Kultur Kirche lehnt Song von Annie Heger ab
Erst bestellt, dann nicht gewollt: Die evangelische Nordkirche will ein Lied der Ostfriesin Annie Heger nicht veröffentlichen. Der Text sei wohl „zu heikel“, so Heger.
Leer - Eigentlich hatte sich Annie Heger sehr auf diesen 20. Juni gefreut. Denn an diesem Tag erscheint ihr neuer Song. Geschrieben hat ihn die Plattdeutsch-Aktivistin, die in Aurich geboren wurde und heute hauptsächlich in Hamburg lebt, im Auftrag der evangelisch-lutherischen Nordkirche. Doch dann habe diese „einen Rückzieher gemacht und die Veröffentlichung in einer bekannten Songreihe abgelehnt“, schreibt Heger in den sozialen Netzwerken. Was an dem Song so heikel ist? Der Titel lautet „Gott ist queer“.
Das Lied
In dem Lied „Gott ist queer“ von Annie Heger lautet der Refrain: „Hab uns geseh’n im Regenbogen. Seine Farben sind wir, seine Hoffnung sind wir – Gott ist queer.“ Wer den Song hören möchte, findet ihn unter: https://listen.music-hub.com/pSgDQl
„Dieser Song ist ein Echo auf Quinton Ceasars kraftvolle Worte auf dem Kirchentag 2023“, erklärte Heger, die auch seit Jahren als Kolumnistin für unsere Redaktion tätig ist. Ebenso wie auch der in Südafrika geborene Pastor in Wiesmoor. „Gott ist queer“, hatte er in seiner Predigt auf dem Kirchentag gesagt. Das hatte auch bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Die überzeuge Christin Annie Heger, die sich bereits 2007 als lesbisch geoutet hatte, haben diese Worte tief berührt. „Ich habe so geweint, als diese Worte durch die Lautsprecher schallten. Der Satz war so heilsam – für so viele“, schreibt sie auf Facebook. „Doch genau dieser Satz ist für Kirche ,heikel‘. Zu viel Angst vor Gegenwind“, erklärt sie dort.
Heger: „Die Zeiten sind heikel. Und wir haben alle Angst“
Auf Nachfrage unserer Redaktion teilt Annie Heger mit: „Dass ich das nun so öffentlich gemacht habe, war für mich die gefühlt letzte Option, mit dem Umstand, dass der Song abgelehnt wurde, umzugehen.“ Und sie räumt ein: „Mir setzt das alles sehr zu. Auf vielen Ebenen“.
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
In einem sehr emotionalen Reel auf Instagram zeigt sich Annie Heger aber überzeugt: „Die Nordkirche ist nicht per se queerphob.“ Sie betont darin. „Ich stelle nicht die queersensible Arbeit der Nordkirche in Frage. Aber etwas ist da intern schiefgelaufen. Ich will aber nicht einzelne Menschen an den Pranger stellen.“ Sie ist überzeugt: „Nicht der Satz ist heikel, ‚Gott ist queer‘, sondern die Zeiten sind heikel. Und wir alle haben Angst.“
Nordkirche bat um Überarbeitung des Textes
Die Nordkirche nimmt auf Anfrage unserer Redaktion Stellung und erklärt, dass das Lied zunächst einen anderen Titel gehabt habe. „Der Song ,‘Gott ist queer‘ war unter dem Titel ,Hinter dem Sturm‘ für das Format ‚Monatslied‘ geplant und wurde durch die Nordkirche beauftragt. Verfasser des Songs sind Annie Heger und Jan Simowitsch. Das Lied wurde von der Nordkirche produziert, Annie Heger hat den Gesangspart eingesungen“, teilt der leitende Pressesprecher der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Dieter Schulz, mit. Es habe an die Künstler die Bitte um eine Überarbeitung des Textes gegeben.
„Das Format ,Monatslied‘ wurde konzipiert, um moderne Lieder zu schaffen, die in Gottesdiensten gesungen werden können. Die Musik im evangelischen Gottesdienst ist Teil der Verkündigung des Evangeliums. Daraus ergeben sich verschiedene Anforderungen, die das Lied erfüllen muss. So muss es zum Beispiel theologisch korrekt und darf musikalisch nicht zu komplex sein. Für das Lied ,Hinter dem Sturm‘ gab es aus diesen Gründen von Seiten der Nordkirche zwei Überarbeitungsbitten. Das Überarbeitungsangebot wurde von den Künstlern nicht angenommen“, erklärt Schulz.
Annie Heger betont gegenüber unserer Redaktion: „Es ging nicht um irgendwelche Textstellen, sondern es ging genau um die Textstelle ,Gott ist queer‘.“ Es sei doch „absurd“, so Heger, einen Song über eine wichtige Botschaft aus einer Kirchentagspredigt zu schreiben und dann genau diese Botschaft sprachlich verändern zu sollen. Das habe sie auch verletzt.
Kirche unterstützt jetzt Veröffentlichung des Songs durch Annie Heger
Schulz erinnert auch daran, dass die Aussage „Gott ist queer“ auf dem Kirchentag 2023 zu einer kontroversen Debatte geführt hatte und der Wiesmoorer Pastor Quinton Ceasar dafür sowohl gelobt als auch stark kritisiert worden war. Die Nordkirche verstehe „die Vielfalt der Geschlechter, geschlechtlicher Selbstverortung und verantwortlicher sexueller Orientierung als Segen und Reichtum unter Gottes Regenbogen“.
Schulz stellt klar: „In der Diskussion und der Argumentation hat die Nordkirche zu jeder Zeit deutlich gemacht, dass das vorliegende Lied grundsätzlich sehr geschätzt wird. Ebenfalls wurde zu jeder Zeit die künstlerische Freiheit geachtet. Daher hat die Nordkirche gemeinsam mit Quinton Ceasar auch das heutige Release des Liedes unter dem Titel ,Gott ist queer‘ auf Social Media begleitet und unterstützt.“
Nach der Entscheidung, dass der Song in der vorliegenden Form nicht für das Format Monatslied geeignet sei, habe Annie Heger das Angebot bekommen den von der Nordkirche produzierten Song selbst zu veröffentlichen, erklärt Schulz. „Das heißt, die Nordkirche stellt ihr die Produktion kostenfrei für die eigene Veröffentlichung zur Verfügung.“ Annie Heger schreibt dazu auf Facebook: „Nun also ohne Kirche. Dafür: Mit Wut. Zärtlichkeit. Und Hoffnung“.