Faszination True Crime Sie weiß genau, wie Verbrecher ticken
Eva-Maria Silber hängte vor Jahren unfreiwillig ihren Job als Strafrechtlerin an den Nagel. Sie verlor ihr Gehör fast vollständig. Von ihren Erfahrungen aber zehrt sie als Autorin bis heute.
Funnix - Eva-Maria Silbers Leidenschaft ist True Crime. Echte Kriminalfälle begleiten sie schon seit Jahrzehnten. Sie inspirieren sie zu Romanen. Lange, bevor sie zur Autorin von Krimi-Büchern wurde, beschäftigten sie sie als Juristin. Eva-Maria Silber, Jahrgang 1959, studierte Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt Strafrecht. Als Rechtsanwältin und Strafverteidigerin war sie ganz nah dran am Verbrechen. „Damals habe ich gelernt, mich in andere hineinzuversetzen“, erklärt sie im schriftlichen Austausch zu ihrer Arbeit. Ein wichtiges Fundament, auf dem sowohl das Strafrecht als auch ein guter Kriminalroman aufbauen. Vor Gericht steht Silber heute nicht mehr. 2009 war sie gezwungen, ihren Beruf als Juristin aufzugeben. „Weil ich einfach zu schlecht hörte.“ Infolge der Erkrankung Morbus Menière ist sie eigenen Aussagen zufolge nahezu taub.
Seither widmet sie sich intensiv dem Schreiben. „Da helfen mir meine beruflichen Erfahrungen ganz enorm.“ Silbers Protagonisten verfügen über Tiefgang und Abgründe, offenbaren innere Zerrissenheit und lassen den Leser daran teilhaben, was sie antreibt. Auch daran, was sie zum Mörder werden lässt. Ungeschönt. „Als ich das erste Mal im Referendariat am Landgericht Frankfurt am Main neben einem Richter am Richtertisch saß und beide Seiten in einem Verfahren anhörte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Beide Seiten hatten gute Argumente dafür, ihre rechtliche oder tatsächliche Position als die richtige zu sehen.“ Das könne nur erkennen, wer sich wirklich auf beide Seiten einlässt.
Der Ostfriesland-Krimi „Deichschatten“
Eva-Maria Silber holt das Verbrechen als Autorin schon einmal vor ihre eigene Haustür: In ihrem zuletzt veröffentlichten Ostfriesland-Krimi „Deichschatten“ macht sie ausgerechnet einen Wittmunder Stadtteil zum Ort des Geschehens. Funnix ist der Ort, in dem sie selbst die meiste Zeit des Jahres lebt und arbeitet. Kriminalhauptkommissarin Hannah Adams ist Neuzugang der Wittmunder Polizeiwache. Ihre aus Sicht der Protagonistin „Versetzung in dieses Kuhdorf am Arsch der Welt“ war nicht ganz freiwillig. Während in Etzel die Lage rund ums Kavernenfeld zu eskalieren droht – aus ungeklärter Ursache kommt es zu einem Druckabfall in den unterirdischen Speicherkavernen für Erdgas –, wird sie ins Wittmunder Krankenhaus geschickt. Von dort sind eine Mutter und ihr Neugeborenes verschwunden. Ein Arzt vermutet die Absicht einer Kindstötung. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.
Silbers Einschätzung zufolge ist Neonatizid, also die Tötung von Neugeborenen, ein gesellschaftliches Tabuthema. Aber: „Tabus sind für mich tabu.“ Es habe sie beschäftigt. „So sehr, dass ich ein Buch darüber geschrieben habe.“ Es passiere – doch die Beweggründe der Täterinnen würden kaum thematisiert. „Viel zu selten wird dargestellt, in welchen Krisensituationen sich Frauen befinden, die kein Kind haben wollen oder können. Die aber aus irgendwelchen Gründen, die für andere nicht nachvollziehbar sein mögen, nicht in der Lage sind, abzutreiben oder das Baby zur Adoption freizugeben.“ Deren Geheimnis sie dazu zwinge, das Baby nur noch unbemerkt loswerden zu wollen.
Einschränkung – hinnehmen oder verzweifeln?
