofone hier raus!‘

Frage: Sie sollen früh Angebote von Bayern München und Borussia Dortmund erhalten haben.

Antwort: Ja, ich war sogar schon bei einem Verein vor Ort. Mein Trainer Willi Entenmann, zu dem ich ein väterliches Verhältnis hatte, war damals der Hauptgrund, dass ich beim 1. FC Nürnberg geblieben bin. Mein erstes Gehalt, das kann ich ja heute sagen, hat damals 2000 Mark betragen. Ich habe danach einiges miterlebt: Über Nacht wurde Dieter Eckstein zum FC Schalke 04 verkauft, es gab den Schiedsrichterskandal, der Schatzmeister musste ins Gefängnis. Ich habe beim Club unter fünf Präsidenten gespielt.

Frage: Sie haben sich als erster deutscher Profifußballer einen Meniskus transplantieren lassen. Hält der eigentlich noch?

Antwort: Ja, der ist immer noch drin. Ich hatte mir damals einen Kreuzband-, Innenband- und Meniskusriss zugezogen, und ein Teil vom Außenmeniskus war nicht mehr zu retten. Nach zweieinhalb Jahren schwoll mein Knie immer wieder an, und bei einer Arthroskopie hat man einen Knorpelschaden vierten, fünften Grades festgestellt. Nach einer Kontroll-Operation sagte der Arzt zu mir, ich müsse mit Fußballspielen aufhören. Ich habe erst das Heulen angefangen und dann am nächsten Tag gesagt: ‚Doc, ich bin 25. Ich will weiter Fußball spielen. Überleg Dir bitte was!‘ Für die Transplantation bin ich nach Belgien gefahren, um in Genk operiert zu werden. Mir ist noch in Erinnerung, dass viele Medizin-Studenten durch ein Fenster über mir zugeschaut haben.

Frage: Heute sind Fußballer und Fußballerinnen im Grunde ohnehin gläserne Figuren, weil durch Social Media vieles präsent geworden ist, oder?

Antwort: Weil man es freiwillig so will (macht eine lange Pause). Es ist alles schnelllebig geworden. Es wird (auf dem Handy, Anm. d. Red.) häufig nur noch nach rechts gewischt. Eine kurze Information aufnehmen, dann die nächste. Man nutzt mittlerweile diese Möglichkeit, sich selbst zu präsentieren. Zu meiner Zeit als Spieler hat dieser Punkt keine Rolle gespielt.

Frage: Bereuen Sie das eigentlich?

Antwort: Das war eine andere Zeit – heute gehört es zur Vermarktung dazu. Wobei ich das Gefühl habe, dass unsere Spielerinnen sehr verantwortungsvoll mit dem Medium Social Media umgehen.

Frage: Die frühere Nationaltorhüterin Almuth Schult hat angemerkt, dass einige Nationalspielerinnen mit Social Media mehr Geld verdienen als in ihren Klubs. Das Wetteifern um Aufmerksamkeit kann auch Missgunst produzieren. Steuern Sie dagegen?

Antwort: Ich kann nur für meine Mannschaft reden und da habe ich überhaupt nicht das Gefühl, dass Missgunst entsteht. Ich habe nicht den Einblick, was die Nationalspielerinnen über solche Aktivitäten verdienen, aber diese Möglichkeit für die eigene Vermarktung und Sichtbarkeit zu nutzen, ist völlig legitim, sofern die Balance stimmt.

Antwort: Natürlich ist die Präsenz der Sozialen Medien in allen Lebensbereichen ein großer Unterschied zu früher. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Ich hatte mal ein einschneidendes Erlebnis mit einer U17-Nationalmannschaft bei einer Medienschulung: Auf die Frage, welche Medien sie denn kennen würden, wurden nicht Zeitungen, Fernsehen oder Radio genannt, sondern Instagram, Youtube oder Facebook.

Frage: Sie haben mehr als zehn Jahre im männlichen Nachwuchsbereich für den DFB gearbeitet. Was ist die größte Umstellung bei den Frauen gewesen?

