Osnabrück So war es bei Angela Merkel
Angela Merkel gibt selten Interviews. Im Gespräch mit Burkhard Ewert berichtet sie über ihr neues Buch „Freiheit“, ihre Zeit nach dem Kanzleramt und ihre Sicht auf Kritik an ihrer Amtsführung und deren Folgen für Deutschland.
Die „Zeit“, der „Deutschlandfunk“ und noch drei weitere: Mehr Interviews von Angela Merkel finde ich aus den vergangenen Jahren nicht. Und so ist es durchaus etwas Besonderes, dass ich mich an diesem Sommertag mit meiner Kollegin Rena Lehmann auf den Weg zum Büro der früheren Bundeskanzlerin mache. Das liegt in dem Gebäude, in dem früher Margot Honecker als Bildungsministerin der DDR residierte. Auch Helmut Kohl hatte hier sein Büro.
Nun arbeitet Merkel in der Berliner Prachtstraße „Unter den Linden“, direkt zwischen dem Hotel Adlon und der Russischen Botschaft. Der Blick fällt repräsentativ auf das Brandenburger Tor, doch die Büros und Flure wirken nüchtern und grau.
Einmal hatte ich Merkel auf einer Russland-Reise begleitet. Das letzte Interview fand noch im Kanzleramt statt. Und was soll man sagen: Merkel ist sich treu geblieben. Die Kleidung, die Frisur, auch die Denkweise und die Gesprächsführung – alles wirkt vertraut. Vielleicht ist sie ein bisschen gelöster und weniger misstrauisch. Vielleicht ist sie eine Winzigkeit weniger unwirsch, wenn ihr eine Frage nicht gefällt. Ansonsten ist kaum ein Unterschied zu spüren. Wie früher schenkt Merkel den Kaffee persönlich ein.
Mit sichtlichem Stolz spricht sie über ihr neues Buch „Freiheit“, das sie gemeinsam mit ihrer Büroleiterin Beate Baumann verfasst hat. Kritiker werfen ihr vor, ihre politische Karriere nun zu Geld zu machen – mit Wissen und Ressourcen aus ihrer Amtszeit. Doch das öffentliche Interesse an ihren Erinnerungen ist unübersehbar: 200.000 Exemplare wurden allein in der ersten Woche verkauft. Der Vorschuss soll bei mehreren Millionen Euro liegen. Lesungen kosten zwischen 30 und 50 Euro – auch davon bleibt etwas übrig.
Aber wissen Sie was? Ich gönne es ihr. Es steht außer Frage, dass Merkel in einem anderen Beruf deutlich mehr hätte verdienen können. Peer Steinbrück sagte einst, jeder Sparkassendirektor verdiene besser. Nach ihrem Ausscheiden hat Merkel keinen glamourösen Posten bei einer internationalen Organisation angenommen, sondern ihr Leben bewusst entschleunigt. Am Rande des Interviews erzählt sie von ihrem Garten, von Treffen mit Freunden, von Kunst und Kino.
Drei Dinge aus unserem Gespräch blieben mir besonders haften:
Ebenfalls fiel mir auf, dass mich auf dieses Interview nach seinem Erscheinen so viele Menschen angesprochen haben wie selten zuvor. Bei allem Selbstbewusstsein schreibe ich das nicht unseren Fragen zu. Merkel selbst ist es, die die Menschen nach wie vor interessiert und fasziniert. Das gilt auch für die Kinder einer Kollegin, die die Christdemokratin und erfolgreiche Frau als Vorbild betrachten und um Sprüche für ihr Poesiealbum baten.
Merkel steht indes auch für Macht und für eine Strategie, die es schaffte, außerhalb der klassischen Unionsanhängerschaft Menschen für sich zu gewinnen. Man kann ihr ihre Mittel dazu übel nehmen. Ich tue das in Teilen durchaus. Merkel trägt eine erhebliche Mitverantwortung dafür, wie gespalten das Land heute erscheint. Die Neigung des Menschen zu Ausgrenzung und gruppenbezogener Feindseligkeit ist bekannt. Merkel hat sie in der Coronazeit geschürt. Das ist ihr vorzuwerfen.
Enttäuscht bin ich auch davon, wie sehr sie Entwicklungen in der Schweiz und Schweden ignorierte und sich durch einseitige Beratung beeinflussen ließ. Sie wolle sich nicht mit allen Details befasst haben, sagt sie uns etwa auf die Frage, ob sie die damaligen Zweifel der Mitarbeiter im Robert-Koch-Institut (RKI) nicht gekannt oder aber ignoriert habe. Dazu fällt mir wenig ein.
Milder fällt mein Urteil mit Blick auf die AfD aus. Ja, nach Merkels Zuwanderungspolitik des Jahres 2015 wuchs die Partei rechts der Union. Aber auch in Nicht-Merkel-Ländern erstarkten rechtspopulistische Kräfte, in der Regel sogar auf Kosten der dortigen bürgerlich-konservativen Parteien, anders als es in Deutschland der Fall war.
Wahr ist zugleich, dass Merkel mit ihrem Ansatz die EU förmlich sprengte. Licht und Schatten prägen daher mein Merkel-Bild. Bestimmt haben Sie Ihr eigenes. Erzählen Sie mir gerne davon! Lassen Sie mich wissen, was Sie über Merkel und unser Interview denken, das Sie an dieser Stelle lesen können.