Hamburg/Bern  Fußball-Pionierin Imke Wübbenhorst: Zwischen Milch abpumpen und Champions-League-Hymne

Alexander Barklage
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Von Alexander Barklage
| 27.06.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Als Trainerin der Frauen von Young Boys Bern gewann Imke Wübbenhorst in der vergangenen Saison die Schweizer Meisterschaft. Foto: IMAGO/justpictures.ch
Als Trainerin der Frauen von Young Boys Bern gewann Imke Wübbenhorst in der vergangenen Saison die Schweizer Meisterschaft. Foto: IMAGO/justpictures.ch
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Imke Wübbenhorst ist Pionierin im Profi-Fußball: Die gebürtige Auricherin hat als eine der ersten Frauen ein Männerteam trainiert. Während der laufenden Saison wurde sie als Trainerin schwanger und Mutter eines Sohnes – nach kurzer Baby-Pause feierte sie ein großartiges Comeback und gewann die Schweizer Meisterschaft. Wie sie Job und Familie unter einen Hut bringt, erklärt Wübbenhorst im Interview.

Die vergangenen Monate waren für Imke Wübbenhorst die wohl intensivsten und schönsten ihres Lebens – sowohl privat als auch beruflich. Die gebürtige Auricherin wurde im Dezember 2024 zum ersten Mal Mutter und feierte nur wenige Wochen später als Trainerin mit ihrem Frauen-Fußball-Team Young Boys Bern die Schweizer Meisterschaft.

2018 machte sie bundesweit Schlagzeilen als erste Frau, die ein Männer-Fußballteam in der 4. Liga hauptverantwortlich betreute. Über ihre Erfahrung in der Männerdomäne Fußball und ihre aktuelle Zeit in der Schweiz spricht Imke Wübbenhorst in diesem Interview.

Frage: Frau Wübbenhorst, im Mai feierten Sie als Trainerin der YB Bern die Schweizer Meisterschaft mit den Frauen. Erst ein paar Wochen zuvor beendeten Sie ihre 14-wöchige Elternzeit nach der Geburt ihres Sohnes im Dezember. Gleich zwei einschneidende Erlebnisse in so kurzer Zeit. Hatten Sie schon Gelegenheit alles zu verarbeiten?

Antwort: Ja, das war wirklich verrückt. Zuerst einmal muss ich mich bei den Verantwortlichen von Young Boys Bern bedanken, die mich während meiner Schwangerschaft so gut unterstützt haben – und dass wir dann die Saison auch noch zu so einem krönenden Abschluss bringen, ist natürlich fantastisch. Sekunden nach dem Titelgewinn konnte ich dann schon meinen fünf Monate alten Sohn wieder in die Arme nehmen.

Frage: In ihrer Abwesenheit hat Sie der Technische Leiter Rolf Kirchhofer vertreten. Wie lief die Abstimmung während ihrer Schwangerschaft und im Mutterschaftsurlaub mit ihm ab?

Antwort: In der Schweiz hat man gesetzlich einen 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub. Es war klar, dass ich danach auch zurückkehren möchte. Rolf meinte mit Augenzwinkern, dass ich ruhig noch bis zum Sommer wegbleiben könnte, doch es stand im März ein wichtiges Spiel an, das ich mir dann auch nicht entgehen lassen wollte. Mir war auch klar, dass wir in dieser Saison mit unseren eigenen Talenten eine gute Chance hatten, um die Meisterschaft mitzuspielen.

Frage: Wie muss man sich den Alltag als Fußballtrainerin vorstellen, die nebenbei noch ihren neugeborenen Sohn stillen muss?

Antwort: Von Anfang an war der Club sehr hilfsbereit und kulant. Ich konnte selbst entscheiden, wie lange ich freigestellt werden wollte und wann ich wieder anfangen will. Nach meiner Rückkehr im März war es schon sehr kurios, denn ich habe meinen Sohn noch gestillt. In der Halbzeit oder vor dem Spiel habe ich teilweise noch abgepumpt und dann die Milch über Staffmitglieder zu meiner Mutter bringen lassen, die sich dann um meinen Sohn gekümmert hat. Zum Glück war meine Mutter in den ersten zehn Wochen nach der Geburt bei mir. Der Kleine ist teilweise auch mit im Mannschaftsbus mitgefahren. Alle im Team waren sehr hilfsbereit und nachsichtig.

Frage: In der Schlussphase der Saison wurde es besonders stressig. Haben Sie denn genug Schlaf bekommen?

Antwort: Mein Sohn hat mich einigermaßen lange schlafen lassen in der Nacht, aber alle zwei, drei Stunden wollte er dann schon an die Brust. Zum Glück konnte tagsüber meine Mutter übernehmen. Ich habe aber jeden Tag zwischen den Trainingseinheiten immer wieder gestillt. Wenn ich abends nach Hause gekommen bin, habe ich dann wieder übernommen und ihn schlafen gelegt.

