Osnabrück  Warum Monopoly heute als Neuheit keine Chance mehr hätte

Karsten Grosser
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Von Karsten Grosser
| 18.06.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Im Gesellschaftsspiel „Monopoly“ geht es darum, die Mitspieler bankrott gehen zu lassen. Foto: Imago Images/Arnulf Hettrich
Im Gesellschaftsspiel „Monopoly“ geht es darum, die Mitspieler bankrott gehen zu lassen. Foto: Imago Images/Arnulf Hettrich
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Die Idee, auf der das Brettspiel „Monopoly“ fußt, ist mehr als 100 Jahre alt. Und noch immer ist es erfolgreich. Unseren Spielekenner verwundert das. Er findet, dass in anderen Spielen besser mit Geld umgegangen wird.

Könnten Sie sich vorstellen, dass heutzutage der VW Käfer – würde er noch produziert – zu den meistverkauften Autos in Deutschland zählen würde? Oder das Model T von Ford, das erstmals im Jahr 1908 auf die Straßen kam. Vermutlich nicht. In der Brettspielwelt ist das jedoch so. Im übertragenen Sinn. „Monopoly“ zählt gemessen an den Verkaufszahlen zu den beliebtesten Spielen in Deutschland. Immer noch.

Ein Spiel, dessen Ursprung auf den Anfang des 20. Jahrhunderts datiert und Popularität erlangte, als das US-amerikanische Unternehmen Parker die Patentrechte übernahm. Letzteres liegt mittlerweile 90 Jahre zurück. Und das merkt man Monopoly auch an. Es ist wie bei der „Tin Lizzie“ oder beim Käfer: Der Oldtimer hat vielleicht nostalgischen Wert, spiegelt die Qualität moderner Entwicklungen jedoch nicht wider.

Meine These: Würde „Monopoly“ heute erfunden werden, hätte es null Chancen, verlegt zu werden und auf den Markt zu kommen. In Anlehnung an die thematische Einbettung, die Mitspieler durch Immobiliengeschäfte in den Bankrott treiben zu wollen, krankt es an konzeptionellen Schwächen. Wem macht es wirklich Spaß, eliminiert und zum Zugucken verdonnert zu werden? Spieleautoren dieser Tage vermeiden schon eine Aussetzen-Regel.

Bei „Monopoly“ kommt hinzu, dass es über eine viel zu lange Spielzeit den Spannungsbogen nicht aufrechterhalten kann. Wen das Glück beim Würfeln verlässt, muss möglicherweise – auch wegen verbreiteter Hausregeln – einen langen und dann unvermeidlichen Weg zur Niederlage ertragen. Was mich dabei am meisten nervt: das ständige Hin- und Herwechseln von Papiergeld. Beschäftigungstherapie.

Mag ein dickes Bündel Scheine einst Träumereien von Reichtum gefördert haben, kommt Papiergeld in neuen Spielen kaum noch vor. Zu umständlich die Handhabung. Zu billig die Anmutung.

Einer der wenigen der kürzlich veröffentlichten Titel, in denen Scheine in Papierform enthalten sind, ist das bei Piatnik erschienene „Raccoon Tycoon“ von Autor Glenn Drover. In der Anleitung heißt es: „Versierte Geschäftsmagnaten wittern das große Geschäft und wollen auf dem Gipfel dieser Entwicklung ein Vermögen scheffeln.“ Prinzip „Monopoly“, nur dass hier beim Handeln mit Rohstoffen sowie Erwerben von Gebäuden, Firmen- und Gebietsanteilen mehr vom Zufall unabhängige Entscheidungen getroffen werden können.

Ein ordentlich designtes Konstrukt. Warum wir dabei jedoch Waschbären sein sollen? Vermutlich nur, weil sich der englische Begriff dafür auf Tycoon reimt und damit das Wortspiel für den Titel ergab.

Geld prinzipiell hat in vielen Spielen eine Bedeutung. Oft klassisch als Tauschmittel. Mitunter als finale Währung, die über Sieg oder Niederlage entscheidet. Meistens in Form von Pappmünzen. Wer möchte, kann in optionale Metallmünzen investieren, die schwerer in der Hand liegen und eine höhere Wertigkeit versprechen. Echtes Geld für falsches Geld. Fast schon absurd. Dennoch eine Versuchung für Brettspielliebhaber, letztlich aber nur ein Gimmick.

Interessanter ist, wie Autoren mit der Möglichkeit umgehen, dass sich Spieler verzocken und während einer Partie mittellos werden können. Schon bei „Monopoly“ besteht die Option, Hypotheken aufzunehmen oder sich Geld zu leihen. Meist eine Verlängerung des Leidenswegs.

Besser haben es Grégory Grard und Mathieu Roussel in „Castle Combo“ (Kosmos) gelöst. Habe ich keine Münzen mehr, um mir eine Karte aus der Auslage zu leisten, erhalte ich sie einfach so. Mehr noch: Ich kriege Geld obendrauf, um wieder flüssig zu werden. Freilich muss ich in der Folge auf die Funktion der Karte verzichten; sie wird mit der Rückseite nach oben in meine Auslage gelegt.

Was in anderen Spielen ein Notzug ist, kann sich hier als taktischer Vorteil erweisen. Nicht nur wegen der zurückgewonnenen Liquidität, sondern auch wegen der Option, während der finalen Wertung durch andere Karten von umgedrehten Karten zu profitieren. Punkte auf Pump – hier kann das funktionieren.

Bei „Monopoly“ sind Hypothekengeschäfte zumeist der Anfang vom Ende. Das ursprünglich als Kritik am Kapitalismus ausgelegte Spiel ist quasi zu „Kapitalismus – Das Spiel“ geworden. Was vor allem einem nutzt: dem Verlag und Lizenznehmern.

Es gibt kaum ein Thema, das Monopoly nicht übergestülpt wird. „Der Herr der Ringe“, „Spongebob“, „Harry Potter“. Und dann noch die vielen Städte-Editionen. Keine Frage: Das sind plausible Geschenkideen. Aber werden sie auch gespielt? Oder verstauben sie im Regal wie Käfer und Model T im Automuseum?

Sollten Sie zu den Fans von „Monopoly“ gehören, dann lassen Sie sich von mir nicht den Spaß verderben. Denn was Ihnen Spaß macht, darüber entscheiden ja allein Sie. Aber probieren Sie einmal aus, ohne Hausregeln zu spielen. Beim Lesen der Anleitung werden Sie vermutlich so manche Überraschung erleben.

Monopoly | Hasbro | Elizabeth Magie und Charles Darrow | 2 bis 6 Spieler | ab 8 Jahren | 90 und mehr Minuten | Meine Bewertung: Nicht empfehlenswert

Raccoon Tycoon | Piatnik | Glenn Drover | 2 bis 5 Spieler | ab 10 Jahren | 60 Minuten | Meine Bewertung: Solide

Castle Combo | Kosmos | Grégory Grard und Mathieu Roussel | 2 bis 4 Spieler | ab 10 Jahren | 25 Minuten | Meine Bewertung: Empfehlenswert

In unserer Spielekenner-Kolumne stellt Karsten Grosser Themen und Neuheiten aus der Welt der Brett- und Kartenspiele vor. Unser Autor ist seit 2009 Mitglied der Jury „Spiel des Jahres“ .