Fest in Neuharlingersiel Was Shantys mit harter Arbeit auf See zu tun haben
Am Wochenende findet in Neuharlingersiel das Shanty-Festival statt. Es gibt also ordentlich auf die Ohren. Dabei waren diese Gesänge eigentlich nicht zur Unterhaltung gedacht. Sondern zum Arbeiten.
Neuharlingersiel - An diesem Wochenende wird es laut in Neuharlingersiel – allerdings auf die melodische Art. Am 21. und 22. Juni 2025 wollen zehn stimmgewaltige Chöre viel Maritimes anstimmen, Shantys und Seemannslieder sollen im ganzen Hafen zu hören sein. Zum Shanty-Festival in dem kleinen Küstenort haben sich Chöre aus Hamburg, Bremen und den Niederlanden angekündigt. Mit dabei sind auch „De Tampentrekker“, bekannt aus der NDR-Show „Inas Nacht“.
Organisiert wird das alles unter anderem von Erwin Ritz, der auch als musikalischer Leiter des Festivals fungiert. Ein Mann mit Ahnung, hat er doch selbst jahrzehntelang in verschiedenen Shanty-Chören Ostfrieslands mitgesungen. Überhaupt hat er sich viel mit diesen alten Seemanns-Gesängen beschäftigt. Mit Unterhaltung, sagt Ritz in einem Telefonat, hatten die ursprünglich kaum etwas zu tun. Vielmehr ging es um schwere körperlicher Arbeit.
Shantys – die Arbeit
Im Gespräch mit Ritz zieht eine andere, vergangene Welt vor dem inneren Auge auf: „Shantys waren Lieder, als die Großsegler unterwegs waren“, sagt der 68-Jährige, zwischen 1820 und 1920 etwa. Also als Handelswaren wie Stoffe und Gewürze noch per Windjammer über die Meere transportiert wurden. An Bord fiel damals viel körperliche Arbeit an; das Ziehen von Tauen etwa, das Drehen des Ankerspills, das Hissen schwerer Segel.
Damit all das etwas einfacher und effektiver geschieht, hilft es, wenn die arbeitenden Männer im gleichen Rhythmus arbeiten. Das konnte durch Lieder gesteuert werden. Shantys, sagt Ritz also, waren „Gesänge, um einen gemeinsamen, gleichmäßigen Kräfteeinsatz zu ermöglichen“.
Shantys – Musik und Texte
Shantys sind eine Art Wechselgesang. Der Vorsänger – der Shantyman – gibt ein paar Zeilen und Verse vor, der Chor – also die Mannschaft – antwortet. Ritz bezieht sich in seinen Erläuterungen auch auf einen Text von Elisabeth Peters aus Esens, die sich stark mit der Geschichte der Shantys beschäftigt. Als einfaches Beispiel wird hier etwa das Lied „Fire down below“ genannt, im angehängten Video von den „Fisherman’s Friends“ gesungen, einem britischen Männerchor.
Wahrscheinlich muss man sich die Instrumente wegdenken, und auch das gesangliche Können der Männer. „Der Chor hat damals mehr schlecht als recht gesungen“, sagt Ritz. Jeder halt so, wie er konnte. Das Ziel war ja auch ein anderes, das effektive Arbeiten nämlich. Wobei die immer wieder variierten Texte sicher auch zur Unterhaltung der Männer beigetragen haben. Denn die Texte, sagt Ritz auch, seien schon oft sehr derb gewesen. Es war eben auch eine reine Männergesellschaft.
Shantys – das Festival
Viele Shantys von damals sind längst in populäres Liedgut übergegangen: „My bonnie is over the ocean“ etwa, oder: „What shall we do with the drunken sailor“. Überhaupt geht es beim Shanty-Festival in Neuharlingersiel natürlich nicht um schwere körperliche Arbeit, sondern um Unterhaltung. Die anreisenden Chöre singen teils seit vielen Jahrzehnten zusammen und treten regelmäßig auf.
Das Festival beginnt an beiden Tagen um jeweils 11 Uhr und konzentriert sich auf die Westseite des Hafens. Parkmöglichkeiten gibt es unter anderem bei den Neuharlingersieler Versicherungen am östlichen Ortseingang.