Biobauer in Großefehn  Biohof in Not – ohne Fleischer kein Biofleisch

Rilana Kubassa
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Von Rilana Kubassa
| 17.06.2025 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Theo Schneider betreibt seinen Hof seit 2004 in Ostgroßefehn. Seine Tiere sind vom alte Haustierrassen, wie hier die Angler Rinder. Foto: Klaus Ortgies
Theo Schneider betreibt seinen Hof seit 2004 in Ostgroßefehn. Seine Tiere sind vom alte Haustierrassen, wie hier die Angler Rinder. Foto: Klaus Ortgies
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Nach einem Brand bei Cuxhaven am 3. Juni kann eine Bio-Fleischerei derzeit keine Aufträge annehmen. Das wirkt sich auch auf Erzeuger und Endkunden in Ostfriesland aus.

Ostgroßefehn - In Hemmoor im Landkreis Cuxhaven ist am 3. Juni 2025 eine Fleischerei komplett abgebrannt. Das mag zunächst nach einer Nachricht klingen, die nichts mit Ostfriesland zu tun hat. Doch der Brand hat weitreichende Folgen – bis in das knapp 150 Kilometer entfernte Ostgroßefehn.

Hier erfuhr der Bio-Landwirt Theo Schneider (38) direkt vom betroffenen Fleischer von der Katastrophe: „Er rief an und sagte, dass wir die Steaks, die er für uns machen wollte, wahrscheinlich nicht wie geplant am nächsten Tag abholen könnten“, sagt er. Da habe es gerade in der Räucherei gebrannt. „Dann musste er auflegen, weil er die Sirenen der Feuerwehr hörte“, erinnert er sich.

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Kaum noch Fleischereien in der Region

Nun haben er und sein Mitarbeiter Lars Hassler ein Problem: Der Biohofladen, der an den landwirtschaftlichen Betrieb angeschlossen ist, hat einen Engpass bei den Fleischwaren – eine Lösung ist bisher nicht in Sicht. „Wir finden hier im Umkreis keine Fleischerei“, sagt Theo Schneider. Geschlachtet werden könnten die Tiere zwar in Detern oder Elsdorf, aber: „Wir haben keinen Metzger, der das Fleisch verarbeitet“, sagt Theo Schneider. In einer Instagram-Story, einem kurzen Video, das nur für 24 Stunden auf dem Account zu sehen war, erzählt Hassler direkt nach der Katastrophe, dass die Kunden sich besser jetzt mit Tiefkühlwaren eindecken sollten, da man aktuell nicht wisse, wo die Produkte in der nächsten Zeit hergestellt werden können.

Normalerweise ist die Truhe prall gefüllt, sagt Theo Schneider. Statt der üblichen etwa 1000 Kilogramm Fleisch sind derzeit nur 200 Kilogramm da. Foto: Klaus Ortgies
Normalerweise ist die Truhe prall gefüllt, sagt Theo Schneider. Statt der üblichen etwa 1000 Kilogramm Fleisch sind derzeit nur 200 Kilogramm da. Foto: Klaus Ortgies

Zusätzlich zum Verkauf veranstalten Schneider und Hassler regelmäßig Steak-Tastings und zweimal im Monat Burger-Abende. In der abgebrannten Fleischerei sei das Fleisch für die Burger extra gröber und aus dem Nacken durch den Wolf gedreht worden. „Für einen Burger-Abend reicht es noch, aber danach nicht mehr“, sagt Lars Hassler. Daran hat sich nach knapp zwei Wochen noch nichts geändert. „Wir sind auf der Suche“, sagt Theo Schneider. Aber die Fleischereien in der Umgebung haben keine Kapazitäten. „Wir haben ja allgemein das Problem, dass die Schlachter und Fleischer weniger werden“, so Hassler. Selbst wenn sie konventionell schlachten würden – „hier in der Region sind alle pottenvoll“, sagt er. Seit Jahren gehen die Zahlen der handwerklich betriebenen Fleischereien in Niedersachsen und bundesweit zurück. Gründe sind zum einen eine hohe Anzahl an Betriebsaufgaben zur Rente, zum anderen gibt es massive Nachwuchsprobleme in der Branche.