Antwort: Die Zeit, die ich für mediale Aktivitäten investieren muss. Im Jugendbereich habe ich vielleicht während der Turniere mal ein Telefoninterview gegeben, und dann stand eventuell ein Artikel im „Kicker“. Deshalb muss ich mir meine Zeit jetzt anders einteilen. Sportlich vermittele ich die gleichen Inhalte wie bei den U-Nationalmannschaften im Männerbereich.

Frage: Sie betonen gerne, dass Sie sich am Spielstil orientieren, den Hansi Flick mal in seiner Zeit als DFB-Sportdirektor gelehrt hat. Warum?

Antwort: Hansi Flick hat das damals in Zusammenarbeit mit uns U-Nationaltrainer*innen angestoßen und entwickelt. Alle haben Input reingegeben, weshalb diese Leitlinien aus meiner Sicht auch so wertvoll sind. Wir haben uns irgendwann mit einem weißen Blatt hingesetzt, um herauszufinden, was einen Lionel Messi oder Toni Kroos auf einer bestimmten Position so wertvoll macht. Aus dem individuellen Verhalten lassen sich Trainingsinhalte ableiten. Aus meiner Sicht arbeitet Hansi in Barcelona sehr erfolgreich immer noch danach. Wir Trainer*innen beim DFB stehen hinter dem selbst erarbeiteten Ansatz.

Frage: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Antwort: Eher wenig. Ich gratuliere ihm zum Geburtstag und er mir.

Frage: Wie leicht ist das auf den Frauenfußball zu übertragen?

Antwort: Wir müssen dran bleiben und das immer wieder ansprechen und Inhalte vermitteln. Ich nehme es wirklich sehr genau und bin sehr konsequent: Wenn ein Pass nicht ordentlich gespielt wird, unterbreche ich die Szene. Wir haben mit den besten Spielerinnen des Landes ein Topniveau im Training und arbeiten intensiv an diesen Themen, um sie individuell zu verbessern.

Frage: Wo steht ihr Team gerade? Die DFB-Frauen kamen als EM-Heldinnen 2022 aus England zurück. Nur ein Jahr später ging unter Martina Voss-Tecklenburg bei der WM in Australien nichts mehr zusammen. Horst Hrubesch holte bei den Olympischen Spielen 2024 dann zwar Bronze, aber wirklich sehenswert waren die Auftritte nicht.

Antwort: Die Trainer und Trainerinnen sind dafür da, eine Atmosphäre zu erzeugen, damit die Spielerinnen ihre Topleistung abrufen können. Wir brauchen die Überzeugung, dass wir selbst für das Ergebnis eines Spiels verantwortlich sind, nicht die anderen Mannschaften. Wenn wir an unser Limit gehen, hat es jeder Gegner der Welt gegen uns schwer. In unserer Mannschaft steckt – defensiv wie offensiv – enorm viel Wucht und Intensität, die bereits im ersten EM-Spiel gegen Polen sichtbar werden muss.

Frage: Ist es kein Nachteil, dass das letzte Spiel inzwischen schon vier Wochen zurückliegt?

Antwort: Wir wollten kein Testspiel mehr in der Vorbereitungsphase haben. Die Rückmeldungen der Spielerinnen war so, dass die Saison sehr lang war. Wir haben schon zweimal elf gegen elf gespielt, auch mit Formationen, die wir ausprobieren wollten. Wir haben diesen Wettkampfcharakter in den Übungen und in den Spielformen. Nicht nur die gute Stimmung, auch die Leistung auf dem Platz, wie die Spielerinnen die Inhalte annehmen, wie sie versuchen, das Ganze umzusetzen – das ist auf einem hohen Niveau.

Frage: Im Viertelfinale würde mit Frankreich, England oder Niederlande ein Schwergewicht warten würde. Die Männer haben vergangenen Sommer erfahren, dass ein unglücklicher Viertelfinal-K.o. selbst bei einer Heim-EM unter Umständen verziehen würde.

