Brüssel  Deutschland nicht mehr Zielland Nummer 1: Wo Asylbewerber vermehrt Schutz suchen

Katrin Pribyl
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Von Katrin Pribyl
| 12.06.2025 20:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist für die Durchführung von Asylverfahren und Flüchtlingsschutz verantwortlich. Foto: IMAGO / Panama Pictures
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist für die Durchführung von Asylverfahren und Flüchtlingsschutz verantwortlich. Foto: IMAGO / Panama Pictures
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In der EU gingen im Jahr 2024 elf Prozent weniger Asylanträge im Vergleich zum Vorjahr ein. In Deutschland waren es 29 Prozent weniger. Und der Trend dürfte sich fortsetzen, insbesondere was Schutzsuchende aus Syrien angeht. Seit dem Sturz des Assad-Regimes ist deren Zahl deutlich zurückgegangen. Das hat vor allem Folgen für Deutschland.

Als Syriens Diktator Bashar al-Assad Anfang Dezember vergangenen Jahres stürzte, dauerte es nur einige Tage, bis Deutschland aufgrund der unklaren Lage in dem kriegsgebeutelten Land vorerst alle Entscheidungen über Asylanträge von syrischen Flüchtlingen stoppte. Damals sortierten Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge rund 47.000 Anträge im Stapel nach unten. Allzu viele Formulare dürften auch nicht mehr hinzukommen.

Zwar stammten im vergangenen Jahr weiterhin die meisten Antragsteller aus dem Nahoststaat, wie die EU-Asylagentur (EUAA) in ihrem Jahresbericht feststellte, den sie an diesem Donnerstag veröffentlichte. Aber seit dem Zusammenbruch des Assad-Regimes machen sich immer weniger Syrer auf den Weg, um in Europa Schutz zu suchen. Im März 2025 registrierte die EUAA in ihrem Monatsbericht bereits nur noch 3300 Anträge von Syrern und damit fünfmal weniger als noch fünf Monate zuvor – eine abrupte Wende.

Die Bundesrepublik war deshalb erstmals seit langer Zeit nicht mehr jenes Land in der Union, das die meisten Asylanträge verzeichnete. Spanien, Italien und Frankreich erhielten mehr Gesuche als die Bundesrepublik. Der Rückgang spiegele die neuen politischen Umstände in Syrien wider, heißt es in dem Report.

Deutschland als bevölkerungsreichster EU-Mitgliedstaat ist traditionell eines der Hauptzielländer von Geflüchteten, auch wenn die Zahlen sinken. 2024 zählte die EUAA für die Bundesrepublik rund 237.000 neue Anträge und damit 92.000 weniger als im Vorjahr – ein Minus von 29 Prozent.

Es ist ein Trend, der in der gesamten Gemeinschaft zu beobachten ist. In der EU sowie in Norwegen und der Schweiz wurden im vergangenen Jahr über eine Million Erstanträge auf Asyl gestellt, das sind rund 100.000 weniger als 2023 – ein Rückgang um etwa elf Prozent. Mit der Bundesrepublik, Spanien (166.000), Italien (159.000), Frankreich (159.000) und Griechenland (74.000) erhielten fünf Länder fast vier Fünftel aller in der Union gestellten Anträge.

Betrachtet man die Zahl der Bewerber im Verhältnis zur Bevölkerung, führten Griechenland und die Mittelmeerinsel Zypern die Liste an. Viele EU-Länder hätten 2024 ihre Praktiken und Gesetze an die „sich wandelnden Migrationsbewegungen“ angepasst, neben dem Ende der Assad-Diktatur führte die EUAA auch die Instrumentalisierung von Asylsuchenden durch einige Drittstaaten an, wie es etwa an der polnisch-belarussichen oder russisch-finnischen Grenze zu beobachten war.

Hinzu kamen laut Agentur eingerichtete Schnellverfahren für bestimmte Gruppen. „Durch Investitionen in beschleunigte Verfahren oder die Schaffung zentralisierter Anlaufstellen für die Registrierung und Bearbeitung von Asylanträgen konnten die nationalen Behörden die höchste Zahl an Entscheidungen in erster Instanz seit 2017 treffen“, schreiben die Autoren in dem Bericht.

Das Ziel: den bestehenden Rückstau abzubauen, bevor Mitte nächsten Jahres der europäische Migrationspakt in Kraft treten wird. Auf dessen Reform hatten sich die Mitgliedstaaten Anfang 2024 nach jahrelangen Streitigkeiten geeinigt. Die neuen Regeln des Asylrechts, die derzeit implementiert werden und spätestens ab Juni 2026 in allen 27 EU-Ländern zu gelten haben, sollen die Zahl der Neuankömmlinge senken, Asylverfahren beschleunigen und sie an die Außengrenzen verlagern.

Zudem will die Gemeinschaft eine gerechte Verteilung der Lasten in Europa erreichen. Auch durch die Stärkung der Zusammenarbeit auf der europäischen Ebene würden die nationalen Asylverfahren „deutlich effizienter“, sagte der EU-Migrationskommissar Magnus Brunner. 

Um den Rückstand bei Asylanträgen aufzuholen und den nationalen Asylbehörden „Orientierung“ zu geben, hatte die Brüsseler Behörde darüber hinaus Mitte April eine Liste mit sieben Ländern veröffentlicht, die künftig als sichere Herkunftsländer gelten sollen. Darauf stehen neben Kosovo auch Bangladesch, Kolumbien, Ägypten, Indien, Marokko und Tunesien.

Mit der Neubewertung will die Kommission es den Mitgliedstaaten ermöglichen, Asylanträge von Staatsangehörigen aus jenen Ländern in einem beschleunigten Verfahren oder im Grenzverfahren zu bearbeiten, da ihre Anträge eine geringe Aussicht auf Erfolg haben würden. Zudem gehe es laut Brunner darum, „die Anzahl der irregulären Grenzübertritte weiter zu reduzieren“. Sie sei in den ersten fünf Monaten bereits um 20 Prozent gesunken, was dazu führen werde, „dass weniger Asylanträge gestellt werden“, so der Österreicher.

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