„Gott ist queer“ Trotz Streit – spielen Kirchen Lied von Annie Heger?
Der Wiesmoorer Pastor Quinton Ceasar hatte 2023 den Satz „Gott ist queer“ in seiner Predigt auf dem Kirchentag gesagt. Was bedeutet Annie Hegers Song für ihn – und was für die Kirche?
Leer - Um das Lied „Gott ist queer“ der Ostfriesin Annie Heger hat es jede Menge Diskussion gegeben, die Nordkirche hatte eine Veröffentlichung sogar abgelehnt. Der Titel des Songs geht auf einen Satz des Wiesmoorer Pastors Quinton Ceasar zurück, den er in seiner Predigt auf dem Kirchentag 2023 gesagt hatte. Im Interview äußert er sich zu der Diskussion, die seine drei Worte jetzt erneut ausgelöst haben und verrät, was er sich für den Song von Annie Heger wünscht.
Was hat Sie damals dazu bewogen, auf dem Kirchentag diesen Satz zu sagen?
Pastor Quinton Ceasar: Meine Predigt war viel mehr, als diese drei Wörter. Das Thema war ,Wir vertrauen eurer Liebe nicht‘ und das gilt ja nicht nur für queere Menschen. Ich hatte damals viele Menschen aufgelistet: Menschen auf der Flucht, asylsuchende Menschen, behinderte Menschen, People of Color. Meine Predigt bezog sich auf ein ganz breites Spektrum von Menschen, die ausgegrenzt werden, auch von der Kirche. Ein Teil davon war die queere Community.
Predigt von Pastor Ceasar
In der Predigt von Pastor Quinton Ceasar auf dem Kirchentag 2023 hieß es unter anderem: „Jetzt ist die Zeit zu sagen: Wir sind alle die Letzte Generation.“ Menschen sollten sich an der befreienden Liebe Jesu Christi festkleben. Er sagte weiter: „Jetzt ist die Zeit zu sagen: Black lives always matter. Jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer.“ Jetzt sei auch die Zeit zu sagen, man überlasse niemanden dem Tod, etwa Flüchtlinge. „Jetzt ist die Zeit zu sagen: Wir schicken ein Schiff und empfangen Menschen in sicheren Häfen.“ Quinton Ceasar warb in der Predigt für Veränderungen in Kirche und Gesellschaft, für den Abschied vom klassischen Denken, dass Heterosexualität eine Norm sei. Die Menschen hierzulande sollten ihre Privilegien nutzen, um möglichst vielen anderen Menschen zu helfen. Anm. d. Redaktion: Queer ist der Sammelbegriff für alle sexuellen Vorlieben über die Anziehung von Mann und Frau hinaus, also für Menschen, die etwa schwul, lesbisch, bi-, trans-, oder intersexuell sind.
Der Satz sorgte auch damals schon für jede Menge Diskussion. Es gab auch persönliche Angriffe auf Sie und sehr viele Hassnachrichten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Quinton Ceasar: Das war für mich danach schon eine Zeit zum Innehalten. Ich hatte durchaus Kritik erwartet, aber eher zu meinen Aussagen zur Flüchtlingspolitik und meiner Aussage, dass Jesus die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge fordere, und nicht so sehr für ,Gott ist queer‘. Diese Welle voll Hass, die dann auf mich losrollte, die hatte ich aber nicht erwartet. Zum Glück war der Candystorm am Ende größer als der Shitstorm. Es gab deutlich mehr Unterstützung für mich als Angriffe auf mich – die Angreifer waren nur lauter. Erst neulich habe ich noch ein Foto von einem Christopher-Street-Day gesehen, auf dem jemand ein Schild hochhielt, auf dem stand: „Gott ist queer“. Das zeigt mir, dass diese Worte den Menschen immer noch viel bedeuten. Das gibt mir weiter Kraft.
Queere Menschen sind aber immer noch Angriffen ausgesetzt. Zuletzt wurden Teilnehmer beim CSD in Emden brutal attackiert. Hat sich also nichts geändert?
