Frust in Emden Ärger wegen Herrentorschule – Schulausschuss überrannt
So voll war es im Emder Ratssaal wohl lange nicht mehr. Mehr als 100 Menschen wollten wissen, warum die Herrentorschule laut einem Plan der Stadt aufgelöst und Teil der IGS werden soll.
Emden - Stadtrat Volker Grendel und Schulausschussvorsitzende Doris Kruse (SPD) hatten am Dienstag, 3. Juni 2025, eine schwierige Aufgabe: Mehr als 100 teils sehr aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger hatten Fragen, Forderungen und Frust zum Schulentwicklungsplan. Der sollte eigentlich erst in dem Ausschuss vorgestellt werden, doch schon seit dem 20. Mai hatten die darin enthaltenen Vorschläge der Stadtverwaltung die Runde gemacht. Eine Petition zum Erhalt der Herrentorschule wurde von Eltern gestartet, Flyer wurden verteilt, die Presse wurde informiert.
Die Tür des Ratssaals musste während der Sitzung offen stehen, weil sich auch auf dem Flur Menschen befanden. Entlang der Fenster standen Schüler, Lehrer, Eltern und anderweitig Interessierte. Ein Großteil der anwesenden Bürger war wegen der Herrentorschule gekommen, darauf deuteten nicht nur die blauen T-Shirts mit der Aufschrift „Oberschule Herrentor“ hin. Auch in der Einwohnerfragestunde meldeten sich insbesondere Angehörige der Schule. Zuerst die Rektorin.
Schrumpft die Herrentorschule wirklich?
Rektorin Susanne Rautmann wollte wissen, wie die Stadt – so hatte Volker Grendel in seiner Präsentation geschildert – darauf kommt, dass die Herrentorschule nur noch zweizügig sei. Zum Hintergrund: In einem Szenario, das die Stadt in der Planung genannt hat, soll die Herrentorschule zur Zweigstelle der Integrierten Gesamtschule (IGS) werden. Als Begründung wurde genannt, dass die IGS überrannt werde, die Herrentorschule immer weniger Schüler habe und die Schülerzahl laut Prognosen auch weiter sinken werde.
Alle Jahrgänge seien dreizügig, der neunte sogar fünfzügig, entgegnete Rautmann. Derzeit habe sie recht, sagte Grendel. Doch die Prognosen sehen anders aus, meinte er. „Schwachsinn!“, brüllte jemand aus dem Publikum. Sie hätten wieder mehr Schüler und auch im neuen fünften Jahrgang werde es voraussichtlich drei Klassen geben, sagte Rautmann. In dem Vorschlag der Verwaltung heißt es, dass die IGS, die jetzt fünfzügig ist, beispielsweise die fünften und sechsten Klassen in der Herrentorschule unterbringen könnte und dann achtzügig wäre.
Das zugrundeliegende Problem ist der Elternwille. Seit Eltern selbst entscheiden können, auf welche weiterführende Schule ihre Kinder nach der Grundschule gehen, wählen viele die Gymnasien in Emden. Erschwerend kommt hinzu, dass mehr als 30 Prozent der Schüler der Gymnasien nicht aus Emden, sondern insbesondere dem Landkreis Aurich kommen. Dazu habe man eine Abmachung, so Grendel. Die könne man zwar auflösen, dann würde Emden der Funktion als Oberzentrum aber nicht mehr gerecht. Ein sichtbarer Trend: Passt die Leistung der Kinder an den Gymnasien dann doch nicht, wechseln viele auf die IGS, da auch hier noch die Hochschulreife erreicht werden kann. Ist die IGS bereits voll, geht es weiter zu den drei Oberschulen.
Waren Bürger nicht beteiligt an der Planung?
Viele Bürger wollten etwas zur Beteiligung wissen. Hatte die Stadt den Plan heimlich hinter verschlossenen Türen ausgeheckt? Nein, seit März hatte es vier Workshops gegeben, bei denen auch Vertreter der Eltern, Schulen, Schüler, Politik und andere dabei gewesen seien, so Grendel. Aus den Workshop-Erkenntnissen habe die Stadtverwaltung dann den Vorschlag entwickelt, der in einer Beschlussvorlage zur Abstimmung für die Emder Politik ausformuliert wurde.
