Istanbul  „Schlag drauf, Israel – die Iraner stehen hinter dir“

Thomas Seibert
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Von Thomas Seibert
| 15.06.2025 15:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die israelische Flagge neben der alten persischen Flagge. Foto: IMAGO/Stefano Montesi
Die israelische Flagge neben der alten persischen Flagge. Foto: IMAGO/Stefano Montesi
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Israels Angriffe auf den Iran verstärken den Druck auf das Regime in Teheran. Oppositionelle hoffen auf einen Machtwechsel, doch die Führung bleibt trotz wachsender Unzufriedenheit fest im Amt.

„Schlag drauf, Israel – die Iraner stehen hinter dir“, haben Unbekannte auf eine Mauer gesprüht. Yasmine Pahlavi, Ehefrau des früheren iranischen Kronprinzen und Exil-Oppositionspolitikers Reza Pahlavi, verbreitete jetzt ein Foto von dem Spruch in den sozialen Medien. Die iranische Opposition innerhalb und außerhalb des Landes hofft, dass Israels Angriffe auf den Iran das theokratische Regime stürzen werden. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rief die Iraner zum Aufstand auf. Noch sitzt die Führung der Islamischen Republik aber fest im Sattel.

Israels Angriff traf ein Regime, das von Millionen seiner Bürger abgelehnt wird. Viele Iraner kritisieren die aggressive und teure iranische Außenpolitik der vergangenen Jahre und werfen der Führung vor, das Land nicht schützen zu können. Iranische Politiker und Militärs fachen die Unzufriedenheit ungewollt an, indem sie regelmäßig mit einer militärischen Stärke ihres Landes prahlen, die es nicht gibt. Der Chef der iranischen Revolutionsgarde, Hossein Salami, drohte noch vor wenigen Wochen, der Iran werde für Israel „das Tor zur Hölle öffnen“ – nun wurde Salami in seiner Wohnung von einer israelischen Rakete getötet.

„Danke, Onkel Netanjahu“, zitierte der Oppositionssender Iran International die Reaktion eines Zuschauers. Iran halte sich für eine starke Nahost-Macht, verliere aber seine höchsten Generäle bei einem einzigen israelischen Angriff. Israel ist über Interna des Regimes informiert. Die Unterwanderung ihres Sicherheitsapparates durch israelische Geheimdienste erschwert es der Führung in Teheran auch, Israel mit Vergeltungsangriffen zu überraschen.

Der israelische Geheimdienst Mossad konnte mitten im Iran ungestört mobile Abschussrampen für Raketen und Drohnen aufbauen und auf iranische Stützpunkte feuern. Israelische Regierungsvertreter lassen Details der Angriffe an die iranische Opposition durchsickern, um die Schwäche des Regimes bloßzustellen. So meldete Iran International, der Mossad habe wichtige Kommunikationssysteme der Iraner lahmgelegt und Transportfahrzeuge für Raketen außer Gefecht gesetzt, so dass die Geschosse nicht zu den Startrampen gebracht werden konnten.

Militärisch schwach, international isoliert, wirtschaftlich von Sanktionen und Misswirtschaft gebeutelt, vom Mossad unterwandert: Kein Wunder, dass Netanjahu darauf hofft, dass die Iraner das ungeliebte System abschütteln. Auch Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, fühlt sich ermutigt. Noch gibt es jedoch keine Hinweise auf einen Aufstand. Zuletzt geriet die Islamische Republik vor drei Jahren in Bedrängnis, als Millionen Iraner gegen die Kopftuchpflicht, politische Entrechtung und wirtschaftliche Dauerkrise auf die Straßen gingen. Das Regime ließ die Proteste niederschlagen.

Wichtige Stützen für Revolutionsführer Ali Khamenei sind die Revolutionsgarde und die regierungstreue Basidsch-Miliz, die in den vergangenen Jahrzehnten alle Aufstände unterdrückt haben. Das Regime profitiert zudem von der Zerstrittenheit der Opposition im In- und Ausland, die es bisher nicht geschafft hat, sich auf ein gemeinsames Programm zu einigen.

Im Krieg gegen Israel kommt zudem der Patriotismus vieler Iraner der Regierung zur Hilfe. Selbst Gegnern der Islamischen Republik geht es gegen den Strich, dass ihr Land von einer ausländischen Macht angegriffen wird. Er sei kein Regimeanhänger, sagte ein Iraner dem persischen Dienst der BBC.

„Aber hier geht es um die Heimat.“ Israel zerstöre iranische Infrastruktur „und tötet unsere Landsleute“. Seit Freitagmorgen sind nach offiziellen iranischen Angaben rund 200 Menschen von israelischen Angriffen getötet worden, allein 60 davon bei einem Luftangriff auf eine Wohnanlage in Teheran am Samstag. Unter den Opfern waren dem Staatsfernsehen zufolge 20 Kinder.

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