Osnabrück  Tanja Kinkel warnt: Der Streit unter Demokraten nutzt nur den Autokraten

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 23.05.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 17 Minuten
Sie verkaufte bislang mehr als sieben Millionen Exemplare ihrer Bücher: Autorin Tanja Kinkel. Foto: Gisela Schober/Getty Images
Sie verkaufte bislang mehr als sieben Millionen Exemplare ihrer Bücher: Autorin Tanja Kinkel. Foto: Gisela Schober/Getty Images
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In ihren Romanen behandelt sie historische Stoffe, doch Sorgen macht sich Tanja Kinkel um die Gegenwart. Die Bestsellerautorin aus München sieht die Freiheit in Gefahr. Sie macht dabei den Streit unter Demokraten als zentrales Problem aus. Ein Gespräch über Freiheit, Fortschritt und die AfD.

Die Bestsellerautorin aus Bamberg ist eine feste Größe im Literaturbetrieb. Tanja Kinkel schreibt historische Romane für ein Millionenpublikum. Damit hat sie schon als Jugendliche angefangen. Dabei taucht die Autorin nicht nur in die Vergangenheit ab, sondern macht sich auch Gedanken über die Gegenwart. Das Nachdenken über die Geschichte führt sie zu kritischen Fragen an das Heute –insbesondere über Freiheitsrechte und ihren Bestand.

Frage: Ihr jüngster Roman „Im Wind der Freiheit“ behandelt die Revolution von 1848, die in der allgemeinen Erinnerung keine große Rolle spielt. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Antwort: Ich habe mich schon seit langem für diese Revolution interessiert. Bei jeder Teilnahme an der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche fühle ich mich an sie erinnert. Die Revolution von 1848 markiert einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte, über den sich mit der Frage nachdenken lässt, was gewesen wäre, wenn… Ich habe in der Edition Paulskirche mit Originalquellen zur Geschichte der Revolution die Spuren bedeutender Frauen wie Amalie Struwe, Louise Otto und Emma Herwegh für mich entdecken können. In den letzten Jahren sind auch neue Darstellungen der Revolution von 1848 publiziert worden. Das war der eine Strang, der mich zu dem Roman führte.

Frage: Und der andere?

Antwort: Ich lebe natürlich in meiner Gegenwart und schaue auf das historische Geschehen mit den Augen meiner Zeit. Dabei ist mir eine Konstellation aufgefallen, die auch heute wieder zu einem Problem wird: Die demokratischen Kräfte haben sich befehdet. Das gab den Fürsten, die nach der Revolution zunächst in die Defensive gedrängt waren, die Möglichkeit, sich von diesem Schock zu erholen und sich neu zu formieren. Die Demokraten waren sich über ihre Ziele nicht einig. In der Paulskirche wurde nicht nur politisch, sondern auch persönlich gestritten. Das war ein Grund für das Scheitern der Revolution. Das erinnert mich sehr an unsere Zeit und das Erstarken autokratischer Kräfte, während sich die Demokraten zerstreiten.

Frage: Wir spiegeln unsere eigenen Krisen in der Geschichte, etwa der Krisenzeit der Weimarer Republik. Möchten Sie mit Ihrem Blick auf die Revolution von 1848 auch an die positiven Seiten der Geschichte erinnern?

Antwort: Durchaus. Ich möchte nicht nur mahnen, sondern auch positive Bilder finden. Damit meine ich vor allem die historische Figur Louise Ottos, die auch in meinem Roman eine Protagonistin ist. Ihr Pendant, die Arbeiterin Susanne Grabasch, habe ich hingegen erfunden. Ich habe große Sympathien für Louise Otto, weil sie im Frühjahr 1849, nach dem Fehlschlag der Revolution, nicht resigniert hat, sondern für ihre Ideen weiter eintrat. Sie gründete die Frauen-Zeitung. Damit entfaltete sie eine langfristige Wirkung auf die deutsche Frauenbewegung.

