Energie in Ostfriesland  Aus Gülle Gold machen? Blick in eine Biogasanlage

Rilana Kubassa
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Von Rilana Kubassa
| 10.06.2025 15:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Stefan Sweers hat einiges investiert in seine Biogasanlage. Durch das, was er für die Einspeisung an Energie ins Stromnetz erhält, trägt sie sich vorerst selbst. Foto: Rilana Kubassa
Stefan Sweers hat einiges investiert in seine Biogasanlage. Durch das, was er für die Einspeisung an Energie ins Stromnetz erhält, trägt sie sich vorerst selbst. Foto: Rilana Kubassa
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Seit 2024 betreibt Landwirt Stefan Sweers aus Wybelsum eine Biogasanlage – eine Investition für mehr Geld und Unabhängigkeit. Aber wie funktioniert die Anlage eigentlich? Ein Report aus dem Innern.

Emden - In dritter Generation bewirtschaftet Stefan Sweers (39) aus Wybelsum in Emden jetzt den Milchviehhof, den sein Großvater 1960 übernahm. Seitdem hat sich hier viel verändert. Beim Besuch der Redaktion lädt der Landwirt erst mal zum Kaffee auf die Terrasse. Die ist schon für einen Kindergeburtstag geschmückt, der hier am Nachmittag gefeiert werden soll.

Drei Töchter haben Stefan Sweers und seine Frau Mirjam, die – anders als es vielleicht mal üblich war – nicht mit auf dem Hof arbeitet, sondern Lehrerin an einer Schule ist. Das hat für den Landwirt einen Vorteil: „Ich kann selbst entscheiden, wie ich investiere und wirtschafte“, sagt er. Außer ihm arbeiten noch Mitarbeiter auf dem Hof.

Statt Landidyll: Hightech im Stall

Doch „wie früher“ ist die Landwirtschaft so oder so nicht mehr rentabel, wie im Gespräch mit Stefan Sweers klar wird. „Mein Opa fing mit 13 Kühen an“, erzählt er. Heute werden hier über 200 Kühe gefüttert und gemolken. Über einhundert Hektar bewirtschaftet der Landwirt für den Hof. Ein Hektar sind 10.000 Quadratmeter – das entspricht einem Quadrat mit je 100 Metern Seitenlänge. „Wir müssen mit der Zeit gehen“, ist Stefan Sweers sicher. Dafür hat er viel investiert, wie er bei einem Gang über den Hof zeigt. Bis auf die kalbenden Kühe hält er die Tiere ausschließlich im Stall, in dem große Ventilatoren je nach Temperatur automatisch für die optimale Belüftung sorgen. Auf dem Dach befindet sich eine großflächige Photovoltaikanlage und die Melkanlage ist auf dem neuesten Stand.

Jede Kuh ist ausgestattet mit einem Tracker am Halsband, über den der Landwirt an einem Computer in einem Nebenraum des Stalls sehen kann, wie viele Liter Milch sie gegeben hat, wo sie sich gerade befindet und wie ihre aktuellen Biowerte sind. „Cow Watch“ nennt Sweers das Gerät scherzhaft. Das sei wie eine von den neuen Uhren, die die Frauen immer tragen, sagt er. Habe ein Tier zum Beispiel Fieber, könne es nach dem Melken automatisch über einen Mechanismus in den Gangtüren von der Herde getrennt werden, damit es vom Tierarzt angeschaut werden kann, erklärt Stefan Sweers mit Blick auf den Bildschirm. „Den Kühen ging es noch nie so gut wie heute“, meint er.

Tiere sind bei Stefan Sweers nicht mehr nur Milch- und Fleischlieferanten, sondern auch Energielieferanten. Überwacht wird jedes Tier mittels modernster Technik. Foto: Rilana Kubassa
Tiere sind bei Stefan Sweers nicht mehr nur Milch- und Fleischlieferanten, sondern auch Energielieferanten. Überwacht wird jedes Tier mittels modernster Technik. Foto: Rilana Kubassa

Die Biogasanlage bringt ein Stück Autarkie zurück

Besonders stolz ist Stefan Sweers auf seine Biogasanlage, die 2024 in Betrieb ging. Der große, spitz überdachte und isolierte Gärturm prägt das Erscheinungsbild des Hofes maßgeblich. Hier wird aus Mist und Gülle Energie gewonnen – das bringt nicht nur zusätzliches Geld, sondern auch ein Stück vom landwirtschaftlichen Kreislaufgedanken zurück auf den Hof. Seit 20 Jahren werden Biogasanlagen in Deutschland gefördert, über 1500 Anlagen gibt es heute in Niedersachsen. Betrieben werden sie mit Gülle oder mit Mais.

Anders als Anlagen, für die extra Mais angebaut wird, reicht für diese Anlage das aus, was auf dem Hof von Stefan Sweers anfällt: Gülle, Mist und etwa auch Reste von Grasballen. Damit hat er sich ein gutes Stück Arbeit erspart. Er muss weder Material dazukaufen noch Mais anbauen, um den Gärprozess am Laufen zu halten. Das habe in den letzten Jahren zu einer „Vermaisung“ auf landwirtschaftlichen Flächen geführt, wie Sweers erklärt. Dieses Biogas-System ist aus dem Hof gespeist und gibt Energie an den Hof zurück. „Autarkie“ ist ein Begriff, den Stefan Sweers dafür verwendet. „Eine Kuh produziert pro Jahr über 20 Kubik Gülle“, so Sweers. Jeden Tag werden 25 Kubikmeter Gülle in den Biogasturm geleitet. Sie fällt durch den Rillenboden in den Ställen in den Güllekeller und wird von dort morgens und abends abgepumpt. Hinzu komme noch das Stroh aus den Boxen für die kalbenden Kühe und die Kälber.

