„Gott ist queer“  Viel Diskussion über neuen Song von Annie Heger

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 23.06.2025 18:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Annie Heger erlebt gerade aufwühlende Zeiten. Es gibt viel Diskussion über ihr neues Lied. Foto: privat
Annie Heger erlebt gerade aufwühlende Zeiten. Es gibt viel Diskussion über ihr neues Lied. Foto: privat
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Die Nordkirche lehnte eine Veröffentlichung des Songs der Ostfriesin Annie Heger ab. Der Titel „Gott ist queer“ erntet Zuspruch, aber auch harte Kritik.

Leer - Es war ein emotional aufwühlendes Wochenende für Annie Heger. Nachdem die Plattdeutsch-Aktivistin, die in Aurich geboren wurde und heute hauptsächlich in Hamburg lebt, ihren Song „Gott ist queer“ veröffentlichte und dazu auch über die Ablehnung des Liedes durch die Nordkirche berichtete, erhielt sie persönlich und in den Sozialen Netzwerken viel Zustimmung wie „wunderbares Lied, wichtige Botschaft“, aber auch scharfe Kritik: etwa „was ein Blödsinn“ und man solle „die Bibel nicht für den Mainstream zurechtbiegen“. Es reichte auch in den Kommentaren auf den Seiten dieser Zeitung von „Sodom und Gomorra kann nicht mehr weit sein“ auf der einen, bis hin zu „Kirchen sollten nicht soviel Angst vor sich selber haben, sondern mutiger werden und Lieder, die zum Nachdenken anregen einfach mal zulassen“ auf der anderen Seite.

„Der Zuspruch, den ich seit der Veröffentlichung des Songs bekomme, ist enorm“, teilt Annie Heger auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Er sei „aus so vielen – auch und vor allem kirchlichen – Ecken“ gekommen. „Das tut natürlich gut“, so Heger. „Und trotzdem: Ich trage seit letzter Woche einen Kloß im Hals und einen Stein im Bauch.“

Das Lied

In dem Lied „Gott ist queer“ von Annie Heger lautet der Refrain: „Hab uns geseh’n im Regenbogen. Seine Farben sind wir, seine Hoffnung sind wir – Gott ist queer.“

Wer den Song hören möchte, findet ihn unter: https://listen.music-hub.com/pSgDQl

„Menschen auch vor den Kopf gestoßen“

Denn mit der Veröffentlichung nicht nur des Liedes, sondern auch der ablehnenden Reaktion der Kirche, habe sie einen „Diskurs angestoßen, für den sie auch die Verantwortung mittrage. „Ich habe Menschen damit vor den Kopf gestoßen, und einige sind sehr sauer auf mich, auch Menschen, die ich sehr lieb gewonnen habe. Natürlich geht es mir vor allen Dingen damit nicht gut“, gibt Annie Heger zu.

Die überzeuge Christin, die sich bereits 2007 als lesbisch geoutet hatte, hatte das Lied im Auftrag der evangelisch-lutherischen Nordkirche geschrieben. Wie der leitende Pressesprecher der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Dieter Schulz, unserer Redaktion mitteilte, habe es von Seiten der Kirche die Bitte um eine Überarbeitung des Textes gegeben. Das Lied müsse „zum Beispiel theologisch korrekt und darf musikalisch nicht zu komplex sein“, so Schulz. Er wies zudem darauf hin: „Theologisch entzieht sich Gott jeder personalen oder körperlichen Zuschreibung.“

„Es geht nicht um Provokation“

Für Annie Heger, die auch für unsere Redaktion als Kolumnistin arbeitet, steht aber fest: „Ich verstehe absolut, dass Gott in der Theologie nicht geschlechtlich gedacht werden soll. Aber de facto tun wir es seit Jahrhunderten – von der männlichen Bildsprache in Bibelübersetzungen über die Liturgie bis hin zum ,Vater unser‘. Diese Prägung sitzt tief. Sie beeinflusst unser Gottesbild – und damit auch unser Menschenbild.“ Mit der Textzeile „Gott ist queer“, die eine Aussage der Rede des Wiesmoorer Pastors Quinton Caesar auf dem Kirchentag 2023 zitiert, wollte sie vielmehr eine Perspektive aufzeigen, „die Identitäten als nicht festgelegt, sondern als vielfältig, wandelbar und kontextabhängig begreift“, erklärt Annie Heger. „Besser könnte ich mir das Gottesbild, dass wir uns nicht machen sollten, gar nicht beschreiben.“

Dass am Ende in der Nordkirche aber „der theologischen Zerrissenheit über diesen Satz mehr Raum und Berechtigung“ gegeben worden sei „als seiner Heilsamkeit, auch jetzt noch in der Auseinandersetzung damit, bleibt verletzend“, erklärt Annie Heger ihre aktuelle Gefühlslage. „Es geht mir nicht um Provokation, sondern um Anerkennung. Um Sichtbarkeit. Um Sprache, die trägt und uns meint“, betont sie.

„Ich wollte auch nicht die queersensible Arbeit der Nordkirche diskreditieren, sondern sichtbar machen, dass es inmitten dieser Institution trotzdem immer noch Räume, Strukturen, Stimmen gibt, in denen nicht queersensibel gedacht oder gehandelt wird. Und ich wollte, dass eine Kirche, die mit dem Satz ,Gott ist queer‘ ein theologisches Problem hat, das auch genau so benennt und sich nicht rausredet“, erklärt Heger.

Landesbischöfin verwendet kurzes Stück aus Hegers Lied

Ihr sei klar, dass sie mit der Veröffentlichung der Ablehnung ihres Songs durch die Nordkirche „ordentlich Wind gemacht“ habe. „Ich wollte meine Kirche nicht schwächen – im Gegenteil. Ich wünsche mir Kirche als mutige Institution, als standhafter Kraftort inmitten gesellschaftlicher Brüche.“

Gefreut habe sie sich darüber, dass die Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland, Kristina Kühnbaum-Schmidt, ihr Lied in einem Instagram-Video zum Pride Month verwendet habe, so Heger. Allerdings stellt man beim Anhören fest, dass die Textzeile „Gott ist queer“ nicht zu hören ist, sondern nur „Hoffnung leuchtet nun den Himmel weit, in den Wolken glitzert mein Vertrauen“.

Aus der Kirchenleitung hätten sich aber auch viele Menschen persönlich bei ihr gemeldet, verrät Annie Heger. „Das sind im Moment kleine Pflaster. Sie helfen – ein bisschen.“

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