Boot in Not So erlebte eine junge Familie die Havarie auf der Nordsee
Ein Leck im Boot, Wasser im Maschinenraum und Angst ums Kind: Für eine Familie wurde die Nordsee zur Bewährungsprobe. Uns erzählt sie, was sie in diesen Momenten durchgemacht hat – ehe Fischer aus Greetsiel halfen.
Greetsiel/Bremerhaven - An diesen Tag wird sich Familie Selent wohl noch lange erinnern. Die Eheleute Julia und Steffen Selent aus dem Kreis Diepholz waren am Dienstag, 3. Juni 2025, mit ihrer fünfjährigen Tochter auf der Nordsee unterwegs.
Mit ihrem zehn Meter langen Motorboot waren sie auf dem Weg nach Bremerhaven – doch da kamen sie am Abend nur über große Umwege an. Denn nordöstlich der kleinen Vogelschutzinsel Mellum drang plötzlich Wasser in ihr Boot ein.
Nasser Fleck: Erste Anzeichen auf dem Unterdeck
„Wir fahren schon seit zwölf Jahren Boot“, erzählt Julia Selent im Gespräch mit dieser Redaktion. „Wir wollten uns vergrößern und haben uns ein Boot aus Dänemark geholt.“ Bei der schicksalhaften Fahrt handelte es sich um die Überführungsfahrt ihres neuen Bootes. Die Familie hatte das Boot aus Dänemark abgeholt, war am Tag zuvor schon ohne Zwischenfall über die Ostsee geschippert. „Dann ging es durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Brunsbüttel“, sagt Steffen Selent. Von dort sollte es eigentlich weiter nach Bremerhaven gehen.
„Gegen 8 Uhr früh sind wir in Brunsbüttel losgefahren“, erinnert sich Julia Selent. Brunsbüttel liegt an der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals in die Elbe. Irgendwann während ihrer Fahrt über die Nordsee hatten die beiden dann einen nassen Fleck auf dem Teppich auf dem Unterdeck entdeckt. Da hätten sie sich noch nichts bei gedacht, sagen die beiden. „Erst dachten wir, der Wasserfleck kam von oben, dass da zum Beispiel eine hohe Welle bis nach drinnen kam“, so Steffen Selent.
Ein Schwall Wasser kam aus der Bodenluke
Seine Frau schaute daraufhin nach, was es mit dem Wasserfleck auf sich hatte. Unter dem nassen Läufer befand sich eine Bodenluke, diese hob sie an. „Und da haben wir schon gesehen, dass dort ein Ventil abgebrochen war, da war ein etwa zwei Zentimeter großes Loch“, so Steffen Selent. Durch den Wasserdruck kam ihnen aus diesem Loch schon ein ordentlicher Schwall Wasser entgegen, beschreiben die Eheleute. „Erst mal hat mein Mann versucht, das Loch mit einem Tuch zuzuhalten“, sagt Julia Selent. „Dann habe ich übernommen, mein Mann ist wieder ans Steuer.“ Die beiden wollten wegen des Lecks Gas geben, um so möglichst schnell an die Küste zu gelangen, erzählen sie.
Doch dann stellte Steffen Selent fest, dass sich das Motorboot irgendwie anders fuhr als zuvor. „Es hat sich anders angefühlt, als ob da mehr Gewicht wäre“, sagt er. Die beiden sahen im Maschinenraum des Bootes nach und erkannten, dass dieser bereits zur Hälfte mit Wasser vollgelaufen war. „Das war der Punkt, an dem wir uns entschlossen haben, den Notruf abzusetzen über Funk“, so Julia Selent.
