Hamburg  „White Tiger“ und Gruppe 764: So äußert sich der Vater des mutmaßlichen Pädokriminellen

Olaf Wunder
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Von Olaf Wunder
| 20.06.2025 13:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Hamburg wird gegen einen 20-Jährigen ermittelt, der ein Kind in den Suizid getrieben haben soll. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt
In Hamburg wird gegen einen 20-Jährigen ermittelt, der ein Kind in den Suizid getrieben haben soll. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt
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Nach der Festnahme seines 20-jährigen Sohnes Shahriar J., der unter dem Namen „White Tiger“ im Internet gezielt verletzliche Kinder manipuliert und zu extremen Taten gebracht haben soll, äußert sich Gholamreza J. erstmals. So zeigt sich der Vater aus Hamburg im Gespräch.

Gholamreza J. ist der Vater des 20-jährigen Hamburgers, der sich „White Tiger“ nennt und als Teil der Gruppe 764 furchtbarste Verbrechen begangen haben soll. Nun hat er sich erstmals seit der Verhaftung seines Sohnes geäußert.

Das Gespräch mit dem 52-Jährigen fand in der Kanzlei der Hamburger Anwältin Christiane Yüksel statt. Der Beschuldigte Shahriar J. ist ihr Mandant. Der junge Mann soll Kopf einer pädokriminellen Gruppe im Internet sein, seine Opfer in Foren gezielt ausgesucht und sie dazu gebracht haben, sich selbst zu verletzen – bis zum Suizid.

Die erste Frage an den Vater zielte darauf ab, ob Gholamreza J. an die Unschuld seines Sohnes glaube, oder ob er vermute, dass Shahriar J. die Taten, die ihm vorgeworfen werden, begangen hat.

Gholamreza J. brach sofort in Tränen aus und antwortete: „Er ist so ein intelligenter junger Mann, ist an allem interessiert, ist unglaublich gebildet. Er war immer schon wissbegierig. Er weiß beispielsweise alles über Afrika. Sie können ihm jede Frage stellen. Zu Israel und dem Judentum weiß er auch alles.“ Zur Schuld oder Unschuld seines Sohnes äußerte er sich nicht.

Vater Gholamreza J., ein Iraner, zog Ende 2013 mit seiner Familie nach Hamburg, gründete eine Medizintechnik-Firma und besitzt ein dreistöckiges Haus im Stadtteil Marienthal. Seine Firma musste er aufgrund des über den Iran verhängten US-Embargos aufgeben – der Im- und Export von medizinischen Geräten war nicht mehr möglich.

Gholamreza J. hat zwei Söhne. Beide Kinder – Shahriar J. ist der jüngere – sind im Iran geboren. Shahriar J. besuchte die Stadtteilschule Winterhude, machte dort Abitur. 2020 begann die Corona-Zeit – die sich stark auf Shahriar J. ausgewirkt hätte: „Er hat dann nur noch in seinem Zimmer gesessen und war im Internet unterwegs“, erzählte der Vater. „Von morgens bis abends.“ Er wisse, dass sein Sohn Online-Spiele wie „Call of Duty“ gespielt hat. „Was er da sonst noch gemacht hat – ich weiß es nicht. Ich kann doch nicht immer daneben stehen und das kontrollieren.“

Gholamreza J. brach erneut in Tränen aus und beklagte sich darüber, dass im deutschen Internet alles zugänglich sei. „Im Iran ist das anders. Da sind böse Seiten abgeschaltet, weil es eine islamische Republik ist. Hier ist alles frei zugänglich. Und das ist so gefährlich. So gefährlich.“

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Obwohl er muslimischer Herkunft sei, habe Shahriar J. mit dem Islam nicht viel zu tun. „Interessiert ihn nicht“, so der Vater. „Die einzige Religion, für die er sich begeistert, ist das Judentum.“ Die Anwältin Christiane Yüksel ergänzte: „Dazu passt, dass er fragte, ob ich ihm nicht auch noch einen jüdischen Anwalt besorgen könnte, das seien die klügsten. Dann habe ich ihm gesagt, dass ich selbst einen jüdischen Hintergrund habe.“

Auf die Frage, ob Shahriar J. Freunde habe, antwortete der Vater: „Jede Menge. Laufend besuchen ihn junge Leute, um mit ihm am Computer zu spielen.“ Er habe auch noch weitere Hobbys: „Er spielt Schach, außerdem Tennis. Und das sogar sehr gut“, so der Vater. Aber dazu habe er zuletzt nicht mehr viel Zeit gehabt, denn er habe begonnen, an einer privaten Uni in Hamburg Medizin zu studieren. „Er blühte im Studium regelrecht auf, lernte so viele Menschen aus aller Welt kennen, die Professoren lobten ihn“, so der Vater. „Stolz kam er nach Hause und erzählte, dass er eine Präsentation hatte – und er von allen der Beste war.“

Vor drei Jahren sei die Polizei das erste Mal auf Shahriar J. aufmerksam geworden. Der 20-Jährige hätte seinem Vater aber nichts davon erzählt. „Das war 2022. Da stand plötzlich die Polizei vor der Tür, hat mit meinem Sohn geredet, allerdings hinter verschlossenen Türen. Die Polizei hat mir nicht gesagt, worum es geht – mein Sohn war gerade 18 geworden. Und Shahriar hat mir auch nichts gesagt. Es habe mit dem Internet zu tun – sonst nichts.“ Im März 2025 wurde die Privat-Universität von der Staatsanwaltschaft über die Vorwürfe gegen Shahriar J. informiert, was zur Folge hatte, dass er von heute auf morgen exmatrikuliert wurde. Seinen Freunden erzählte Shahriar J. allerdings, er wolle nicht mehr Medizin studieren – er wechsele demnächst zu den Rechtswissenschaften.

Am Dienstag verschaffte sich die Polizei morgens um 3 Uhr Zugang zur Wohnung von Shahriar J., die sich im dritten Stock des elterlichen Hauses befindet. „Er schrie laut um Hilfe, dachte wohl zuerst, dass es Einbrecher sind“, erzählte sein Vater. Auf die wiederholte Frage, ob sein Sohn schuldig sei, antwortete Gholamreza J. erneut mit den Worten: „Warum ist das Internet in Deutschland für jedermann frei? Das ist doch so gefährlich.“ Danach beendete er das Gespräch und kehrte zurück zu seiner Frau nach Hause.

Dieser Text erschien zuerst in der Hamburger Morgenpost.

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