Der Kreislauf der Gülle wurde erweitert

Bei 45 Grad Celsius bleibt die Gülle für 30 Tage im Turm. Ein Blick durch ein kleines Fenster oben am Turm zeigt, wie es drinnen aussieht. Die wabernde Masse wirft Blasen, Gase entstehen. Und diese, im Wesentlichen ein Gemisch aus Methan und CO2, werden aus dem Turm in einen Gasmotor geleitet, der sich in einem kleinen Containerhäuschen auf dem Hof befindet. Der Motor produziert zum einen Wärme und zum anderen Strom. Um den Gärprozess im Turm zu beschleunigen, wird der Gärturm beheizt – mit der Wärme, die der Gasmotor produziert.

Der Strom, der produziert wird, fließt zum Teil direkt in den Betrieb. „Den nutzen wir für den ganzen Milchviehbtrieb“, so Sweers. Also: für die Kühlung der Milch, die Lüftung der Ställe, die Pumptechnik für die Gülle und für die Biogasanlage. „So sind wir autark und müssen nichts dazukaufen“, erklärt Stefan Sweers. Über 150.000 Kilowattstunden Strom werden auf dem Hof verbraucht. Der Rest wird ins Stromnetz eingespeist. Mit dem Geld, das Sweers dafür erhält, zahlt er die Biogasanlage ab. Während er davon erzählt, sieht man ihm an, dass er Spaß daran hat, wie die Elemente ineinandergreifen.

Der Kreislaufgedanke könnte hier schon abgeschlossen sein, doch über den Motor wird auch das Haus von Familie Sweers beheizt. Und das Gärsubstrat, das nach dem Gärprozess im Gärturm übrig bleibt, wird in einen weiteren Turm geleitet, von wo es wiederum in Güllewagen gepumpt und auf die Felder gebracht wird. Das sei von der Masse her kaum weniger als das, was im Gärturm lande, so Sweers. Weil es dünnflüssiger sei als die normale Gülle, gehe es leichter in den Boden und sei ein besserer Dünger. So könne zudem noch Kunstdünger gespart werden, erklärt er. Er veranschaulicht das anhand von zwei Behältern mit Vorher-Nachher-Gülle.

So sieht es aus in der Biogasanlage: Unten blubbert die Gülle, oben setzt sich elementarer Schwefel ab. Foto: Rilana Kubassa
So sieht es aus in der Biogasanlage: Unten blubbert die Gülle, oben setzt sich elementarer Schwefel ab. Foto: Rilana Kubassa

Betrieb der Biogasanlage ist an Auflagen gebunden

Damit so eine Anlage wie diese überhaupt errichtet werden konnte, mussten einige Auflagen erfüllt sein, so Stefan Sweers. „Die Anlage ist an die Kuhhaltung gebunden. Es müssen über 200 Kühe auf dem Betrieb sein, um sie auszulasten“, sagt er. „Der Turm ist immer voll“, so Sweers. Um die Biogasanlage sicher betreiben zu können, mussten er und einer seiner beiden Mitarbeiter einen Lehrgang für die sogenannte Betreiberqualifikation besuchen. „Wir mussten sogar eine Prüfung ablegen“, sagt er lachend. Dass nicht nur eine, sondern zwei Personen auf dem Betrieb die Anlage bedienen können, ist Pflicht – falls mal einer ausfällt.

Statt einer staatlichen Förderung für den Bau der Anlage gibt es für Stefan Sweers über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 20 Jahre lang eine feste Vergütung für den Strom, die er über seine Anlage in das Netz einspeist. Für ihn bedeutet das ein Stück weit Planungssicherheit. Die und die günstigen Zinsen vor zwei Jahren führten dazu, dass er sich überhaupt an die Investition in so eine Anlage heranwagen konnte, erzählt er. Darüber nachgedacht habe er schon vorher.

Hilfe durch Mitarbeiter und Urlaub sind möglich

Der Betrieb der Anlage koste ihn etwa eine Stunde Arbeit pro Tag. Zwei Mitarbeiter sind noch auf dem Hof beschäftigt. Das sei auch durch die Investitionen in moderne Technologien und die Biogasanlage möglich, meint Stefan Sweers. Er erwähnt einige Male das Wort „Urlaub“ im Gespräch. Dieses Wort hört man eher selten von Landwirten, da sie in der Regel rund um die Uhr mit ihrem Hof zu tun haben. Immer wieder wird die Überlastung auch als Grund für eine Betriebsaufgabe genannt. Urlaub sei möglich, so Stefan Sweers. Aber: „Die Gedanken sind natürlich immer beim Hof“, sagt er und lacht.

Landwirt Stefan Sweers aus Wybelsum liebt seine Tiere, wie er sagt. Aber beim Speichel hört die Freundschaft auf: Foto: Rilana Kubassa
Landwirt Stefan Sweers aus Wybelsum liebt seine Tiere, wie er sagt. Aber beim Speichel hört die Freundschaft auf: Foto: Rilana Kubassa

Am Ende der Tour auf den Spuren des Biogases stehen Stefan Sweers und die Redaktion wieder bei den Kühen. Bei allen Neuerungen und moderner Technologien – eins ist noch genauso wie vor 50 Jahren: Morgens um fünf steht der Landwirt im Stall, um die Tiere zu melken.

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