Osnabrück  Wie Nicole Büttner KI-Unternehmerin wurde: „Gibt noch viele coole Sachen zu tun“

Anika Sterna
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Von Anika Sterna
| 28.06.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nicole Büttner ist KI-Unternehmerin. Sie ist keine Tech-Gläubige, sondern Gestalterin: „Ich liebe nicht Technologie der Technologie wegen, sondern für das, was man mit ihr in der Anwendung machen kann.“ Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Nicole Büttner ist KI-Unternehmerin. Sie ist keine Tech-Gläubige, sondern Gestalterin: „Ich liebe nicht Technologie der Technologie wegen, sondern für das, was man mit ihr in der Anwendung machen kann.“ Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
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Nicole Büttner ist Tech-Unternehmerin und FDP-Generalsekretärin. Wie wird man KI-Unternehmerin und was fasziniert sie am Thema Künstliche Intelligenz?

„Ich hab nicht mit sechs Jahren einen Limostand betrieben“, erzählt Nicole Büttner im Gespräch. Unternehmerin zu werden, sei zwar nicht das Ziel gewesen. Aber ihre Eltern, beide im medizinischen Feld tätig, hätten ihr Verantwortungsbewusstsein vorgelebt: „Wenn du irgendwo einen Missstand siehst, dann kümmere dich.“

So engagierte sie sich schon während der Schulzeit und später im Studium in sozial-politischen Bereichen – war in der Schülervertretung, organisierte Projekte, nahm an Model-United-Nations-Konferenzen teil. „Ich habe schon immer gerne angepackt und geholfen.“ Heute ist sie KI-Unternehmerin (Künstliche Intelligenz). Sie ist keine Tech-Gläubige, sondern Gestalterin: „Ich liebe nicht Technologie der Technologie wegen, sondern dafür, wie man mit ihr Prozesse effizienter machen und das Leben verbessern kann.“

Auf das Studium in St. Gallen in der Schweiz und an der renommierten Stanford University in den USA folgten mehrere berufliche Jahre in Paris, bevor es sie zurück nach Deutschland zog. Sie stieg bei Auctionomics, einem Unternehmen, das Auktionssysteme designt, ein. Sie habe fasziniert, wie die Software-Entwickler über Problemlösungen nachdachten. So kam sie zum ersten Mal in Kontakt mit Künstlicher Intelligenz und merkte: „KI ist cool. Damit will ich arbeiten. Da will ich sein.“ 

Damals suchten viele Unternehmen händeringend nach sogenannten Data Scientists, doch der Beruf war neu und Studiengänge fehlten. „Die Firmen wussten oft nicht einmal, wohin mit den Leuten – zur IT? Ins Marketing?“ Büttner begann, Lösungen für dieses Vermittlungsproblem zu entwickeln. Unter dem Dach von Merantix, einem Unternehmen, das Start-ups rund um Künstliche Intelligenz entwickelt, finanziert und beim Aufbau unterstützt, gründete sie Merantix Momentum. Die Plattform vermittelt zwischen KI-Experten, Mittelstand und Industrie.

Ihre Arbeit ist von Anfang an politisch. Fragen wie, „Wie lassen sich KI-Systeme verantwortungsvoll entwickeln?“, oder „Wer programmiert sie, auf welchen Grundlagen?“ prägen die KI-Entwicklung. Büttner erklärt: „KI-Systeme skalieren extrem. Wir haben ein paar wenige Menschen, die eine Software schreiben, die aber von hunderten Millionen Menschen genutzt wird. Neben dem großen Potenzial neuer Technologien besteht gleichzeitig auch die Herausforderung, verantwortungsbewusst damit umzugehen.“

Ein Bereich, in dem sich das Potenzial zeigt und der sie sichtlich bewegt, ist die Medizin. Mit einer Tochterfirma, so sagt sie, könnten dank KI auch in Entwicklungsländern Vorsorgeuntersuchungen für Brustkrebs angeboten werden. Generell würde sie sich bei der Diagnostik eine Art vier-Augen-Prinzip mit Mensch und KI wünschen. „Ich vertraue Menschen, aber Menschen sind nicht perfekt.“ Einige Krankheiten, wie manche Tumore, könnten vom menschlichen Auge auch gar nicht erst erkannt werden – von der KI hingegen schon.

Als besonders kraftvollen Moment beschreibt sie, als Vara die erste Patientin mit Krebs diagnostiziert hatte. „Ein Arzt hätte sie nachhause geschickt, weil er den Tumor gar nicht hätte erkennen können“, berichtet sie. „Das ist der größte Einfluss, den man auf das Leben einer Person haben kann – ob man die Person mit Diagnose nach Hause schickt oder nicht.“

Auch die Medikamentenentwicklung könne sich dank künstlicher Intelligenz rasant beschleunigen. „In der Gesundheitsversorgung haben wir einfach begrenzte personelle und finanzielle Mittel. Wir wollen den Menschen aber immer bessere Gesundheitsversorgung bieten und da müssen wir KI nutzen.“

Gleichzeitig müsse man achtsam bleiben und hinterfragen, wer die wenigen Entwickler sind und nach welchen Prinzipien sie operieren. Eine KI agiert mit den Informationen, die sie gefüttert bekommt. „,Welche Fragen soll KI beantworten?’, ist eine politische, eine philosophische Diskussion“, sagt Büttner, „die wir als Gesellschaft führen müssen, weil wir als Gesellschaft den Rahmen geben – wir sagen, was wir erreichen wollen und geben diese Schranken an die KI weiter.“

Ethische Entscheidungen zu treffen, das kann KI nicht. „Das ist eine rein menschliche Fähigkeit.“ Das kann Vorteile haben: So gebe es erste Studien in den USA, die zeigen, dass die KI vor Gericht wertneutraler sein könne als eine Jury, erklärt Büttner.

Das bedeutet aber auch, dass Berufe nicht obsolet werden würden. Eine KI kann, egal wie weit entwickelt, nicht die Empathie eines Arztes ersetzen. Empathie geben könne nur ein anderer Mensch.

Über Risiken zu sprechen sei zwar wichtig, findet Büttner, doch die Diskussion sollten sich nicht nur darum drehen, wie sie es in ihrer Wahrnehmung aktuell überwiegend tun. Dadurch verpasse man, über die Möglichkeiten zu sprechen, findet sie.

Sie fordert: „Lasst uns die Forscher zurückholen nach Europa.“ Dafür müsse Europa zusammenwachsen und zeigen: „Wir wollen führend auf diesem Gebiet sein und erkennen vor allem die Potentiale.“ Deshalb fordert sie offene Debatten, klare politische Rahmenbedingungen, aber auch mehr Mut. „Wir sehen zu oft Risiken und beginnen zu oft erst mit der Regulierung von neuen Technologien. Wir investieren als Volkswirtschaft zu wenig in Forschung, Entwicklung und Innovation.“

Und sie weiß auch: Die Technologie bleibt nicht im Labor. Auch privat nutzt Büttner KI – ob für Recherche oder für Malvorlagen mit der Tochter: „Man findet immer neue Anwendungsfelder. Und es gibt noch so viele coole Sachen zu tun.“

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