Schreiben mit „Meergefühl“ Wie Greetsiel zur Herzensheimat einer Autorin wurde
Schon in den Siebzigern fuhr Anja Seefelds Familie mit dem Bulli an die Küste. Auch jetzt fährt sie aus NRW häufig nach Greetsiel. Sie liebt den Ort so sehr, dass sie ein Buch darüber geschrieben hat.
Greetsiel/Nordrhein-Westfalen - „Vorne im Bulli saßen meine Eltern und Großeltern, wir Kinder lagen hinten“, erinnert sich Anja Seefeld. „Damals war das ja noch nicht so mit dem Anschnallen, Kindersitzen und so weiter.“ Schon seit den Siebzigerjahren ist sie mit ihrer Familie regelmäßig an die Küste gefahren, jeden Sommer. Damals konnte sie gerade auf den eigenen Füßen laufen, erzählt sie. Die Reisen an die Küste seien ihr bis heute in guter Erinnerung geblieben. Unbeschwert war es. „Wir sind damals auch einfach mit den Kindern der Familie, die uns die Ferienwohnung vermietet hat, in den Kindergarten gegangen“, so Seefeld.
Auch heute fährt Anja Seefeld aus dem Kreis Mettmann (Nordrhein-Westfalen) noch regelmäßig nach Greetsiel. Ihr gefällt es in dem kleinen Fischerdorf so gut, dass sie sogar angefangen hat, Bücher über „ihr“ Greetsiel zu schreiben. Uns hat sie erzählt, was den Ort als Romanschauplatz so besonders macht.
Ein Gefühl in Greetsiel wurde zur Romanidee
Greetsiel bedeute für sie ein Stück Freiheit und Weite, sagt Seefeld. Dort sei es natürlich ganz anders als in ihrer Heimat, dem wuseligen Nordrhein-Westfalen. Entschleunigter, ruhiger. „Ich nenne dieses Gefühl das ‚Meergefühl‘“, so Seefeld. „Dieses Gefühl war für mich schon immer ganz toll.“ Die eigenen Probleme erschienen an einem Ort wie Greetsiel immer ganz klein, so die Autorin. Auch darum sei das Dorf seit jeher ihre Herzensheimat, wie sie sagt. Schon in der vierten Generation macht die Familie dort Urlaub.
Die Idee zu ihrem ersten Roman kam ihr, als sie in einem dieser Urlaube in der Nähe des Greetsieler Hafens saß. „Die Kutter kamen gerade zurück.“ Sie habe sich schon immer gerne ‚Was wäre, wenn‘-Geschichten überlegt, so Seefeld. „Also saß ich dort mit Blick auf die Fischer und überlegte: Was wäre, wenn du dich in einen Krabbenfischer verlieben würdest?“
Erster Roman entstand auf Opas alter Schreibmaschine
Aus dieser Idee wurde schließlich ihr erstes Buch, der Liebesroman „Herzfischer“, welcher gerade veröffentlicht wurde. Dabei war Seefeld vorher eigentlich gar keine Autorin. Sie ist gelernte Juristin, ist auch heute noch hauptberuflich in der Branche tätig. Aber das Schreiben hatte schon immer einen besonderen Stellenwert in ihrem Leben. „Ich habe schon als Kind viel gelesen und auch geschrieben“, sagt sie.
Im Alter von zwölf Jahren habe sie im Wohnzimmer ihrer Großeltern ihren ersten Roman geschrieben, damals noch auf der alten Schreibmaschine des Opas. „Zu der Zeit liefen viele Miss-Marple-Filme im Fernsehen, davon habe ich mich damals inspirieren lassen“, so Seefeld. Sie habe daraufhin ihren eigenen Miss-Marple-Fall geschrieben. „Das war sozusagen mein Sommerferienprojekt.“
Tagsüber Juristin, nachts Romanautorin
Trotzdem blieb das Schreiben erstmal nichts weiter als ein Hobby. Autor oder Autorin, das sei nicht gerade der Job gewesen, den die Eltern, die Lehrer oder auch sie selbst als anständig angesehen hätten. „Also habe ich dann einen anständigen Job gelernt und bin Juristin geworden“, sagt Seefeld augenzwinkernd. Sie arbeitet heute in der freien Wirtschaft, ist dort in einem internationalen Baukonzern tätig und hat weiterhin viel mit Arbeitsrecht zu tun. Das sei notwendig, um den Lebensunterhalt abzusichern, sagt sie. „Bis Fitzek fehlt mir noch ein bisschen, ehrlich gesagt“, so die Autorin mit einem Lachen.
