Berlin  Weg von Putin, hin zu Trump? Die neue Russland-Strategie der AfD

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 27.05.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die AfD strebt offenbar eine kritischere Haltung gegenüber Russland an. Vor allem Parteichefin Alice Weidel soll den Kurs vorantreiben. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Die AfD strebt offenbar eine kritischere Haltung gegenüber Russland an. Vor allem Parteichefin Alice Weidel soll den Kurs vorantreiben. Foto: dpa/Kay Nietfeld
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Die AfD will offenbar nicht länger als kremltreue Kraft wahrgenommen werden – und nähert sich den USA an. Die Partei verbindet damit mehrere Hoffnungen. Das hat auch mit einem möglichen Verbotsverfahren zu tun.

Matthias Moosdorf hatte keine Chance. Als vor knapp zwei Wochen in der AfD-Bundestagsfraktion die Ausschussposten vergeben wurden, unterlag er in internen Kampfabstimmungen gleich mehreren Mitbewerbern um einen Sitz im Arbeitskreis Außen. Im Rennen um den letzten Platz trat er gar nicht erst an. Moosdorf ist kein Nobody in der AfD. Zuletzt war er außenpolitischer Sprecher der Fraktion.

Gut möglich, dass Moosdorf einer neuen Strategie der extrem rechten Partei zum Opfer gefallen ist. Wie aus Parteikreisen zu hören ist, will die AfD nicht mehr als notorisch russlandfreundliche Kraft wahrgenommen werden. Es ist ein Bild, das sich über Jahre verfestigt hat.

Die Gründe liegen auf der Hand: Wenige Wochen nach Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 gab Moosdorfs Vorgänger als außenpolitischer Sprecher der AfD, Petr Bystron, dem Westen eine Mitschuld am Ukraine-Krieg. Inzwischen wird gegen den Abgeordneten des EU-Parlaments ermittelt. Der Vorwurf: Bystron soll Geld von dem prorussischen Portal „Voice of Europe“ erhalten haben.

Da war auch die Teilnahme von Parteichef Tino Chrupalla anlässlich der Festlichkeiten zum Jahrestag des Weltkriegsendes in der russischen Botschaft in Berlin vor zwei Jahren. Andere AfD-Abgeordnete reisten als „Wahlbeobachter“ zur Scheinwahl Putins im März 2024. Die Ablehnung von Waffenlieferungen an die Ukraine und die Forderung nach einem Ende der Russland-Sanktionen verstärkten das Image der AfD als Sprachrohr des Kremls.

Das soll sich jetzt aber ändern. Dem Vernehmen nach will die AfD von ihrer kremlnahen Linie abrücken. Und die Personalie Matthias Moosdorf, sie hätte auf dem neuen Kurs ein Störfaktor sein können. Moosdorf ist bekannt für seine Nähe zu Russland. Im vergangenen August trat der Cellist eine Honorarprofessur an der Moskauer Gnessin-Musikhochschule an.

Stattdessen will die AfD offenbar stärker die Nähe zu den USA suchen. Eine Nation, die als Gesicht der Nato und wegen des vermeintlichen Imperialismus von vielen in der Partei stets als Feind verachtet wurde. Der Freund saß ja im Osten. Nun der angebliche Stimmungswandel. Der Grund führt ins Weiße Haus. Im Bundestagswahlkampf 2025 erhielt die AfD auffallende Unterstützung aus dem Umfeld Donald Trumps, insbesondere von dessen einflussreichem Berater Elon Musk.

Auch die Behauptung des Vizepräsidenten JD Vance, die zwischenzeitliche Hochstufung als gesichert rechtsextremistisch durch den Verfassungsschutz sei ein Versuch „der Bürokraten“, die AfD zu „zerstören“, dürften die neue transatlantische Orientierung der Partei bestärkt haben. Denn Fakt ist: Trotz jahrelanger Russland-Treue hat die AfD aus Moskau nie nennenswerte Unterstützung erhalten.

