Gesundheit  Kinder im Kreis Leer werden dicker – eine Gruppe besonders gefährdet

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 23.06.2025 13:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kinder an einem Sommertag. Foto: Wolfram Steinberg/dpa/dpa-tmn
Kinder an einem Sommertag. Foto: Wolfram Steinberg/dpa/dpa-tmn
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Vor der Schule wird ein ganzer Jahrgang von Kindern untersucht. Die aktuellen Ergebnisse wurden in Leer vorgestellt. Welche Risiken beeinflussen die Chancen der Kinder?

Leer - Wie gesund und entwickelt sind unsere Kinder? Diese Frage wird regelmäßig bei den Schuleingangsuntersuchungen in Niedersachsen beantwortet. Für den Landkreis Leer haben Amtsärztin Heike de Vries und Diplom-Sozialwirt Nils-Ole Hohmann die Ergebnisse im Ausschuss für Arbeit, Soziales und Gesundheit vorgestellt. Wir fassen die Ergebnisse zusammen.

Die Daten einmal vorweg: Von August 2022 bis Juli 2023 liefen die Untersuchungen, insgesamt wurden 2019 Kinder untersucht (Erst- und Zweituntersuchungen und „Kann-Kinder inklusive), nach der Definition des Niedersächsisches Landesgesundheitsamts sind wegen ihres Alters einige Kinder nicht in die Statistik eingeflossen (1785 flossen ein).

Keine Chance? Bildung der Eltern einer der großen Faktoren

„Die Chancen eines Kindes sind in Deutschland stark abhängig vom Elternhaus. Öffentliche Einrichtungen sind nicht in der Lage, das zu kompensieren“, mahnte Amtsärztin de Vries. „Studien, die das beschreiben, kenne ich, seit ich in diesem Bereich tätig bin“, sagte sie. Was de Vries beschreibt, zeigt beispielsweise auch das Ergebnis des Ifo-„Ein Herz für Kinder“-Chancenmonitors 2023.

Ein Kind spielt an einem Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz. Das Elternhaus beeinflusst die Chancen der Kinder stark. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Ein Kind spielt an einem Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz. Das Elternhaus beeinflusst die Chancen der Kinder stark. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Unterschiede bei den Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen in Deutschland hätten demnach ein gewaltiges Ausmaß: „Je nach dem familiären Hintergrund der Eltern beträgt die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, zwischen einem Fünftel und vier Fünfteln“, heißt es dort. Was heißt denn familiärer Hintergrund? In der Ifo-Studie sind vier Merkmale abgebildet worden: Anzahl der Eltern mit Abitur, Haushaltsnettoeinkommen, Migrationshintergrund der Eltern und Alleinerziehenden-Status der Eltern. Die Faktoren, die eine größere Rolle für die Chancen der Kinder spielen, stellten de Vries und Hohmann auch für den Kreis Leer vor – viele finden sich auch dort wieder: Einmal der Bildungsabschluss der Eltern. Die Erhebung im Kreis Leer ergab folgende Zahlen: 49,3 Prozent der Eltern gaben mittlere Bildung an, 26,1 Prozent bildungsnah,14,4 Prozent bildungsfern, 10,2 Prozent machten keine Angabe.

Das Elternhaus beeinflusst die Chancen eines Kindes. Symbolfoto: Pixabay
Das Elternhaus beeinflusst die Chancen eines Kindes. Symbolfoto: Pixabay

Eltern: Wer arbeitet, wer lebt noch zusammen?

In nahezu der Hälfte der Familien waren beide Eltern berufstätig, „die Zahl nimmt aus unterschiedlichsten Gründen immer weiter zu“, so de Vries. Mütter seien dabei nur selten voll arbeiten gegangen (8,6 Prozent), dagegen 77,1 Prozent der Väter. Mütter arbeiteten häufiger in Teilzeit (44,2 Prozent) und Minijobs (37,1 Prozent). Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund lag im Kreis Leer 2023 bei 20,9 Prozent.

Viele Familien im Kreis Leer leben gemeinsam. Symbolfoto: Pixabay
Viele Familien im Kreis Leer leben gemeinsam. Symbolfoto: Pixabay
Die allermeisten Kinder lebten im Kreis Leer mit beiden Elternteilen zusammen – 85,3 Prozent. 8,8 Prozent wuchsen laut Untersuchung in einem Alleinerziehenden-Haushalt auf. All die Faktoren, die die Chancen der Kinder beeinflussen, müssten eigentlich deutlich stärker in öffentlichen Einrichtungen kompensiert werden, so de Vries. „Da sind wir in Deutschland allerdings im Hintertreffen“, sagte sie.

