Energieversorgung Muss EWE die Wasserstoffprojekte in Emden auf Eis legen?
Der Rückzug von ArcelorMittal aus Milliarden-teuren Wasserstoffprojekten sorgt für Aufregung. EWE wollte den Stahl-Giganten in Bremen eigentlich mit grüner Energie aus Emden versorgen. Was nun?
Oldenburg/Ostfriesland - Die Entscheidung des Konzerns ArcelorMittal, seinen Stahl nun doch nicht mehr mit klimaneutralem Wasserstoff zu produzieren, hat beim Oldenburger Energieversorger EWE Verärgerung ausgelöst – allerdings nicht auf den Stahlkonzern, sondern auf die Politik. Eigentlich wollte EWE aus einer 320-Megawatt-Erzeugungsanlage in Emden ab 2028 jede Menge grünen Wasserstoff nach Bremen liefern. Daraus wird nun erst einmal nichts, obwohl die Bauarbeiten in Emden für einen entsprechenden Elektrolyseur längst angelaufen sind. In Oldenburg will man sich trotzdem nicht entmutigen lassen.
„Aufgrund der aktuellen Marktbedingungen hat EWE sein 50-Megawatt-Elektrolyse-Vorhaben in Bremen auf Eis gelegt“, teilte EWE am Freitag auf Anfrage unserer Redaktion mit. Das Projekt war als Teil des Wasserstoffvorhabens „Clean Hydrogen Coastline“ geplant. EWE prüft nach eigenen Angaben nun alternative Optionen und die Finanzierung. Das frühe Projektstadium ermögliche es, flexibel auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren und gegebenenfalls eine Neuausrichtung vorzunehmen. Bereits im Bau befindet sich laut EWE das 10-Megawatt-Elektrolyseprojekt am Bremer Standort. Der Wasserstoff soll flexibel in bereits vorhandene Prozesse von ArcelorMittal integriert und über Trailer an Dritte geliefert werden.
Gute Nachrichten für Emden
Besser sieht es für die Pläne in Ostfriesland aus. EWE will die drei weiteren Teilprojekte von „Clean Hydrogen Coastline“ nämlich vorantreiben. In Emden liefen die Umsetzungsmaßnahmen für den Bau einer 320-Megawatt-Wasserstofferzeugungsanlage. In Huntorf entstehe ein großtechnischer Wasserstoffspeicher am Gasspeicherstandort. Ein drittes Projekt – der Aufbau einer Pipelineinfrastruktur – befinde sich in der Feinplanung, so EWE.
Dass EWE hier am Ball bleibt, ist nicht selbstverständlich. Erst Anfang Mai hatte der norwegische Energiekonzern Statkraft „wegen der zunehmenden Unsicherheit im Markt“ beschlossen, die Fortführung seiner großen Wasserstoffprojekte am Emder Kraftwerk zu überprüfen. Die Entwicklung ganz neuer Projekte werde man sogar stoppen, so der Konzern.
Gewaltige Summen im Spiel
Im Kern geht es um gewaltige Summen. 800 Millionen Euro investiert EWE in das Wasserstoff-Projekt „Clean Hydrogen Coastline“, 500 Millionen Euro davon kommen von Bund und Land als Fördermittel. Die 320-Megawatt-Wasserstofferzeugungsanlage in Emden ist ein Teil davon; allein 500 Millionen Euro fließen nach Ostfriesland. Ab 2027 sollen die Anlagen grünen Wasserstoff im industriellen Maßstab produzieren, so der Plan.
Entsprechend nervös reagiert der Energieversorger. „Die Entscheidung von ArcelorMittal zeigt, dass wir an einem entscheidenden Punkt stehen: Klimaschutz, Arbeitsplätze und Industriestandorte stehen auf dem Spiel“, sagte EWE-Chef Stefan Dohler auf Nachfrage unserer Zeitung. „EWE investiert mit voller Überzeugung in die Wasserstoffwirtschaft, aber es braucht jetzt ein entschlossenes Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft. Deutschland und Europa müssen liefern: bei Strompreisen, bei Förderung, bei Infrastruktur“, brachte Dohler seinen Unmut auf den Punkt. Nur dann entstehe das Vertrauen, das es für Milliardeninvestitionen brauche. „Wir stärken damit auch die Resilienz und Unabhängigkeit unserer Versorgung.“ Die Entscheidung von ArcelorMittal sei ein „Weckruf“, so EWE. Die Dekarbonisierung von Industrieprozessen mit erneuerbarem Strom und Wasserstoff stelle die Industrie in Deutschland weiterhin vor große Herausforderungen. Nicht aufgrund fehlender technischer Konzepte, sondern weil überregulierte nationale und europäische Auflagen die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger, wie beispielsweise Wasserstoff, negativ beeinflussten. EWE fordert daher unter anderem günstigere Strompreise für Elektrolyseure und verbindliche Quoten für Industrieprodukte wie Grünstahl.