Mit dem angepeilten Strategiewechsel dürfte die Partei drei Ziele verbinden. Erstens will sie sich moderater präsentieren, um anschlussfähiger für mögliche politische Partner zu werden. Dazu gehört auch ein disziplinierteres Auftreten im Bundestag – Pöbeleien und Provokationen im Plenum sollen der Vergangenheit angehören.

Zweitens ist da die parteiinterne Sorge vor einem Verbotsverfahren. Die Hoffnung: Die Trump-Administration könnte Kanzler Friedrich Merz von einem Verbotsantrag abhalten.

Und drittens will die AfD mit einer härteren Haltung gegenüber Moskau neue Wähler gewinnen. Das gilt explizit für Westdeutschland, wo die Russlandnähe stets ein größeres Problem für die AfD war als im Osten.

In der Partei gibt es durchaus Parlamentarier, die Putins Krieg schon länger kritisch sehen. Rüdiger Lucassen ist einer davon. „Bei vielen AfD-Abgeordneten normalisiert sich derzeit der Blick auf Russland“, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der „Süddeutschen Zeitung“. Demnach sei das Land nicht das „missverstandene Opfer“, als das es einige betrachteten.

Doch wie glaubwürdig ist der Pro-USA-Kurswechsel wirklich? Und wie viel davon Fassade? Für Johannes Hillje kann von einer ernsthaften Neuausrichtung der Außenpolitik nicht die Rede sein. Der Politik-Kommunikationsexperte spricht von einer „PR-Finte.“ „Die Linie der AfD ist genauso kremltreu wie vorher. Sie wird nur durch eine Begeisterung für Donald Trump überlagert“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Hinwendung zu den USA unter Trump zeige einmal mehr, dass die AfD „ein Faible für Autokraten“ habe.

Vor allem Alice Weidel soll die öffentliche Distanzierung zu Russland vorantreiben. Die Parteichefin soll es gewesen sein, die anordnete, dass rund um den 8. Mai niemand die russische Botschaft besuchen durfte. Auch Moosdorfs Ablösung als außenpolitischer Sprecher sei auf ihr Drängen erfolgt.

Für Tino Chrupalla dürfte all das eine Klatsche sein. Der Co-Vorsitzende galt bislang als Schutzpatron für das Lager der Putinversteher in der AfD. Nun steht Weidel wieder als Strippenzieherin da, die in der Partei entscheidet, wo es lang geht. Ein weiteres Indiz dafür, dass das Machtgefälle in der AfD zugunsten der 46-Jährigen kippt.

Dazu passt die Wahl von Markus Frohnmaier als neuer außenpolitischer Sprecher ins Bild. Er ist ein Vertrauter Weidels; beide gehören dem Landesverband Baden-Württemberg an. Auf Anfrage erklärt Frohnmaier, die AfD habe nie eine „Russlandstrategie“ verfolgt, oberste Priorität habe stets das deutsche Interesse. Dazu zähle auch ein „enges und vertrauensvolles Verhältnis zu den Vereinigten Staaten“.

Gleichzeitig spricht er sich für einen pragmatischen Umgang mit Russland aus, „ohne Dämonisierung, aber auch ohne Naivität.“ Die AfD halte weiterhin an ihrer Forderung fest, die Sanktionen zu beenden und die Waffenlieferungen an die Ukraine zu stoppen. Es bleibt abzuwarten, ob die Partei Russland tatsächlich kritischer begegnen wird.

Frohnmaier selbst unterhält enge Kontakte zum russischen Machtapparat. Nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim reiste er auf die Halbinsel und bezeichnete sie als russisch. Auch traf er sich mit dem nationalistischen russischen Ideologen Alexander Dugin. In einem Strategiepapier des Kremls wurde Frohnmaier vor einigen Jahren als möglicher Verbündeter zur Einflussnahme auf die deutsche Politik genannt. Parteiintern scheint diese Vergangenheit jedoch niemanden mehr zu stören.

Und auch der Fall von Matthias Moosdorf zeigt, dass die Russland-Sympathisanten in der AfD keineswegs isoliert sind. Für den Innenausschuss hat es zwar nicht gereicht, dafür bekam Moosdorf aber problemlos einen Sitz im Europaausschuss.

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