Osnabrück Freie Wahl? Forscherin Abou erklärt, wie soziale Herkunft unseren Bildungsweg beeinflusst
In Deutschland hat jeder die freie Wahl, was er nach der Schule tun will – zumindest in der Theorie. Die soziale Herkunft beeinflusst diese Wahl allerdings. Tanja Abou forscht zu Klassismus und erklärt, warum die „freie Wahl“ gar nichts so frei ist.
Vom Heimkind zur renommierten Wissenschaftlerin – Tanja Abou ist das Paradebeispiel für das Leistungsnarrativ „Jeder kann es schaffen“. Mit ihrem Lebenslauf könnte man eine perfekte Aufstiegsgeschichte erzählen. Aber genau diesen Stempel möchte sie nicht. Sie will nicht als Vorzeigebeispiel gelten, sondern sie beschäftigt sich mit dem Problem dahinter, weshalb ihr Fall immer noch als „Ausnahme“ gilt – nämlich Klassismus.
„Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position“, erklärt Tanja Abou. Sie forscht zu sozialer Ungleichheit und hat ein Buch über „Klassismus im Bildungssystem“ geschrieben. Dabei beschreibe die soziale Herkunft, wo man aufgewachsen sei, woher man komme und ob man beispielsweise in einer Armutsklasse sozialisiert wurde.
Klassismus hat also nicht nur etwas mit dem Einkommen, sondern auch der gesellschaftlichen Stellung zu tun. Bildung wird in Deutschland vererbt – das sei laut Abou kein neues Phänomen, sondern bereits in den 1960ern festgestellt worden. Akademiker sind oft bestrebt, die akademische Bildung auch an ihre Kinder weiterzugeben. Daher sei der Weg für viele von ihnen bereits vorgezeichnet.
Tanja Abou verweist auf den Soziologen Ralf Dahrendorf. Er stellt infrage, ob die Entscheidung über den Bildungsweg wirklich frei und demokratisch ist. Viele „Arbeiterkinder“ würden ihre vollen beruflichen Möglichkeiten gar nicht kennen oder sie für unerreichbar halten.
Sie würden vor allem auf die Herausforderungen hingewiesen: Ihre Noten müssten besonders gut sein und sie müssten sich Gedanken über die richtige Finanzierung machen. „Bei Kindern von Akademikern spricht man überhaupt nicht darüber, sondern es ist wie eine ‚natürliche Ordnung‘“, erklärt Tanja Abou.
Außerdem unterscheide sich das gesellschaftliche Ansehen von Studium und Ausbildung immer noch stark. Das zeigt auch eine Studie über Akademikerkinder, die sich für eine Ausbildung entschieden haben. Bereits der Titel der Studie „Missratene Söhne und Töchter“ bedient das gesellschaftliche Narrativ, dass eine Ausbildung in diesem Fall ein „Abstieg“ wäre. Und das, obwohl in Zeiten von Handwerkermangel Menschen in Ausbildungsberufen gute Gehälter erzielen können.
Es gäbe nach Abou zwar eine Bildungsexpansion und immer mehr Menschen würden Abitur machen, das würde aber dazu führen, dass andere Faktoren wichtiger werden würden – beispielsweise wo man sein Abitur gemacht hat und mit welchem Schnitt. Hier hätten Kinder aus Akademikerfamilien einen klaren Vorteil, da sie bessere Voraussetzungen mitbringen. „Alle fahren mit dem Fahrstuhl eine Etage höher, aber der Abstand bleibt gleich“, zitiert Tanja Abou den Soziologen Aladin El-Mafaalani.
„Es macht einen massiven Unterschied, ob meine Eltern oder die erwachsene Bezugsperson mich in meinem Studium finanziell unterstützen können“, sagt Tanja Abou. Kinder, die wenig finanzielle Unterstützung erhalten, müssten häufig einen Kredit aufnehmen oder eine Art „Puzzlefinanzierung“, aus Beihilfen, Kindergeld, Wohngeld und Ähnlichem zusammenstellen.
Es müssen Anträge gestellt und Nachweise erbracht werden; auch das frisst Zeit und Energie. Und dennoch reiche das Geld oft nicht oder nur knapp. Dagegen müssten sich Menschen aus Akademikerhaushalten oder wohlhabenderen Familien häufig keine Sorgen um die Finanzierung eines Studiums machen. Der Fokus könne dort voll auf die Uni gelegt werden.
Auch diese finanziellen Hürden beeinflussen folglich die Wahl zwischen Ausbildung und Studium. Viele junge Menschen entscheiden sich eher für eine Ausbildung, da sie hier früher Geld verdienen als bei einem Studium.
Eine weitere Herausforderung von Klassimus-betroffenen ist das fehlende Zugehörigkeitsgefühl. Das „Hochstapler-Syndrom“, also das Gefühl, etwas nicht verdient zu haben und dass irgendwann auffliegen könne, dass man nicht dazugehöre.
„Als Person, die in materieller Armut oder bildungsbenachteiligt aufgewachsen ist, hast du nicht das Gefühl, dass dir etwas zusteht, sondern dass du für alles immer doppelt arbeiten musst. Du musst 1000 Anträge ausfüllen“, erklärt Abou. „Du musst immer doppelt beweisen, dass du was im Kopf hast. Scheitern ist für dich einfach noch mal viel krasser, weil Scheitern immer der ‚Beweis‘ ist, dass du doch nicht dorthin gehörst.“
Tanja Abou selbst ist im Heim groß geworden, hat Abitur gemacht, studiert – und ist jetzt Wissenschaftlerin. Und dennoch, sagt sie, erfahre sie auch heute noch regelmäßig Klassismus in ihrem Berufsleben, sobald sie aus ihrem Leben erzähle.
„Ich bin dann nicht mehr die Tanja, die die gleichen Bildungsabschlüsse hat wie alle anderen im Raum, die einen Stapel an Veröffentlichungen hat, die auf einem ganz guten Platz im Leben gelandet ist. [...] Ich bin plötzlich nur noch Heimkind“, erklärt sie.
Ihrer Meinung nach bräuchte es mehr „echte“ Vorbilder und keine Motivations-Erzählungen wie „Wenn ich das geschafft habe, kannst du das auch schaffen“. Wichtiger für sie seien „Verbündete“ – sprich Menschen, aus ähnlichen Verhältnissen, die in diesen akademischen Bereichen arbeiten und die zeigen, dass es keine Rolle spielt, woher sie kommen.
„Jedes Mal, wenn eine Lehrperson oder eine Professorin an der Uni zu verstehen gegeben hat, dass sie auch aus der Arbeiterklasse kommt – das waren meine Helden“, erinnert sich die Forscherin.