Frage: Jetzt sind Sie gleichzeitig junge Mutter und Meistertrainerin. Hatten Sie nicht die Sorge, dass sie Mutter sein und zugleich voll berufstätige Trainerin nicht unter einen Hut bekommen?

Antwort: Nein, ich hatte nie Angst. Es macht mir sehr viel Spaß, Mutter zu sein. Damit hatte ich eigentlich gar nicht gerechnet. Ich hatte nie so den großen Wunsch, Mutter zu werden. Mein Leben war bis dato einfach total erfüllend. Ich hatte nie einmal das Gefühl, dass mir irgendwas fehlt. Ich hatte ein total schönes Leben und habe die Zeit mit meinen Freunden genossen. Jetzt bin ich extrem froh, dass mein Partner gesagt hat, als das Kind dann unterwegs war: „Hey super, dann machen wir das.“ Ich bin dann noch zwei, dreimal nachts aufgewacht und habe gefragt: „Wollen wir das wirklich machen?“ Und er hat gesagt: „Na klar.“ Dazu jetzt als Krönung der Entwicklung des Teams die Schweizer Meisterschaft feiern zu dürfen, ist das i-Tüpfelchen. Als ich die Mannschaft vor drei Jahren übernommen habe, haben wir sehr viele Gegentore kassiert und wenige geschossen. Mittlerweile ist es umgekehrt. Aus dieser Zeit sind noch fast alle Spielerinnen im aktuellen Kader, viele davon aus der eigenen Jugend. Darauf bin ich stolz und das war unser Ziel.

Frage: Nach der erfolgreichen Saison können Sie sich in der Sommerpause nicht zurücklehnen – ganz im Gegenteil. Einige Spielerinnen werden den Verein verlassen und neue müssen verpflichtet werden. Dazu findet in der Schweiz ab dem 2. Juli die Frauen-Fußball-EM statt. Sie haben genug zu tun, oder?

Antwort: Ja, es bleibt spannend. Aktuell bin ich in der Spielerinnen-Akquise, außerdem werde ich während der EM als Expertin für das Schweizer Fernsehen arbeiten. Trainingsauftakt ist dann Mitte Juli. Ende August geht die Saison wieder los und der große Fokus liegt dann auf der Qualifikation für die Champions League. Als Schweizer Meister müssen wir ein Miniturnier und noch eine K.o.-Runde überstehen, um die prestigeträchtige Gruppenphase zu erreichen. Sonst geht es für uns „nur“ im neuen Europa-League-Wettbewerb weiter.

Frage: Nach dem Eurovision Song Contest in Basel ist die Schweiz jetzt erneut im internationalen Fokus. Die Ergebnisse der Schweizer „Nati“ waren zuletzt alles andere als gut, wie steht es um die Euphorie im Land?

Antwort: Das stimmt, die Ergebnisse in der Nations League waren zuletzt nicht gut, aber die Schweiz hat sich in den letzten Jahren der europäischen Spitze angenähert. Mit der Verpflichtung von Top-Trainerin Pia Sundhage ist der Schweiz ein Riesencoup gelungen, aber bislang konnte sie dem Team noch nicht ihren Stempel aufdrücken. Die Schweiz wird es schwer haben, richtig weit zu kommen. Die Vorfreude auf das Turnier ist generell im Land aber schon riesig, es wurden so viele Tickets für eine Frauen-EM verkauft wie noch nie. In der heimischen Liga gibt es immer wieder neue Zuschauerrekorde – insgesamt ist das Spielniveau stark angestiegen. In den Austragungsstätten gibt es überall Public Viewing. Die EM hier wird weiter Werbung für den Frauen-Fußball machen und ein großes, friedliches Fest werden.

Frage: Wie bewerten Sie aus der Ferne die Deutsche Nationalmannschaft unter dem neuen Bundestrainer Christian Wück und ohne das große Aushängeschild Alexandra Popp?

Antwort: Die großen Aushängeschilder wie eine Birgit Prinz, Nadine Angerer und die zuletzt zurückgetretene Alexandra Popp sind jetzt zwar nicht mehr im Kader, aber ich glaube, das kann auch von Vorteil sein. Aus meiner Sicht setzt Bundestrainer Wück die Spielerinnen auf ihren Lieblingspositionen ein und jede Spielerin weiß so genau, was sie zu tun hat. Dadurch lassen sich personelle Ausfälle auch besser kompensieren. Er hat sich eine sehr homogene Mannschaft zusammengestellt: erfahrene Spielerinnen wie Kapitänin Giulia Gwinn oder Laura Freigang ebenso wie die Youngster Selina Cerci oder Cora Zicai.

Frage: Gehört die Deutsche Mannschaft mit zum Favoritenkreis?

Antwort: Die zuletzt guten Ergebnisse in der Nations League haben dem Team noch einmal einen richtigen Push gegeben. Die Deutschen haben eine gute Chance, mal wieder einen Titel zu holen. Topfavorit bleibt für mich Spanien, England ist aber auf Augenhöhe.

