Osnabrück  Erst Stripperin, dann schmuddelige Geschäfte: Schwedens „Müllkönigin“ muss ins Gefängnis

Jens Mattern
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Von Jens Mattern
| 18.06.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die selbsternannte „Müllkönigin“ Bella Nilsson (hier bei einem Gerichtstermin) verbarg zuletzt ihr Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille. Foto: IMAGO/TT
Die selbsternannte „Müllkönigin“ Bella Nilsson (hier bei einem Gerichtstermin) verbarg zuletzt ihr Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille. Foto: IMAGO/TT
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Sie wechselte von einem schmuddeligen Geschäft ins Nächste. Erst leitete „Bella Nilsson“ Pornoklubs, dann wurde sie zur selbsternannten „Müllkönigin“. Mit rosa Müllsäcken und High Heels inszenierte sie sich als Social-Media-Star. Doch hinter der Fassade lauerte Schwedens größter Umweltskandal.

Es ist der größte Umweltskandal Schwedens. Die Verklappung von 200.000 Tonnen teils toxischen Abfalls ohne Schutzmaßnahmen erschüttert das Land. Dafür wurde die Hauptverantwortliche am Dienstag in Stockholm zu sechs Jahren Haft verurteilt. Bella Nilsson ist eine ehemalige Sexklubbesitzerin und offizielle Inhaberin des Müll-Unternehmens „Think Pink“.

„Die Abfallentsorgung war mit großen Risiken, schädlichen Emissionen und schwerwiegenden Folgen für die Anwohner verbunden“, so die nüchterne Begründung von Richter Niklas Schüllerqvist. Die Verurteilung erfolgte wegen „schweren Umweltverbrechens“.

Das schillernde Auftreten der „Müllkönigin“, wie sie sich selbst bezeichnete, sorgte für entsprechende Aufmerksamkeit. Doch Mitleid wird der Frau nicht zuteil. Sie verbarg ihr Gesicht zuletzt hinter einer großen Sonnenbrille. Viele Betroffene, die etwa Bleivergiftungen im Brunnenwasser hatten, forderten eine harte Strafe.

Nilsson beklagte „Todesdrohungen“ und eine „Hexenjagd“ gegen sich. Sie hat ihren Namen bereits in „Fariba Vancor“ umgeändert.

In der Zeit zwischen 2015 und 2020 vermüllte „Think Pink“ das mittlere Schweden mit Tausenden Tonnen Bau-Abfällen. Diese wurden an 19 Plätzen ungeschützt auf Halden gekippt oder notdürftig vergraben.

Zu den gefährlichen Stoffen gehören PCB (krebsauslösende Chlorverbindungen), Blei, Quecksilber, Arsen und weitere Chemikalien. Diese wurden in die Luft, in den Boden und ans Grundwasser abgegeben. Das Unternehmen pachtete zwar eine Anlage zur Mülltrennung, nutzte diese jedoch nicht. Durch solche Einsparungen machten Nilsson und ihr Ex-Mann Thomas Nilsson große Gewinne. Er wurde zu 3,5 Jahren Haft verurteilt.

Für Aufsehen sorgte der monatelange Brand einer „Think-Pink“-Halde nahe dem Dorf Kagghamra im Winter 2020/21. Dieser bescherte der nahen Hauptstadt Stockholm eine giftige Arsen-Wolke. Die Halde wird derzeit auf ihre Toxizität untersucht. Auch eine andere Entsorgungsstelle brannte über Monate.

Bislang gibt es keine abschließende Bewertung der Umweltschäden. Der Umweltexperte Nils Hydén glaubt, dass „unsere Enkel noch dafür bezahlen müssen.“ Der Ökologe gibt auch den betreffenden Kommunen eine Teilschuld. Jene hätten viele Warnzeichen einfach übersehen.

Für Schweden war die Aufdeckung der Machenschaften ein Schock. Die illegale Verklappung von Müll hatte man lange im südlichen Italien verortet, nicht im eigenen Land. Dort werden staatliche Ordnung und Gemeinsinn gewöhnlich großgeschrieben.

Doch „Think Pink“ ist womöglich kein Einzelfall. Nach Angaben der Branchenorganisation „Avfall Sverige“ sind dank niedriger Strafen und geringer Aufdeckung noch weitere Müll-Kriminelle in dem skandinavischen Königreich unterwegs. „Think Pink“ sei nur die „Spitze des Müllbergs“.

Und mit Nilsson hat der Fall eine besondere Spitze. Die Frau, welche bislang 16 Mal ihren Namen gewechselt hat, wanderte in den 1980er Jahren aus dem Iran nach Schweden aus. Sie wirkte anfangs als Stripperin sowie Leiterin von Pornoklubs. Den Sex-Appeal transferierte sie dann in die sonst wenig prickelnde Müll-Branche.

Sie posierte mit hochhackigen Schuhen und enganliegender Kleidung vor leuchtend rosa Müllsäcken und rosa Fahrzeugen. So wurde sie zu einem Starlet der sozialen Medien.

Die Unternehmerin und ihr Ex-Mann sind sich keiner Schuld bewusst. Sie betrachten sich als Opfer eines mächtigen Konkurrenten in der Branche. Das Paar und drei weitere Verurteilte müssen zwei besonders betroffenen Kommunen umgerechnet 22 Millionen Euro Schadenersatz zahlen.

Auf globaler Ebene gilt die illegale Entsorgung von Müll als wachsendes Problem und als Milliardengeschäft.

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