„Bio“ bedeutet viel Aufwand und noch mehr Bürokratie

Und warum gibt es so wenige Bio-Fleischereien in der Umgebung? Schneider und Hassler sehen einen wesentlichen Grund dafür im Aufwand. Für das Bio-Zertifikat auf den Produkten gelten besondere Auflagen. „Viele wollen die Aufwand für Bio nicht“, weiß Theo Schneider. Es gebe sowieso schon viel Bürokratie und Kontroll-Instanzen. Für Bioprodukte werde noch zusätzlich kontrolliert. Das koste Geld – „vor allem aber viel Zeit“, meint er.

Bis er eine Lösung hat, muss er seine Tiere nun an einen Viehhändler abgeben, der sie dort schlachten lässt, wo gerade Kapazitäten vorhanden sind. Das könne auch ein Schlachthof-Riese wie Tönnies sein. „Tönnies macht ja auch Bio-Fleisch“, so Schneider. Glücklich ist er nicht damit. Für ihn ist die aktuelle Situation aus mehreren Gründen nicht optimal. „Es ist was anderes, wenn sie auf einen großen Schlachthof kommen statt zu einem kleinen, regionalen“, meint der Landwirt. „Das ist ja nicht der Grund, warum wir das hier machen. Das Fleisch soll ja regional vermarktet werden“, sagt er. Außerdem gebe es weniger Geld, als wenn er das Fleisch mit Bio-Label im eigenen Laden verkaufe.

Die Folgen des Feuers nehmen zu

Hinzu kommt, dass die Regale und Truhen im Laden immer leerer werden. Lars Hassler macht sich bereits Sorgen um die Weihnachtsproduktion mit Waren in Gläsern. Auch das gehe jetzt alles noch nicht, sagt er. „Da hängt ein Riesen-Rattenschwanz dran“, meint er.

Seit 2004 bewirtschaftet Theo Schneider den Hof, insgesamt etwa 250 bis 300 Hektar, wie er sagt. Neben 150 Rindern der Rasse Shorthorn sowie einigen Angler und Glanrindern hält er auch Bentheimer Landschweine, Hühner, Schafe und Ziegen. Seit 2011 macht er Bio, seit drei Jahren betreibt er den Hofladen in der Kanalstraße Nord.

Lars Hassler steht vor ungewöhnlich leeren Regalen. Er ist seit 2024 im Betrieb für den Hofladen zuständig. Foto: Klaus Ortgies
Lars Hassler steht vor ungewöhnlich leeren Regalen. Er ist seit 2024 im Betrieb für den Hofladen zuständig. Foto: Klaus Ortgies

Eine Idee für neue Perspektiven

Nächste Woche will Theo Schneider noch einmal bei dem Fleischer in Hemmoor anrufen. Der habe bereits angekündigt, dass er sich um Möglichkeiten bemühe, übergangsweise in einem anderen Gebäude weiterzumachen. „Die werden das wieder aufbauen“, ist er sicher. Aber: „Wenn das nicht klappt, wird es kompliziert“, sagt er.

Doch er wäre wohl kein Unternehmer, wenn da nicht schon eine Idee für eine Lösung in ihm wachsen würde. „Andere Betriebe aus der Gegend haben ähnliche Probleme“, sagt er. „Und um schlachten zu können, braucht man einen Meistertitel.“ Da die Landwirte es schon aus zeitlichen Gründen nicht leisten könnten, zusätzlich auch noch zu schlachten, kann er sich vorstellen, dass sich die regionalen Betriebe zusammentun und mit einem Schlachter gemeinsam eine Schlachterei gründen. „Wie eine Genossenschaft“, fügt Hassler hinzu. „So könnte man eine langfristige Lösung finden“, meint Theo Schneider. Beim Anblick der braunen Rinder auf der Weide kommt Lars Hassler noch ein weiterer Gedanke. „Wenn man das so sieht, könnte man auch einfach gar kein Fleisch mehr essen“, sagt er.

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