Zentralklinik-Debatte  Emder Politik stimmt gegen Notfallversorgung in Emden

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 04.06.2025 22:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund 50 Menschen kamen am Mittwoch, 4. Juni 2025, in den Gesundheitsausschuss des Emder Rats, um Fragen zur Notfallversorgung in Emden zu stellen. Foto: Klaus Ortgies
Rund 50 Menschen kamen am Mittwoch, 4. Juni 2025, in den Gesundheitsausschuss des Emder Rats, um Fragen zur Notfallversorgung in Emden zu stellen. Foto: Klaus Ortgies
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Wenn die Zentralklinik 2029 in Uthwerdum öffnet, soll es keine Rund-um-die-Uhr-Versorgung mehr in Emden geben. Dafür hat der Gesundheitsausschuss jetzt gestimmt – nach vielen Bürgerfragen.

Emden - Die Emder Bürger seien beim Zentralklinik-Entscheid 2019 getäuscht worden, als ihnen eine „Rund-um-die-Uhr-Versorgung“ nach Eröffnung des Maximalversorgers in Uthwerdum versprochen wurde. Das sagte Bernd Gröttrup (CDU) im Gesundheitsausschuss des Emder Rats am Mittwoch, 4. Juni 2025. Und auch Stadtrat Volker Grendel sagte, dass er es sehr bedaure, dass der Text des Bürgerentscheids damals so gewählt worden sei. Nur: In der Verwaltung sei heute niemand mehr von damals. Er selbst sei auch nicht dabei gewesen. Auch in der Politik hat es teilweise einen Wechsel gegeben.

Vor dem Ratssaal warteten interessierte Bürgerinnen und Bürger, die zuvor an einer Demo draußen teilgenommen hatten. Foto: Mona Hanssen
Vor dem Ratssaal warteten interessierte Bürgerinnen und Bürger, die zuvor an einer Demo draußen teilgenommen hatten. Foto: Mona Hanssen

„Wir können jetzt eine Ursachenforschung betreiben und fragen, wer damals schuldig war“, sagte Grendel zum Gremium und insbesondere den etwa 50 versammelten Bürgerinnen und Bürgern. Auch könne man fragen, ob den Verantwortlichen damals schon klar gewesen sei, dass seit 2018 die Regelungen der „Gestuften Notfallversorgung“ durch den Gemeinsamen Bundesausschuss greifen. Diese besagen, dass stationäre Notfallversorgungen nur an Krankenhausstandorten vorgesehen sind, ohne Krankenhaus also nicht erlaubt sind. Volker Grendel aber schlug vor, nicht in die Vergangenheit zu schauen, sondern nach vorne, und sich über die „einzigartige Chance“ zu freuen, einen hochmodernen Maximalversorger für die Region zu erhalten.

Das letzte Wort zur Notfallversorgung hat der Rat

Das war nach rund drei Stunden offenbar auch das Anliegen der Ausschussmitglieder. Nach vielen Bürger- und Politikerfragen sowie Sachberichten zur Zentralklinik, den Bereitschaftspraxen der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN), dem Rettungsdienst und dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Emden stimmten sie über die Zukunft der Notfallversorgung in Emden ab.

An der Kopfseite des Ratsaals saßen Fachbereichsleiterin Kerstin Snakker (von links), Dieter Krott von der KVN, Stadtrat Volker Grendel, Ausschussvorsitzende Doris Kruse, Trägergesellschaft-Chef Dirk Balster, Aurichs Klinik-Direktor Heiko Goldenstein und Emdens Direktor Tilman Winkler. Foto: Mona Hanssen
An der Kopfseite des Ratsaals saßen Fachbereichsleiterin Kerstin Snakker (von links), Dieter Krott von der KVN, Stadtrat Volker Grendel, Ausschussvorsitzende Doris Kruse, Trägergesellschaft-Chef Dirk Balster, Aurichs Klinik-Direktor Heiko Goldenstein und Emdens Direktor Tilman Winkler. Foto: Mona Hanssen

Der Beschluss lautete: „Die Rund-um-die-Uhr-Notfallversorgung für das Gebiet der Stadt Emden wird nach Inbetriebnahme der ‚Zentralklinik Ostfriesische Meere‘ an deren Standort sichergestellt.“ Mehrheitlich mit acht Ja-Stimmen, zweimal Nein und einer Enthaltung stimmte der Ausschuss dem zu. Aber: Das Gremium hat nur vorbereitende Funktion. Die finale Abstimmung erfolgt im Emder Rat am 19. Juni 2025.

Wie wird die Notfallversorgung für Emder sichergestellt?

Bis zur Eröffnung der Zentralklinik, die für Mitte 2029 geplant ist und derzeit laut Grendel im Zeitplan ist, sei in Emden die Notfallversorgung sichergestellt. Dirk Balster, Geschäftsführer der Trägergesellschaft der Kliniken Aurich-Emden-Norden, versicherte, dass es einen „nahtlosen Übergang“ geben werde. Emder seien „keine Sekunde“ ohne Notfallversorgung, die nach Schließung des Emder Krankenhauses direkt durch das Zentralklinikum abgedeckt sei.

