Osnabrück  Glaube, Gemeinschaft, Gesinnung: Warum viele Russlanddeutsche AfD wählen

Jean-Charles Fays, Raphael Steffen
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Von Jean-Charles Fays, Raphael Steffen
| 29.06.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Mehr Zustimmung als in Gehrde erhielt die AfD bei der Bundestagswahl in keiner anderen Kommune in der Region Osnabrück. Besonders in Bereichen mit einem hohen Anteil russlanddeutscher Familien wurden überdurchschnittlich viele Stimmen für die AfD abgegeben – etwa in größeren Siedlungen aus den Neunziger- und Zweitausenderjahren. Foto: Raphael Steffen
Mehr Zustimmung als in Gehrde erhielt die AfD bei der Bundestagswahl in keiner anderen Kommune in der Region Osnabrück. Besonders in Bereichen mit einem hohen Anteil russlanddeutscher Familien wurden überdurchschnittlich viele Stimmen für die AfD abgegeben – etwa in größeren Siedlungen aus den Neunziger- und Zweitausenderjahren. Foto: Raphael Steffen
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Bei der Bundestagswahl lag die AfD in den Wahllokalen in einem Dorf nördlich von Osnabrück deutlich vor der CDU. Besonders in russlanddeutsch geprägten Vierteln erhielten die Rechtspopulisten viele Stimmen. Wie Freikirchen und konservative Werte das Wahlverhalten prägen – eine Analyse.

Gehrde im Osnabrücker Nordkreis wirkt auf den ersten Blick wie viele Dörfer in Niedersachsen: rund 2600 Einwohner, zwei Sportvereine, zwei Kitas, eine Grundschule, eine Freiwillige Feuerwehr, ein Schützenverein, Klinkerhäuser und gepflegte Gärten. Doch in den Wahlergebnissen zeigt sich ein anderes Bild: Gehrde ist anders als andere Orte.

Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 stimmten in zwei Wahllokalen mehr als 40 Prozent der Wähler für die AfD. Betrachtet man ausschließlich die Stimmen aus der Urnenwahl (ohne Briefwahl), lag die Partei in der gesamten Gemeinde Gehrde mit knapp 34 Prozent deutlich vor der CDU – mehr Zustimmung erhielten die Rechtspopulisten in keiner anderen Kommune in der Region Osnabrück. Lediglich in der benachbarten Stadt Bersenbrück erhielten die Rechtspopulisten ähnlich hohen Zuspruch. Zum Vergleich: Kreisweit votierten nur 18 Prozent der Wähler pro AfD, fast doppelt so viele für die CDU.

Auffällig: Besonders dort, wo viele russlanddeutsche Familien wohnen – etwa rund um die Grundschule und die Kindertagesstätte Gehrde – erhielten die Rechtspopulisten viele Stimmen. Das ist kein Zufall. Die Geschichte der Russlanddeutschen in Gehrde und der örtliche Erfolg der AfD sind eng miteinander verwoben. Es geht um Migrationserfahrungen, Glauben und Gemeinschaft.

Gehrde steht dabei exemplarisch für eine Entwicklung, die den gesamten Osnabrücker Nordkreis prägt: Seit Anfang der 1990er-Jahre kamen viele Russlanddeutsche in die Samtgemeinde Bersenbrück. Der Zuzug dauerte rund zwanzig Jahre. „Viele Familien kamen, weil bereits Verwandte hier waren“, sagt die Historikerin Jutta Stalfort. Sie leitete im Frühjahr 2025 die Ausstellung „Brücken der Erinnerung“, ein Projekt zur Geschichte der Russlanddeutschen in der Region. Ziel der Ausstellung war es, Stereotype zu überwinden und das gegenseitige Verständnis zwischen zugewanderten und einheimischen Menschen zu fördern.

Die Möglichkeit, ihre Religion frei auszuüben, spielte eine große Rolle. Kommunen wie Eggermühlen, Kettenkamp, Rieste, Bersenbrück oder auch Gehrde verzeichneten hohe Zuwanderungszahlen. Die Stadt Bersenbrück selbst hatte zeitweise einen Aussiedler-Anteil von über 20 Prozent. Für viele Dörfer bedeutete das laut Stalfort einen demografischen Rettungsanker: „Wenn russlanddeutsche Familien kamen, konnten unsere Schulen bestehen bleiben. Das war für viele Dörfer ein Glücksfall.“

Stalfort sagt: „Russlanddeutsche Familien waren für viele Kommunen ein Geschenk – sie füllten leere Schulen und Wohnungen. Und wenn man heute mit Unternehmern größerer Firmen in der Region spricht: Sie sind überzeugt, dass sie sich ohne die Zuwanderung russlanddeutscher Familien nicht so gut hätten entwickeln können.“

