Hamburg Geschlagen und ruhig gestellt: Was Heimkinder wirklich durchmachen mussten
Hunderttausende Kinder und Jugendliche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Heime eingewiesen. Wie funktionierte das System und warum veränderte es sich so spät?
In der Nachkriegszeit war der Alltag in vielen Kinderheimen brutal. Historiker Uwe Kaminsky über Maßnahmen, die den Willen der Kinder und Jugendlichen brechen sollten – und Spuren bis heute hinterlassen.
Frage: Herr Kaminsky, die Zahl der ehemaligen Heimkinder in Deutschland von 1945 bis 1975 wird auf bis zu 800.000 geschätzt. Warum kamen die Kinder in die Heime?
Antwort: Die Gründe waren sehr unterschiedlich – und gerade in der direkten Nachkriegszeit diffus. Viele Familien waren zerbrochen: Väter im Krieg gefallen oder vermisst, Mütter allein mit mehreren Kindern, ausgebombt oder auf der Flucht. Sie waren woanders fremd – weil sie anders sprachen, einen anderen Dialekt hatten oder einer anderen Konfession angehörten. Da reichte manchmal ein Gerücht, etwa, dass die Mutter ein „unsittliches Leben” führe – und die Kinder wurden weggenommen, oft aber auch erst im Wiederholungsfall einer Abweichung.
Frage: Wie lange blieben die Kinder denn in den Heimen?
Antwort: Das kam sehr auf den Einzelfall an. Wenn eine sogenannte Fürsorgeerziehung verhängt wurde, dann bedeutete das in der Regel: mindestens zwei Jahre. Viele Kinder blieben jahrelang im Heim – manchmal bis zur Volljährigkeit. Aber es gab auch sogenannte vorläufige Fürsorgeerziehungen, die erst mal für ein halbes Jahr angeordnet wurden, mit der Option, das dann in eine dauerhafte Maßnahme zu überführen. Das hing von dem ab, was man zeitgenössisch als „Verwahrlosung“ meinte bezeichnen zu können.
Frage: Gab es Möglichkeiten, sich gegen eine Einweisung zu wehren?
Antwort: Theoretisch konnte man widersprechen und klagen, doch praktisch führte das bei vielen Familien aus sozial schwierigen Verhältnissen zu keinem Erfolg. Wer einmal im System war, kam nur schwer wieder heraus. Bei ledigen Müttern lag die Vormundschaft automatisch beim Jugendamt – sie konnten über ihre Kinder gar nicht selbst entscheiden. Und auch die Kinder selbst hatten kaum Möglichkeiten. Briefe wurden zensiert, Besuche kontrolliert.
Frage: Wie war das Leben in den Heimen organisiert?
Antwort: Der Alltag war durchstrukturiert, Zeiten aufzustehen, Mittagsruhe, Freizeit und Schlafenszeiten wurden festgelegt. Viele der alltäglichen Bereiche waren durchzogen von religiösen Ritualen, Strafen und harter Arbeit. Es gab große Schlafsäle, kaum Intimität und wenig Förderung.
Frage: Wie wurde mit Kindern umgegangen, die sich nicht fügten?
Antwort: Körperstrafen gehörten zum Alltag. Es wurde zum Teil geprügelt, systematisch gedemütigt, Essen entzogen. Nicht nur das Personal übte Gewalt aus. Auch unter den Kindern kam es häufig zu Übergriffen – besonders von Älteren gegenüber Jüngeren. Das wurde nicht nur geduldet, sondern teilweise sogar stillschweigend genutzt, um Kontrolle zu sichern.
Frage: Die Kinder wurden ja auch durch Medikamente ruhig gestellt. Wann kam das zum Einsatz?
Antwort: Ab Mitte der 1960er Jahre begann man zunehmend, Kinder und Jugendliche medikamentös ruhigzustellen. Das waren schwache Neuroleptika, wie man sie aus der Psychiatrie kannte. Die Idee war: Wir müssen die Kinder erst mal dämpfen, um sie überhaupt pädagogisch ansprechen zu können – also wie ein Reset, bevor man mit der Erziehung anfängt. In gewisser Weise wurden die Körperstrafen durch Medikamente ersetzt.
Frage: Welche Folgen hatte der Heimaufenthalt für die Betroffenen?
Antwort: Viele haben lebenslang unter den Erlebnissen gelitten. Der Schritt in ein selbstbestimmtes Leben fiel schwer. Soziale Unsicherheiten, psychische Probleme und Isolation waren häufig. Manche gerieten in die Kriminalität, andere scheiterten an der Arbeitswelt. Für viele blieb das Stigma „Heimkind“ haften – noch Jahrzehnte später.
Frage: Wann änderte sich der Alltag in den Heimen?
Antwort: Ein echter Wandel setzte erst Ende der 60er-Jahre ein – mit dem gesellschaftlichen Umdenken rund um 1968. Autoritäre Erziehung und Gewalt wurden zunehmend hinterfragt. Neue Konzepte entstanden: kleinere Gruppen, mehr Mitbestimmung, weniger Strafe. Aber das war ein langsamer Prozess. Vieles, was heute selbstverständlich ist – wie Kinderschutz und individuelle Förderung – musste erst erkämpft werden.