Frage: In einem Podcast hat Nationalspielerin Lena Oberdorf offen über ihre Menstruationsprobleme gesprochen. Sie meinte, es sei immer noch ein Tabuthema. Wie behandeln Sie das Thema in ihrem Team?

Antwort: Für uns ist das gar kein Tabuthema, das ist total normal. Egal, ob es Homosexualität im Frauenfußball, Regelschmerzen oder Schwangerschaft sind, es gehört doch einfach dazu bei uns.

Antwort: Apropos, Frauen-Fußball und Männer-Fußball. Sie waren eine Vorreiterin und beim BV Cloppenburg in der vierten Liga erstmalig in Deutschland alleinverantwortliche Trainerin in einem Männerteam, das derart hochgespielt hat. Aktuell gibt es im Profifußball der Männer mit Sabrina Wittmann beim Drittligisten FC Ingolstadt nur eine Frau als Cheftrainerin. Wie sehen Sie diese Entwicklung und glauben Sie, dass bald wieder vermehrt Frauen Männerteams trainieren?

Antwort: Generell ist das Problem, dass es sowohl für Spielerinnen als auch für Trainerinnen sehr schwer ist überhaupt in den Profifußballbereich zu kommen beziehungsweise zu bleiben. Nur die besten Profispielerinnen können von ihrem Gehalt leben, die meisten haben nebenbei immer noch einen Beruf. Die Frauen sagen sich dann irgendwann: „Jetzt möchte ich auch mal wieder meine Wochenenden für mich haben, jetzt möchte ich auch mal wieder einen Abend freihaben.“ Und deswegen ist es so, dass natürlich viele gar nicht dem Fußball erhalten bleiben. Bei den Männern ist es eher umgekehrt. Viele Spieler versuchen sich im Profifußball durchzukämpfen, weil sie hier wesentlich mehr verdienen können als in ihrem erlernten Beruf. Ich glaube, je professioneller der Frauenfußball wird, desto mehr Frauen haben auch die Ambitionen, Profispielerin oder Trainerin zu werden. Mittlerweile kann man auch als Trainerin von dem Gehalt ganz gut leben. Es gibt auch von der UEFA und dem DFB einige Programme, um eben Trainerinnen heranzuziehen, aber sie brauchen halt auch Perspektiven, um nach der Ausbildung auch irgendwo arbeiten zu können.

Antwort: Also Sie würden als Quintessenz sagen, umso professioneller der Frauenfußball immer noch werden muss im Vergleich zu den Männern, umso weniger gibt es auch diese Problematik, dass es weniger Trainerinnen gibt, auch bei den Männern oder generell.

Antwort: Ja, genau. Aktuell ist es wirklich schwierig, eine gute Frau zu rekrutieren, weil nur wenige gute Frauen überhaupt so lange dabei bleiben und den ganzen Prozess bis zur Trainer-Pro-Lizenz bis zum Ende durchziehen. Außerdem bietet ein Trainer weniger Angriffsfläche, deswegen entscheiden sich auch Clubs dafür, einfach einen Mann zu nehmen. Und das kannst du auch keinem Verein verübeln.

Antwort: Was hat bei Ihnen den Ausschlag gegeben, dass Sie am Ball geblieben sind und jetzt Ihre Karriere als Trainerin mit der Schweizer Meisterschaft gekrönt haben?

Antwort: Es waren viele Fügungen dabei, aber auch meine Hartnäckigkeit und Geduld haben sich ausgezahlt. In Cloppenburg stand der BVC kurz vor der Insolvenz und hat mich dann einfach machen lassen. Nach meinem Engagement in Lotte und beim Drittligisten Viktoria Köln (als Videoanalystin) hatte mich die ehemalige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg empfohlen und so entstand der Kontakt in die Schweiz. Für mich persönlich habe ich festgestellt, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Ich glaube, da bin ich dann auch gereift oder bin ein bisschen schlauer geworden, wie man sich einen Verein sucht, wo man eben auch erfolgreich und langfristig arbeiten kann.

Antwort: Abschließende Frage: Als Trainerin haben Sie jetzt ihren ersten großen Titel gefeiert. Was sind ihre beruflichen Ziele? Könnten Sie sich auch eine Rückkehr in den Männer-Fußball vorstellen?

Antwort: Ich möchte einmal die Champions-League-Hymne an der Seitenlinie hören. Bei den Frauen gibt es eine eigene Hymne, aber die bei den Männern finde ich einfach besser, also muss ich wohl doch zu den Männern wechseln...(lacht). Generell geht es mir überhaupt nicht um Männer oder Frauen: Es geht mir darum, dass die Struktur passen muss für mich, dass ich eben weiß, was wirklich zählt, um erfolgreich arbeiten zu können in einem Verein. Ob es dann ein Männer- oder Frauen-Team ist, ist wirklich egal.

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