In ihren Romanen – ein zweiter ist schon in Arbeit – geht es eher weniger um Kriminalfälle und mehr um die Liebe. „Wenn Leute hören, dass ich Juristin bin, dann denken alle gleich, ich schreibe Krimis oder Thriller“, so Seefeld. Doch gerade das wollte sie nicht. Als Juristin habe sie auch viel mit Texten zu tun, sagt sie. „Die Texte sind leider wenig herzerwärmend. Da geht es eher sachlich zu, das hat wenig mit Feel Good zu tun“, so Seefeld.
Greetsiel: „Man muss einfach diese Atmosphäre einatmen“
Ideen für die weitere Handlung oder auch für ein neues Buch kämen ihr ab und zu auch schon mal unter der Dusche oder beim Spaziergang, erzählt die Autorin. „Dann muss ich das ganz schnell in die Notizfunktion beim Handy einsprechen.“ Sie habe auch des Öfteren eine Nachtschicht eingelegt, um das Buch neben dem Hauptjob und dem Familienleben fertigstellen zu können. „Man muss es wirklich wollen, das ist Arbeit“, sagt sie. „Aber das Wichtigste ist, einfach zu schreiben.“ Am Ende entscheide ein bisschen das Durchhaltevermögen darüber, wer es als Autor oder Autorin schafft, sagt Seefeld.
Die Motivation, am Schreiben dran zu bleiben, komme unter anderem auch von Lesern und Leserinnen ihres ersten Greetsiel-Romans. Viele von ihnen gaben ihr nämlich das Feedback, dass sie sich richtig gut in die Geschichte hineinversetzen konnten, so die Autorin: „Sie haben zum Beispiel auch schon mal ein Eis in der Eisdiele am Hafen gegessen, die auch im Roman vorkommt.“ Auch wenn der Roman nur Fiktion ist, einige der Schauplätze seien natürlich echt. Da hat Seefeld auch ihre Erfahrung aus den vielen Reisen nach Greetsiel mit einfließen lassen. Das sei wichtig. „Man braucht ein bisschen das Gefühl für die Gegend, für die Geräusche und die Gerüche“, so Seefeld. „Man muss einfach diese Atmosphäre einatmen.“
Die Ostfriesen sind gar nicht so stur
Ihr Lieblingsort in und um Greetsiel sei, natürlich, der Pilsumer Leuchtturm: „Wegen dieser Weite und des ‚Meergefühls‘.“ Den geringelten Otto-Turm mag sie sogar so gern, dass er mit aufs Buchcover musste. Als der Verlag ihr einen Entwurf des Covers zeigte, war der Pilsumer Leuchtturm nicht mit abgebildet. „Aber ich wollte ihn so gerne mit auf dem Cover haben“, sagt sie. Der rot-gelbe Turm wurde also ergänzt.
Neben dem geringelten Otto-Turm, den Krabbenkuttern und dem Greetsieler Hafen seien es aber vor allem auch die Menschen gewesen, die Seefeld und ihre Familie seit jeher immer wieder an die ostfriesische Küste locken. Das Vorurteil, dass die Ostfriesen ein stures Volk seien, könne sie überhaupt nicht bestätigen. Lobend erwähnt sie Menno Müller vom Heimatverein Krummhörn. Er habe ihr hilfreich bei der Recherche zum Buch zur Seite gestanden. „Das ist wirklich ein vorbildlicher Vertreter des herzlichen Ostfrieslands“, so die Autorin.
Das „herzliche Ostfriesland“ sieht sie nun vor allem bei der Arbeit an ihrem zweiten Ostfriesland-Roman wieder, der selbstverständlich auch in Greetsiel spielt. Vielleicht helfen die Bücher auch anderen Greetsiel-Fans dabei, „die graue Jahreszeit bis zum nächsten Urlaub“ an der Küste zu überbrücken, hofft Seefeld.