Antwort: Das Ziel ist, dass wir die Leute über begeisternden, ehrlichen Fußball hinter uns bekommen. Wir sagen den Spielerinnen immer wieder: Ihr spielt für eine ganze Nation, ihr repräsentiert Deutschland. Die Art und Weise des Auftretens ist dabei wichtig. Daher wollen wir gleich zum Auftakt in einen Flow kommen. So wie es das Team in England im ersten Spiel (4:0 gegen Dänemark, Anm. d. Red.) geschafft hat.

Frage: Danach war die WM in Australien allerdings ein Reinfall. Auch das Quartier gefiel den Spielerinnen überhaupt nicht, obwohl es einige nette Ausflüge wie zum Whale-Watching gab. Was ist diesmal geplant?

Antwort: Ich glaube, da müssen wir uns keine Gedanken machen. Die Spielerinnen haben mit dem Wolfgang-Petry-Abend bewiesen, dass sie sich was einfallen lassen, wenn es ihnen zu langweilig wird. Wir haben mit diesem Basecamp die Grundvoraussetzungen geschaffen, dass wir sowohl Ruhe haben als auch in der Lage sind, innerhalb von fünf Minuten in einem Café zu sitzen. Das ist den Spielerinnen wichtig. Der Trainingsplatz ist ungefähr sieben bis zehn Minuten vom Hotel entfernt, von daher wird es keine Ausreden geben. Es liegt an uns, wie die EM verläuft.

Frage: Den deutschen Fußballerinnen winken 120.000 Euro Titelprämie. Die doppelte Summe im Vergleich zur EM 2022. Spiegelt das den Stellenwert des Frauenfußballs wider?

Antwort: Das haben sie gut mit Nia (Künzer, Anm. d. Red.) verhandelt (lacht). Ich finde das ein sehr positives Zeichen. Das kann für die Spielerinnen noch mehr Motivation geben und bedeutet mehr Wertschätzung.

Frage: ARD und ZDF fahren fast denselben Aufwand wie bei einem Männerturnier. Sind Sie darauf vorbereitet, das Aushängeschild der Fußball-Nation zu sein?

Antwort: Ich merke schon, dass ich öfter erkannt werde. Wenn ich abends ins Kino gehe, kommt es schon vor, dass ich vorher erstmal drei Selfies machen darf. Das gab es früher nicht so, aber ich komme damit relativ gut klar. Die mediale Aufmerksamkeit wird riesig sein. Das haben sich die Mädels und alle drumherum erarbeitet und auch verdient. Für mich ist das ein Erlebnis, bei dem ich jeden Moment genießen möchte, ähnlich wie bei den Europa- und Weltmeisterschaften im Jugendbereich.

Frage: Inwieweit hilft es, dass sie mit der U17 schon mitgemacht haben, wie lang der Weg zu einem Titel bei einer EM und WM ist?

Antwort: Aber diese Turniererfahrung bringe nicht nur ich mit: Maren Meinert hat das als Spielerin und Trainerin, Saskia Bartusiak als Spielerin ebenso erlebt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir der Mannschaft durch unsere Erfahrung unheimlich viel geben können und die eine oder andere Situation intuitiv richtig lösen werden.

Frage: Sie haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die U17-Junioren nur deshalb Welt- und Europameister wurden, weil viele Spieler einen Migrationshintergrund besaßen. Diese bunte Mischung fehlt bei den deutschen Frauen.

Antwort: Die Diversität bei den U17-Junioren mit den unterschiedlichen Charakteren hat uns definitiv geholfen. Bei den Juniorinnen kommt das allmählich auch zum Tragen. Wir stehen im weiblichen Nachwuchsbereich bei vielen Dingen erst am Anfang und haben leider noch nicht die Fülle an Toptalenten in der Breite.

Antwort: Es hätte natürlich auch geholfen, wenn wir uns für die U17- und U19-Juniorinnen-EM qualifiziert hätten. Daraus müssen und werden wir unsere Schlüsse ziehen, denn dies sollte uns nicht noch einmal passieren. Wenn wir eine erfolgreiche Frauen-EM spielen, begeistern sich hoffentlich noch mehr Mädchen für den Fußball. Auch das ist unser Auftrag in der Schweiz.

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