Er betonte mehrfach, dass es Aufgabe der Verwaltung sei, alle anzuhören, aber dann selbst den Vorschlag zu erarbeiten. Es könne nie Konsens geben, sagte er. Immer sei zwangsläufig jemand unzufrieden mit der Planung. Das sei ganz normal bei 16 Schulstandorten. Alle fünf bis sieben Jahre seien sie verpflichtet, eine Schulentwicklungsplanung aufzustellen, und jedes Mal gebe es ein großes Echo aus der Bevölkerung.
Volker Grendel: Noch ist alles Planung
Auch betonte Volker Grendel, dass der vorliegende Vorschlag ein Planungsdokument sei, dass mehrere Schulen betreffe. Sollte der Emder Rat im September dem Vorschlag der Verwaltung zustimmen, dann werde man sich an die konkrete Planung zur Umsetzung machen. Geht es um eine konkrete Schule, werde man dann gezielt mit den Verantwortlichen und Vertretungen ins Gespräch kommen. Auch müsste jede weitere Entscheidung durch den Rat.
Heißt: Selbst wenn der Rat im September dem Vorschlag der Stadt zustimmt, würde es nicht direkt in die Umsetzung gehen. Es müsste dann stattdessen geschaut werden, was überhaupt wie praktisch umzusetzen sei. Bei der Herrentorschule beispielsweise handelt es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude. Dieses einfach umzubauen, um Gruppenräume und anderes für die IGS-Klassen zu schaffen, ist nicht so einfach. Das bestätigte Grendel.
Grendel: Realschule nicht unbedingt Lösung
Auch hatte die IGS schon mal zwei Standorte, was schnell wieder geändert wurde. „Müssen wir damit rechnen, dass das jetzt wieder nur eine Übergangslösung ist?“, fragte eine Lehrerin. Das könne er nicht sagen, so Grendel. „Ich hoffe, dass wir richtig liegen.“ Eine IGS-Lehrerin wollte wissen, wie sie bei einer achtzügigen Schule noch den Anspruch, den Eltern an eine IGS haben, erfüllen sollen. „Es ist ein Prozess“, sagte Grendel. „Wir haben aber auch die IGS aufgebaut und es ist uns gelungen. Ich habe Zuversicht, dass wir das auch schaffen.“
Kann die Herrentorschule nicht stattdessen wieder eine reine Realschule werden?, wollten viele wissen. Grendel gab zu bedenken, dass die Landesschulbehörde das zum einen nicht gerne sehe, zum anderen das Beispiel der Realschule in der Stadt Aurich zeige, dass die Schülerströme nicht wie erhofft seien. Es kämen nicht die Rückläufer vom Gymnasium dorthin, sondern von der IGS. Die Gymnasien würden also nicht entlastet. Gleichzeitig ist es ein Vorschlag der Verwaltung, dass die Oberschule Borssum zur Realschule mit Wirtschaftsfokus wird.
Max soll vierzügig reguliert werden – JAG nicht
Die Schulentwicklungsplanung sieht auch vor, dass das Max-Windmüller-Gymnasium (Max) einen Anbau bekommt und auf eine Vierzügigkeit reguliert wird. Schulleiter Frank Tapper wunderte sich, dass das Johannes-Althusius-Gymnasium (JAG) dagegen offen bleiben soll. Ihnen fehle dann Planbarkeit und sie würden weniger attraktiv für Eltern, so Tapper. Grendel begründete das damit, dass sie wegen der Schüler aus dem Landkreis Aurich nicht beide Gymnasien regulieren könnten.
Die Frage, warum eigentlich nicht die IGS baulich erweitert wird, wurde von Grendel nicht beantwortet. Die IGS war vor rund zehn Jahren in das Gebäude des Gymnasiums am Treckfahrtstief (GaT) gezogen. Das war an einem neuen Standort als Max neu eröffnet worden und platzt jetzt aus allen Nähten.