Quinton Ceasar: Viele Menschen haben mir 2023 zurückgemeldet, dass es doch längst klar sei, dass queere Menschen Teil der Gesellschaft seien und dazu gehörten und dass das längst kein Thema mehr sei. Das ist aber nicht wahr. Wir verpassen da was, wenn wir sagen: Das ist kein Thema mehr. Queere Menschen erleben immer wieder eine andere Realität. Wir sehen ja deutlich, dass die queere Community immer mehr ins Visier von rechter Hetze und rechter Gewalt gerät. Deshalb war es auch ein fatales Signal der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, der queeren Gruppe der Bundestagsverwaltung die Teilnahme am Berliner Christopher Street Day zu untersagen, statt diese zu unterstützen. Es ist wichtig, dass Politik und wir als Kirche unsere Stimmen erheben und unsere Solidarität mit den queeren Menschen zeigen.
Das Lied
In dem Lied „Gott ist queer“ von Annie Heger lautet der Refrain: „Hab uns geseh’n im Regenbogen. Seine Farben sind wir, seine Hoffnung sind wir – Gott ist queer.“ Wer den Song hören möchte, findet ihn unter: https://listen.music-hub.com/pSgDQl
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hat die Kirche aufgerufen, sich weniger politisch zu engagieren und sich mehr um die Seelsorge zu kümmern. Wie sehen Sie das?
Quinton Ceasar: Als Kirche haben wir generell eine Stimme, die man auch in die Gesellschaft einbringen muss, um gegen Rassismus und Ausgrenzung anzukämpfen. Gott war auch nicht unparteiisch. Gott hat sich immer, auch durch Jesus, an die Seite der Schwachen und Ausgegrenzten gestellt. Deshalb wäre es ja geradezu komisch, wenn wir uns als Kirche nicht engagieren würden. Es geht um Gerechtigkeit und Menschenwürde. Das ist ja auch eine zentrale Botschaft der Bibel.
Diese drei Wörter „Gott ist queer“ sind aber für die Kirche noch immer ein rotes Tuch?
Quinton Ceasar:Es finden sich immer Leute, vor allem im fundamentalistisch-evangelikalen Kirchenspektrum, die harte Worte für meine damalige Aussage finden. Und jetzt merkt man an Annies Lied, das ja auch als Titel „Gott ist queer“ trägt, dass die gleichen Fundies innerhalb der Kirche wieder mit harter Kritik kommen und meinen, sie müssten Gott verteidigen. Dabei muss wirklich niemand Gott verteidigen – Gott ist zu groß und braucht keine Leibwächter. Es ist sehr schade, dass man sich auch jetzt wieder nur auf diese drei Worte stürzt und den Rest des Liedtextes gar nicht beachtet.
Die evangelisch-lutherische Nordkirche, die das Lied bei Annie Heger ursprünglich in Auftrag gegeben hatte, hat die Veröffentlichung zurückgezogen. War das zu erwarten?
Quinton Ceasar: Ich war ehrlich gesagt irritiert, dass ausgerechnet die Nordkirche – die sonst für ihre gute und queersensible Arbeit bekannt ist – beim Lied von Annie plötzlich zurückgerudert ist. Die offizielle Begründung, Gott entziehe sich jeder personalen oder körperlichen Zuschreibung, wirkt auf mich vorgeschoben. Denn die traditionellen Gottesbilder, die in Kirche und Theologie bis heute wirkmächtig sind, waren nie neutral: Sie waren durchweg männlich gedacht, weiß, patriarchal und eurozentrisch geprägt. Genau das wird hier offenbar ausgeblendet.
Wird das Lied „Gott ist queer“ überhaupt in einer Kirche zu hören sein?
Quinton Ceasar: Annie hatte damit schon Auftritte in einer Kirche. Und ich glaube und hoffe, dass dieses Lied von vielen Kirchengemeinden als Teil ihres Liedgutes aufgenommen wird und es in den Gottesdiensten zu hören sein wird. Nicht, weil es mir um diese drei Worte geht, sondern weil das Lied eine befreiende Botschaft vermittelt: Wir können uns noch mal neu mit unserem Glauben, Theologie und unseren Bildern von Gott auseinandersetzen. Dafür ist dieses Lied ein richtig guter Beitrag, eine neue Chance für den Glauben.