Was damals als Segen empfunden wurde, zeigt heute jedoch auch Schattenseiten – etwa in der gesellschaftlichen Teilhabe. Michael Wernke, Bürgermeister der Samtgemeinde Bersenbrück, beschreibt es so: „Wir merken immer wieder: Die Integration in den Arbeitsmarkt, in Schule oder Kita funktioniert – die Integration in die Gesellschaft hingegen bleibt schwierig. Es fehlt an Ehrenamt, Austausch und aktiver Teilnahme am Gemeindeleben“, sagt Wernke. Bei der Eröffnung der Ausstellung Brücken der Erinnerung in Bersenbrück habe er das einmal sehr deutlich formuliert: „Ihr habt auch eine Bringschuld. Ihr habt Bauplätze erhalten, Rentenansprüche, Krankenversicherung. Jetzt seid ihr am Zug, euch in die Gesellschaft einzubringen.“

Auch der Begriff „Ehrenamt“ werde unterschiedlich interpretiert, so Wernke: „Das Ehrenamt wird in freikirchlichen Strukturen vielfach als ‚Amt in der Kirche‘ verstanden – aber nicht als gesamtgesellschaftliches Engagement, wie wir es etwa in der Feuerwehr leben. Daher bleibt die gewünschte Durchmischung vielfach leider aus.“

Ein besonders deutliches Beispiel dafür sieht Elisabeth Middelschulte, die von 2003 bis 2016 die Grundschule Gehrde leitete. In ihrer Zeit waren dort bis zu 60 Prozent der Kinder russlanddeutscher Herkunft. Sie erlebte ein stark religiös geprägtes, konservatives Familienbild – mit klaren Rollen: der Vater als Oberhaupt, die Mutter für Haushalt und Kinder.

Zwischen Schule und Gemeinde habe es eine spürbare Trennlinie gegeben. „Viele Eltern aus der freikirchlich geprägten, russlanddeutschen Community haben es nicht zugelassen, dass ihre Kinder an den Nachmittagsangeboten der Schule teilnehmen. Stattdessen wurden sie zu Angeboten der eigenen freikirchlichen Gemeinde geschickt – oft mit dem Argument, das sei ‚sicherer‘ oder ‚werteorientierter‘. Dort ging es aber nicht nur um Sport oder Freizeit. Es war ganz klar: Die Angebote dienten auch der religiösen Erziehung im evangelikalen Sinne.“

Probleme habe es besonders im Sexualkundeunterricht gegeben. Manche Eltern wollten, dass ihre Kinder sich die Ohren zuhalten oder sich abmelden. Middelschulte und ihr Kollegium setzten auf Gespräche und Transparenz – mit teils gutem, teils begrenztem Erfolg. Auch nach ihrer Pensionierung blieb sie im Austausch mit Teilen der Community: „Ich wurde und werde bis heute zu Veranstaltungen eingeladen, etwa in die Baptistengemeinde Bersenbrück in Hastrup und in Gehrde. Ich habe dort Predigten gehört, viele Gespräche geführt, Einblicke bekommen.“

Rückblickend überrascht es sie nicht, „dass die AfD in dieser Community besonders erfolgreich ist. Ihr traditionelles Familienbild, ihre Skepsis gegenüber Gleichstellung und ihre Forderung nach gesellschaftlicher Rückbesinnung treffen genau den Nerv dieser konservativen Lebensweise.“ Dass jemand wie Alice Weidel in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebe, werde einfach ausgeblendet – entscheidend sei, „dass die Partei insgesamt ein rückwärtsgewandtes, konservatives Bild von Deutschland vertritt.“

Doch es gibt auch andere Wege. Vera Kraft lebt seit über 20 Jahren in Gehrde, ist Russlanddeutsche – und hat sich bewusst von den Strukturen und Glaubensmustern gelöst, mit denen sie einst aufgewachsen ist. Sie kam 1991 als 16-Jährige nach Deutschland, holte ihren Realschulabschluss nach und lebt seit 2001 in Gehrde. Heute arbeitet sie als Sozialarbeiterin mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Bippen. „Ich bin stolz, dass ich meinen eigenen Weg gegangen bin und meine eigene Meinung gebildet habe“, sagt sie.

Das patriarchale Weltbild, mit dem sie einst groß wurde, habe sie hinter sich gelassen: „Ich bin in Russland auch mit diesem Weltbild groß geworden: Der Mann ist das Oberhaupt, die Frau hat zu gehorchen. Ich habe das lange nicht hinterfragt. Aber irgendwann kam der Punkt, da habe ich gemerkt: Das ist nicht mein Weg. Ich sehe das heute anders.“

Auch in Glaubensfragen habe sie sich klar positioniert: „Aus freikirchlichen Gemeinden gab es schon sehr viele Versuche, mich zu missionieren, aber ich mache deutlich, dass ich das nicht möchte. Ich bin evangelisch-lutherisch geprägt und lasse mich nicht zum freikirchlichen Glauben bekehren.“