Frage: Sie war eine Pionierin dieser Bewegung, nicht?

Antwort: Ja, in der Tat, sie war eine Pionierin der Frauenbewegung, die langfristig zu einem Mentalitätswechsel geführt hat. Ihr Vorbild lehrt uns, in der Bemühung um Freiheit und Demokratie niemals nachzulassen. Mit dieser Note der Ermutigung und der Hoffnung wollte ich auch meinen Roman beenden.

Frage: Sie haben mit Susanne Grabasch eine Gegenfigur erfunden, die andere Aspekte dieser Geschichte der Frauen ins Spiel bringt.

Antwort: Ja, denn viele Revolutionärinnen kamen aus dem Bürgertum. 1848 spielte aber auch die frühe Industrialisierung eine große Rolle. In diesem Jahr gab es nicht nur die Revolution. Karl Marx und Friedrich Engels publizierten im gleichen Jahr ihr Kommunistisches Manifest. In der Paulskirche hat man sich auf die Forderungen des Bürgertums, nicht auf die der Arbeiter konzentriert. Für meinen Roman war mir wichtig, auch eine Hauptfigur zu haben, die Arbeiterin ist. Es war wichtig, dass Louise Otto als Journalistin über die Lage der Arbeiter geschrieben hat. Die Figur der Susanne Grabasch bringt diese Perspektive dann aber auch wirklich in die Handlung ein.

Frage: Bei dieser Figur merkt man, unter welchen Zwängen Menschen stehen, denen es materiell nicht gut geht. Eine Parallele zur heutigen Zeit?

Antwort: Ich wollte unbedingt die Perspektive der Arbeiterinnen selbst einbringen, mit einer Figur, die damit auch ihr eigenes Dilemma hat, das die Handlung vorantreibt. Die Parallele zu unserer Zeit liegt darin, dass die Gauck-Behörde seinerzeit aufgedeckt hat, wie viele Menschen in der DDR von anderen bespitzelt worden sind. Dieser Konstellation entsprach das Mainzer Informationsbüro, das in den Jahren vor der Revolution von 1848 als nachrichtendienstliche Behörde der Obrigkeit bestanden hat. Susanne Grabasch ist gezwungen, andere zu bespitzeln. Später sympathisiert sie mit den Revolutionärinnen.

Frage: Ist die Revolution von 1848 gescheitert?

Antwort: Nein, sie ist misslungen. Das ist ein Unterschied. Ein Buch über die Revolution trägt den Untertitel: Die Erfolgsgeschichte einer gescheiterten Revolution. Die Gedanken dieser Revolution haben sich fortgesetzt. Teile der damals entworfenen Verfassung finden sich in unserem Grundgesetz wieder. Sehr viele der Revolutionäre von damals haben unsere Geschichte geprägt. Louise Otto hat das Scheitern der Revolution nicht als das Scheitern ihrer Ziele begriffen, sondern danach weiter als Aktivistin gearbeitet.

Frage: Heute würde man über Louise Otto als eine mögliche Bundespräsidentin sprechen, nicht?

Antwort: Absolut. Sie hat selbst Bismarcks Sturz 1890 noch miterlebt. Zum Zeitpunkt ihres Todes 1895 war die Frauenbewegung schon längst im Gang. Die damaligen Vorkämpferinnen konnten mit Louise Otto nicht mehr viel anfangen. Aber das geht allen Pionieren so. Louise Otto konnte in dem Bewusstsein aus dem Leben gehen, dass ihre Ideale doch noch verwirklicht werden würden.

Frage: Heben Sie mit Ihrem Roman die Erfolgsgeschichte der Revolution von 1848 neu in das allgemeine Bewusstsein?

