Fragen in Emden  Tod nach Fehldiagnose – Klinik antwortet ausweichend

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 17.06.2025 12:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Ärztin des Klinikums Emden stand kürzlich vor Gericht. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
Eine Ärztin des Klinikums Emden stand kürzlich vor Gericht. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
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Nach dem Tod einer Patientin hatten Gutachter vor Gericht Abläufe in der Notaufnahme des Klinikums Emden kritisiert. Wir haben die Verantwortlichen mit den Aussagen konfrontiert.

Emden - Eine 65-jährige Patientin ist im Mai 2018 nach einer Fehldiagnose im Klinikum Emden an Lungenkrebs gestorben. Die Frau hatte mehrmals wegen großer Schmerzen die Notaufnahme aufgesucht. Obwohl auf Röntgenaufnahmen Schatten zu erkennen waren, wurde sie nach Hause geschickt und nicht behandelt. Das sei harmlos, hieß es.

Sieben Jahre später hatte der Fall ein Nachspiel vor Gericht. Eine der behandelnden Ärztinnen war vor dem Amtsgericht Emden wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Der Fall wurde am 27. Mai 2025 verhandelt. Die Angeklagte wurde freigesprochen, da sie erst kurz vor dem Tod der Patientin die Befunde zum ersten Mal gesehen hatte. Zu diesem Zeitpunkt sei es bereits zu spät gewesen, hatten zwei vom Gericht bestellte Gutachter befunden. Die Angeklagte treffe daher keine Schuld am Tod der Patientin, befand das Gericht.

Gutachter bemängelten vor Gericht Fehler im System

Zugleich kritisierten die Gutachter in der Verhandlung jedoch schwerwiegende Fehler im System. Die Sachverständigen Dr. Thomas Bernhardt (Radiologe) und Dr. Hartmut Kirchner (Onkologe) aus Hannover erklärten, es hätte nicht passieren dürfen, dass die Röntgenaufnahmen der Patientin, die in der Notaufnahme gefertigt worden waren, nicht genauer befundet wurden. Dabei sei es „unbedingt notwendig“, so Thomas Bernhardt, in einem solchen Fall weitere Untersuchungen anzuregen. Es sei daher fraglich, ob die diensthabenden Assistenzärztinnen überhaupt die notwendige Fachkompetenz besessen hätten, das zu erkennen.

Außerdem sei es äußerst kritisch zu betrachten, dass am Abend oder in der Nacht aufgenommene Röntgenbilder am nächsten Tag nicht von einer Radiologin oder einem Radiologen zweitbegutachtet werden, wenn bei der Aufnahme nur Assistenzärzte im Dienst gewesen seien. Im Emder Klinikum würden Röntgenbilder nur dann zweitbegutachtet, wenn ein medizinischer Verdachtsfall angezeigt werde und die Aufnahmen als auffällig eingestuft würden.

Klinik antwortet ausweichend

Die Redaktion hat diese aufgezeigten Fehler im System zum Anlass genommen, beim Klinikum Emden nachzufragen, wie heute die Abläufe in der Notaufnahme sind. Wir wollten unter anderem wissen, ob Röntgenbilder, die von Assistenzärzten beurteilt wurden, grundsätzlich am nächsten Tag von einem Radiologen zweitbegutachtet werden und wie sichergestellt wird, dass auffällige Befunde nicht übersehen werden.

In ihrer schriftlichen Antwort weicht die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden den konkreten Fragen aus. Sie geht nicht ins Detail, verrät nichts über die Abläufe in der Notaufnahme. Stattdessen antwortet sie mit einem allgemeinen Hinweis auf Standards. Die Antwort im Wortlaut: „Eine Befundung sowie alle damit zusammenhängenden Folgebehandlungen erfolgen in unseren Krankenhäusern gemäß den geltenden fachlichen und rechtlichen Standards. Hierbei ist der Facharztstandard stets gewährleistet.“

„Qualität auf Maximalversorger-Niveau gehoben“

Sodann folgt ein Hinweis auf Verbesserungen: „Durch die Etablierung der Thoraxchirurgie und die Gründung des ostfriesischen Lungenzentrums konnte die Qualität in der Diagnostik und Therapie von chronischen und akuten Lungenerkrankungen auf Maximalversorger-Niveau gehoben werden.“ Diese Aussage lässt darauf schließen, dass der Standard der Diagnostik mittlerweile höher ist als zum Zeitpunkt der Fehldiagnose. Was genau sich geändert hat, bleibt allerdings im Dunkeln. Klar ist nur: Ein Maximalversorger ist ein Krankenhaus, das mit seinem Leistungsangebot Krankenhäuser der Grund-, Regel- und Schwerpunktversorgung übertrifft. Auch die Zentralklinik in Uthwerdum, die 2029 die Krankenhäuser in Emden, Aurich und Norden ersetzen soll, wird als Maximalversorger geplant.

Abschließend heißt es in der Antwort: „Über die Situation und Prozessqualität 2018 können wir keine Aussage treffen, da sämtliche damaligen Klinikleiter nicht mehr im Dienst sind.“ Wir hatten jedoch nicht nach der Situation 2018 gefragt, sondern nach der Gegenwart. Als Laie muss man wohl darauf hoffen, dass sich inzwischen einiges verbessert hat – und dass in Zukunft in der Emder Notaufnahme keine lebensbedrohlichen Befunde übersehen werden.

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