Tochter entdeckt die rettenden Fischer
Den Notruf hörten nicht nur die Seenotretter, sondern auch die Besatzungen von vier Fischkuttern aus Greetsiel und Norddeich, die gerade in der Nähe fischten. Diese machten sich sofort auf den Weg zur Familie. „Laut Bericht kamen die Fischer nach einer halben Stunde. Für mich hat sich das viel schneller angefühlt“, sagt Julia Selent. „Aber ich habe in dem Moment natürlich auch nicht auf die Uhr geschaut.“
Dass Hilfe nahte, konnte Julia Selent erst gar nicht erkennen. Dann kam die fünfjährige Tochter der beiden ins Spiel: „Ich habe weiter das Loch zugehalten, ich konnte nichts außer den Bootswänden sehen“, so die junge Mutter. „Ich habe dann meine Tochter gefragt, ‚Siehst du ein Boot?‘ und sie sagte: ‚Ja, da ist ein Boot‘“, erinnert sie sich. Die Fischkutter aus Greetsiel und Norddeich waren gekommen, um zu helfen. „Sie haben mich abgelöst, die Fischer, und ich bin dann mit unserer Tochter auf deren Boot gegangen.“
Ausweise, Lieblingskuscheltier: Die Sorge um das Nötigste
Etwas Angst hatte die Familie im Moment der Havarie schon, erzählt sie. „Natürlich macht man sich Gedanken“, so Julia Selent. „Ich habe zu meinem Mann gesagt: ‚Pack bitte schon mal das Nötigste zusammen, die Ausweise, das Lieblingsstofftier unserer Tochter‘“, sagt sie. Für den Ernstfall hätte es auf ihrem havarierten Motorboot zwar eine Rettungsinsel gegeben. Aber an diese Eventualität wollte die Familie gar nicht erst denken, berichtet Mutter Julia. „Das Wasser ist doch so kalt, dachte ich mir. Da können wir doch nicht rein!“
Die erste Angst sei von ihr abgefallen, als ihre Tochter ihr sagte, dass sie draußen ein Boot sehen konnte – den Fischkutter. Und noch mehr Angst fiel von ihr ab, als sie mit ihrer kleinen Tochter sicher auf dem Fischkutter untergebracht war, dort etwas zu trinken bekam. Später beförderte der Seenotrettungskreuzer „Hermann Rudolf Meyer“ die Familie und ihr Motorboot sicher nach Bremerhaven. „Als mein Schwiegervater den Zwischenfall mitbekommen hat, kam er sofort zu uns gefahren und hat meine Frau und meine Tochter nach Hause gebracht“, so Steffen Selent. Er selbst verbrachte die Nacht sicherheitshalber auf dem Motorboot. „Falls doch noch etwas sein sollte, dann kann man schnell die Feuerwehr rufen.“
Zurück an Land – und voller Dank
So richtig begriffen, was ihnen passiert ist, habe die Familie erst ein paar Tage später, zu Hause. „Zwei Tage danach habe ich mich noch ein bisschen schlecht gefühlt“, so Julia Selent. „Dieses Gefühl, dass man da 10, 20 Kilometer von der nächsten Küste entfernt ist, das ist schon mulmig“, so Steffen Selent. „Im Fluss kann man wenigstens noch schnell an das andere Ufer schwimmen, in der Nordsee geht das nicht.“
Die Lust am Bootfahren hat ihnen das Ereignis trotz allem nicht genommen. „Unsere Tochter hat schon gleich danach gefragt, wann wir wieder fahren“, so Steffen Selent. Auf die offene See wollen sie trotzdem in nächster Zeit nicht fahren. „Wir bleiben erst mal lieber bei den Flüssen, Weser und Aller“, sagt Julia Selent mit einem Lachen. „Obwohl das natürlich nicht die Schuld der Nordsee war, das hätte uns überall passieren können“, so Steffen Selent.
Ihr Boot liegt derweil auf einer Werft in Bremen. Dort wird es ordentlich durchgecheckt. Wie genau es zu dem Schaden kam, muss noch geklärt werden. Besonders das Salzwasser, was in den Maschinenraum gelangt ist, macht Steffen Selent Sorgen. Denn dort kann es großen Schaden anrichten. Aber in erster Linie ist die junge Familie froh, dass ihr nichts passiert ist. Und eine Sache liegt ihnen besonders am Herzen: „Wir möchten uns noch mal bei den Fischern bedanken, die so schnell reagiert haben“, sagen die beiden. „Wie das alles abgelaufen ist, das war super“, so Steffen Selent. „Wir sind froh, dass sie da waren.“