Kinder werden immer dicker – besonders eine Gruppe gefährdet

Auch die Gesundheit der Kinder wurde in den Untersuchungen einbezogen. „Ein Thema, das uns seit Jahren beschäftigt, ist das Gewicht der Kinder“, sagte Amtsärztin de Vries. Man liege nun wieder im Vor-Pandemie-Rahmen. „Man könnte beim ersten Blick auf die Zahlen denken, es sei nicht so wild“, sagt sie. Die Zahlen im Kreis Leer liegen nämlich auch auf dem Niveau der Durchschnittszahlen Weser-Ems und des Landes. Aber: „Im Kreis Leer lagen wir sehr lange darunter“, sagt sie. Durchschnitt bedeute demnach, mehr Gewicht. „Unsere Einschüler sind nun auch schwerer“, sagte de Vries. Und die Gewichtszunahme starte bei vielen erst danach so richtig.

„Man darf nicht unterschätzen, dass starkes Übergewicht eine Bürde fürs Leben sein kann“, sagte sie: „Man wird es oft schwer wieder los, zwei Drittel der erwachsenen Männer haben Übergewicht.“ Die Zahlen für 2023 zeigten: 4,4 Prozent aller untersuchten Kinder seien adipös, 5,8 übergewichtig.

Zusammenhang von Elternhaus und Gesundheit

„Der sozioökonomische Status der Familien beeinflusst die Lebenserwartung und das Risiko chronischer Erkrankungen“, betonte die Amtsärztin. So gebe es Faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit für zu hohes Gewicht beeinflussen könnten. In der Präsentation wurde einmal die Bildung der Familien mit dem Gewicht der Kinder in Verbindung gesetzt (je bildungsferner desto höher im Durchschnitt der BMI).

Jungs schneiden in einigen Belangen etwas schlechter ab als Mädchen. Symbolfoto: Pixabay
Jungs schneiden in einigen Belangen etwas schlechter ab als Mädchen. Symbolfoto: Pixabay

Dabei gab es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. 2023 waren 4,7 Prozent der Jungen adipös und 4 Prozent der Mädchen. „Generell lässt sich sagen, dass Jungs häufiger betroffen sind“, sagte de Vries. Insgesamt bestehe das größte Risiko für Übergewicht statistisch gesehen bei Jungen mit Migrationshintergrund aus einer bildungsfernen Familie.

Mädchen und Jungen – Unterschiede der Geschlechter

Generell gebe es einen Unterschied zwischen den Ergebnissen der Geschlechter: „Mittlerweile sind Mädchen bei vielen Items besser als die Jungen“, sagte de Vries. Die Fähigkeiten, die in der Untersuchung erhoben werden, stehen im Zusammenhang mit den Ansprüchen des Schulunterrichts. Gerade bei der Hand-Auge-Koordination schneiden die Mädchen deutlich besser ab – nur 70,2 Prozent der Jungs haben keinen auffälligen Befund, während 83,8 Prozent der Mädchen im Normalbereich liegen. Ebenso war es in Sachen Köperkoordination. 23,2 Prozent der Jungen hatten einen Befund, eine Abklärungsempfehlung oder waren in Behandlung, bei den Mädchen waren es 12,4 Prozent.

Eine Mutter liest ihrer Tochter im Kinderzimmer aus einem Buch vor. Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa
Eine Mutter liest ihrer Tochter im Kinderzimmer aus einem Buch vor. Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

Bei der Fähigkeit Sprache und Sprechen falle der Bildungsgrad der Familie extrem ins Gewicht, mahnte de Vries. „Meist hat das mit mangelnder Sprachanregung zu tun. Viele wissen nicht, wie sie mit einem Säugling reden können oder müssen“, sagte sie. Es werde auch nicht genug vorgelesen. Durch Appelle sei das kaum zu lösen. „Es müsste institutionell aufgefangen werden“, sagte sie. Knapp ein Drittel der Jungs (32,7 Prozent) hatten einen Befund, eine Abklärungsempfehlung oder sind schon in Behandlung, bei den Mädchen sind es unter einem Viertel (22,9 Prozent).

Malen und Schreiben erfordert Hand-Augen-Koordination. Symbolfoto: Pixabay
Malen und Schreiben erfordert Hand-Augen-Koordination. Symbolfoto: Pixabay

Zu der Untersuchung gehörte unter anderem auch ein Sehtest. Bei Kindern würde, wie auch in der Gesamtbevölkerung, Kurzsichtigkeit zunehmen. Beim Hören variierten die Ergebnisse häufig von Jahr zu Jahr, erklärte Hohmann. „Da das beispielsweise von Erkältungswellen stark abhängig ist. Generell ist das Ergebnis aber unkritisch.“

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