Vera Kraft berichtet, dass in Teilen der Community gezielt russischsprachige Medien konsumiert werden – etwa Russia Today oder fragwürdige Internetkanäle. „Da heißt es dann ‚unsere Alice‘, wenn es um die AfD-Vorsitzende geht“, sagt sie und meint Alice Weidel. Sie selbst sei da „rausgewachsen“: „Ich sehe viele Dinge heute anders – besonders was das Rollenbild der Frau betrifft.“

Der Sozialarbeiter im Jugendbüro der Samtgemeinde Bersenbrück, Maik Bienk, ist selbst Mitglied einer Baptistengemeinde in Bersenbrück, deren Gottesdienste sonst überwiegend von Russlanddeutschen besucht werden. Er sagt: „Natürlich gibt es da auch konservative Werte, aber daraus gleich eine politische Richtung abzuleiten, halte ich für falsch.“ Die Russlanddeutschen in der Region nimmt er als integrationswillig wahr: „Viele engagieren sich und sind fest verankert.“

Es sei wichtig zu differenzieren: „In der Samtgemeinde Bersenbrück gibt es sowohl konservativ als auch liberal ausgerichtete freikirchliche Gemeinden.“ Zudem betont er: „Wenn überdurchschnittlich viele Menschen in den Wahlbezirken mit Siedlungen der Russlanddeutschen AfD gewählt haben, heißt das nicht, dass alle so denken.“

Der Mitarbeiter im Gehrder Dorftreff „Gehrda“, Siegfried Ludger, stellt fest, dass die russlanddeutsche Community eher unter sich bleibt: „Im Alltag begegnen wir uns wenig. Das ist keine Ablehnung, sondern einfach die gewachsene Struktur.“

Beim Boule-Spielen oder bei Festen komme es vereinzelt zum Austausch. Diese Begegnungen im Alltag auch künftig zu fördern, hält er für den richtigen Weg: „Veränderung braucht Vertrauen und Erfahrung“, sagt er. „Solche Strukturen bricht man nicht durch Druck auf – sondern durch gemeinsames Erleben.“

Auch die Gehrder Bürgermeisterin Elke Hölscher-Uchtmann sieht Gesprächsbedarf: „Die Gefahr der Spaltung unserer Gesellschaft besteht überall, wir werden weiterhin das Gespräch mit den Menschen suchen und uns für die Entwicklung unserer Gemeinde einsetzen.“ Dabei spiele das Ehrenamt eine große Rolle.

So würde auch sie sich wünschen, dass sich mehr aus der russlanddeutschen Community in der Freiwilligen Feuerwehr engagieren. In Gehrde liegt diese nur einen Steinwurf entfernt von der freikirchlichen Gemeinde „Wort des Lebens“. In der russlanddeutschen Community findet die Feuerwehr bislang aber noch wenig Aufmerksamkeit.

Die parteilose Bürgermeisterin warnt vor einem gesellschaftlichen Auseinanderdriften: „Wir drohen diejenigen zu verlieren, die eigentlich auf unserer Seite sind – weil sie sich ständig rechtfertigen müssen, dass sie ja doch die AfD wählen.“ Am besten sei es, offen über alles zu reden, damit Ängste und Unsicherheiten gar nicht erst entstehen. Als problematisch sieht Hölscher-Uchtmann, wie sich manche Menschen über soziale Medien informieren: „Da kursieren einfache Botschaften, die irgendwie Sicherheit versprechen. Und wenn Menschen dafür empfänglich sind, dann verfängt das.“ Entscheidend sei, die Muster dahinter zu verstehen: „Aber es gibt viele, die sich von so etwas ansprechen lassen. Manche Menschen sind einfach empfänglicher – wegen ihrer persönlichen Geschichte, Prägung oder Sozialisation.“

Ein positives Beispiel, wie Integration im Alltag funktionieren kann, ist der Sportverein Gehrde. Der Vorsitzende Christoph Sperveslage sagt stolz: „Im Fußball findet die Durchmischung mit den Russlanddeutschen statt. Viele spielen bei uns – in der Jugend, der ersten und zweiten Mannschaft oder bei den Altherren.“ Das Familienbild oder die politische Haltung würden dabei keine Rolle spielen. Er drückt es so aus: „Fußball spielt man mit den Füßen, nicht mit dem Mund. Wenn man ein bisschen mit dem Ball umgehen kann, dann reicht das schon.“ Der Rest komme dann nach und nach.

Was bei der Bundestagswahl in Gehrde und in Bersenbrück an der Wahlurne geschehen ist, hat tiefe Wurzeln – in Biografien, Milieus und jahrzehntelang gewachsenen Strukturen. Doch die Beispiele aus Schule, Verein und Gemeinde zeigen: Veränderung ist möglich. Sie braucht Nähe, Vertrauen und Offenheit. Sie beginnt im Alltag – und sie braucht Zeit.

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