Klar ist aber: Nach Schließung des Emder Krankenhauses ist nicht nur keine stationäre Notfallversorgung vor Ort erlaubt, sondern auch eine ambulante in Form einer Bereitschaftspraxis der KVN, die es aktuell am Krankenhaus gibt, verboten. Zumindest sieht das ein Gesetz vor, das 2024 beschlossen, aber noch nicht durch die neue Bundesregierung ratifiziert wurde, erklärte Grendel. Zweifel daran, dass das noch passiert und das Gesetz dann umgesetzt wird, hat er aber offenbar genauso wenig wie die KVN.

Es soll stärker auf Telemedizin gesetzt werden

Dieter Krott, KVN-Bereichsleiter für Aurich und Emden, erklärte, wie man den Bereitschaftsdienst schon jetzt dennoch verbessern wolle beziehungsweise schon damit angefangen habe. So soll der Telefonservice des ärztlichen Notdienstes 116117 personell verstärkt werden und es soll stärker auf Telemedizin, also medizinische Beratung am Telefon oder per Video-Telefonie, und Hausbesuche gesetzt werden. In Ostfriesland sei man damit am Montag, 2. Juni 2025, gestartet und sammle jetzt Erfahrungen.

Die Sitzung des Gesundheitsausschusses dauerte etwa drei Stunden. Foto: Mona Hanssen
Die Sitzung des Gesundheitsausschusses dauerte etwa drei Stunden. Foto: Mona Hanssen

Er gehe davon aus, dass 50 bis 60 Prozent der Patienten-Anfragen schon durch Telemedizin erledigt seien, so Grendel. Auch habe man jetzt vier Jahre Zeit bis zur Zentralklinik-Eröffnung zum möglichen Ausbauen oder Anpassen des Angebots. Danach werde man schauen, ob eine adäquate Versorgung möglich sei oder man sich als Kommune etwas überlegen müsse, so der Stadtrat. Beispielsweise könnte ein Hausarzt-Angebot am MVZ in Emden einiges auffangen.

Leistungsangebot an MVZ in Emden soll erweitert werden

Am MVZ würden im Quartal 6000 bis 7000 Menschen behandelt, sagte Tilman Winkler, der seit dem 1. April 2025 Krankenhaus-Direktor und MVZ-Geschäftsführer ist. Auch nach 2029 soll es an dem Standort eine „fachärztliche ambulante Versorgung“ geben, die um weitere Angebote erweitert werden soll. Vorhanden sei bereits unter anderem Chirurgie, Orthopädie, Kardiologie und Gynäkologie. Das MVZ könne also einen Teil des fachärztlichen, ambulanten Angebots unter einem Dach abdecken, so Winkler, eine Notfallaufnahme ersetze es aber nicht.

Die Notarztstandorte, also Rettungswachen, bleiben ebenfalls erhalten, betonte Balster. Das sei nie infrage gestellt worden. Volker Grendel ergänzte, dass in Emden weiter in den Rettungsdienst investiert werde: Drei Rettungswagen (RTW) seien 2024 beschafft worden, zwei Rettungswagen aktuell bestellt und ein Notarztfahrtzeug für 2026 bestellt. Die Einsatzkonzepte würden überarbeitet, sodass RTW-Einsätze stärker von Krankentransporten getrennt werden, die häufig sehr zeitaufwendig sind. Heißt: Die höher qualifizierten Notfallsanitäter sind mit dem RTW unterwegs, die Rettungssanitäter mit dem KTW.

Grendel: Die Fahrtzeit zur Klinik ist nicht so kritisch

Auf mehrfache Hinweise anwesender Bürger, dass die Fahrtzeit zum Zentralklinikum länger sei als ins Emder Krankenhaus, erklärte Grendel: „Die Fahrtzeit zur Klinik ist nicht so kritisch.“ Stattdessen sei die „nicht versorgte Zeit“ nach Anruf und Ankommen der Rettungskräfte bei dem Patienten wichtig. Denn: Im Rettungswagen sei die „notfallmedizinische Versorgung“ sichergestellt. In Emden dauere die „nicht versorgte Zeit“ etwas mehr als sechs Minuten. „Das müssen wir halten“, betonte er.

Gleichzeitig erklärte er mehrfach, dass man besser 15 Minuten nach Uthwerdum fahren könne, wo die medizinische Versorgung vollumfänglich gegeben sei, als zu einem kleineren Krankenhaus wie in Emden zu gehen und dann möglicherweise weiterverwiesen zu werden. Dirk Balster brachte das Beispiel, dass an diesem Mittwoch eine Frau mit Brustschmerzen ins Regionale Gesundheitszentrum in Norden (ehemals Klinik) gelaufen sei, wo man ihr nicht helfen konnte. Weil die Ubbo-Emmius-Klinik Aurich auf Herzkrankheiten spezialisiert sei, wurde sie dorthin gebracht. „Dadurch hat sie massiv Zeit verloren“, sagte er. „Dass es keine Notfallversorgung außerhalb eines Krankenhauses gibt, ist gut so. Es muss verlässlich sein“, so Balster.

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