Gemeinsam mit Staatsanwältin Leyla Zapatka macht sich Adams auf die Suche. Eine erste Spur führt sie in ein desolates Altenheim in Asel und schließlich weiter nach Funnix, auf einen heruntergekommenen Bauernhof. Facettenreich touchiert Silber, was beispielsweise Missbrauch auf so vielen Ebenen nach sich zieht. „Deichschatten“ ist die Neuveröffentlichung ihres bisher einzigen Ostfriesland-Krimis bei dp Digital Publishers. 2016 wurde das Werk bereits unter dem Titel „Niemandsmädchen“ in einem anderen Verlag herausgegeben. Im Juli 2025 soll zudem „Was das Moor verbirgt“ bei dp erscheinen – 2022 kam das als „Moorgrab“ mit Tatort am Steinhuder Meer auf den Markt. Als Hörbuch wurde es bis Ende 2024 knapp 210.000-mal heruntergeladen. Das E-Book von „Forgotten Girl“, inzwischen als „Kaltes Vergessen“ neu aufgelegt, verkaufte sich mehr als 12.000-mal. Silber: „Das ist für mich ein toller Erfolg.“
Eine Besonderheit der jungen Staatsanwältin in „Deichschatten“ ist ihr beginnender Hörverlust: „Die Beschreibung der Schwerhörigkeit meiner Protagonistin ist autobiografisch. Inzwischen aber überholt, weil sie sich bei mir deutlich verschlimmert hat“, macht Silber deutlich. „Ich versuche, immer authentisch zu schreiben. Und da ist die eigene Erfahrung natürlich perfekt. Wer, wenn nicht der Betroffene selber, könnte überzeugender beschreiben, wie sich das anfühlt?“ Sie therapiere sich damit nicht selbst, stellt Silber klar: „Eine solche Einschränkung muss man hinnehmen oder daran verzweifeln.“
Sichtbarkeit als Autorin leidet unter Erkrankung
Silber verzweifelte nicht. Obwohl es ihr ungeheuer schwerfiel, ihren Traumberuf aufzugeben: „Das Ende wurde mir allerdings dadurch versüßt, dass ich meinen zweiten Traum, Schriftstellerin zu werden, verwirklichen konnte.“ Dennoch sei ihr damals nicht klar gewesen, dass ihr Hörvermögen sich auch aufs Schreiben auswirken könnte: „Meine Sichtbarkeit leidet darunter.“ Veranstaltungen, Messen oder Lesungen – das geht alles nicht. Nicht jeder Verlag habe dafür Verständnis. „Aber es gibt Schlimmeres.“ Inzwischen erschienen zwölf Bücher in Verlagen. Drei weitere, die thematisch zusammengehören, seien vertraglich vereinbart.
Diesen Dreiteiler geht sie gemeinsam mit Kirsten Wilczek an, einer Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei am Niederrhein. Der erste Band erscheint im Dezember 2025. Darum geht es: „In einem abgebrannten Gutshof in Köln im Jahre 1847 werden neun Leichen gefunden; alle Opfer wurden vor dem Brand ermordet.“ Es sind Anwaltskriminalfälle, die ab dem Jahr 1847 in Köln spielen. Sie beruhen jeweils auf einem echten Verbrechen aus jener Zeit. „Ein solcher historischer Krimi, der auch noch auf einem True Crime beruht, ist ungeheuer rechercheintensiv. Da muss schließlich alles stimmen, insbesondere auch, da wir als Rechtsanwältinnen das Strafverfahren im Jahre 1847 in der Rheinprovinz genau darstellen.“
Die Zusammenarbeit der Autorinnen begann vor etwa 15 Jahren. Eva-Maria Silber hatte nach einer Co-Autorin gesucht – nicht zuletzt, weil sie aufgrund ihres schlechten Hörvermögens nicht öffentlich in Erscheinung tritt. Der Austausch mit Wilczek sei rein schriftlich: „Wegen meiner Einschränkung als an Taubheit grenzend Schwerhörige haben wir uns bisher noch nie persönlich getroffen – und auch noch nie miteinander telefoniert“, berichtet Silber. „Kaum zu glauben, auch für uns, dass die Zusammenarbeit trotzdem so spannend, intensiv und erfolgreich ist.“