Antwort: Ich wollte das Scheitern und den Erfolg zeigen. Die Geschichte dieser Revolution ist allzu lange nur über die männlichen Protagonisten erzählt worden. Dabei hatte Amalie Struwe schon 1850 ihre Darstellung der Revolution niedergeschrieben. Ich habe bei meinen Recherchen ein Originalexemplar dieser Auflage in Händen gehalten. Ein besonderer Moment. Auch andere Frauen dieser Zeit haben mich von Anfang an fasziniert. Die Struwes haben nach ihrer Auswanderung in den USA für das Ende der Sklaverei gekämpft. Sie sahen sich weiter in der Verantwortung für die Freiheit.

Frage: Der Titel Ihres Romans lautet „Im Wind der Freiheit“. Ist die Freiheit heute in Gefahr?

Antwort: Auf jeden Fall. Es kann nicht übersehen werden, dass schon in der Paulskirche grundsätzliche Fragen der Freiheit diskutiert wurden. Wollen wir die Freiheit nur für uns oder soll sie auch für andere errungen werden? Die Revolution war ein europäisches Ereignis. Dabei gab es auch viel Sympathie für den Freiheitswillen der Polen. Das haben aber nicht alle Revolutionäre unterstützt. Manche von ihnen haben ihr Anliegen priorisiert. Robert Blum dagegen hat Freiheit als universelles Anliegen verstanden. Deshalb ist er mir auch so sympathisch. Das erinnert mich an aktuelle Konstellationen. Die Freiheit wird relativiert, nicht nur von der rechten Seite, von der AfD, sondern auch von der linken, etwa durch Sahra Wagenknecht.

Frage: Was genau meinen Sie damit?

Antwort: Es geht um die Frage, inwieweit, Freiheitsrechte anderer in gleicher Weise anerkannt werden. Ich denke dabei vor allem an die Ukraine und die Verteidigung ihrer Freiheit. Wir haben bittere Lehren aus unserer Geschichte ziehen müssen. Deshalb verbrieft unser Grundgesetz die Unantastbarkeit der Würde des Menschen und das Recht auf Asyl. Viele Revolutionäre von 1848 hatten die Erfahrung von Kriegen gemacht. Auf diesem Hintergrund überlegten sie, wie mit dem Freiheitsstreben kleinerer Staaten umzugehen sei. Das ist mit aktuellen Diskussionen um die Situation der Ukraine durchaus vergleichbar.

Frage: Sie sehen die Freiheit heute wieder bedroht. Was meinen Sie damit genau?

Antwort: Mehr und mehr Menschen glauben, dass Probleme nicht mehr innerhalb von demokratischen Strukturen gelöst werden können. Sie hoffen auf starke Männer, die diese Lösungen herbeiführen. Allerdings will ich das nicht auf Männer beschränken. Auch Frauen sind nicht davor gefeit, Faschistinnen zu sein. Gewaltenteilung schützt das Funktionieren einer Demokratie. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich, wie es das Beispiel der USA zeigt, ein Land, das seit 250 Jahren eine Demokratie ist.

Frage: Dabei kommt der Angriff auf die Demokratie nicht von außen, sondern aus dem Land selbst…

Antwort: So ist es und dabei ist Amerika eines der Kernländer der Demokratie. Diese Prozesse sind in vielen Ländern möglich. Auch in unserem Land. Die zwischenzeitlich als gesichert rechtsextrem bezeichnete Alternative für Deutschland (AfD) wird in Teilen unseres Landes von bis zu 40 Prozent der Menschen unterstützt. Das bedeutet, dass für diese Menschen demokratische Prozesse offenbar keine Lösungen mehr bereitstellen. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Auch die Nationalsozialisten sind ja nicht durch einen Putsch an die Macht gekommen, sondern mit den Möglichkeiten, die ihnen die Demokratie der Weimarer Republik an die Hand gegeben hat. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das nicht wieder passiert.

Frage: Wäre das Ihr Appell, sich für die Demokratie zu engagieren?

Antwort: Auf jeden Fall, zumal wir erleben, dass gerade auf der lokalen Ebene Politiker angegriffen und damit entmutigt werden. Es ist billig, kollektiv auf Politiker zu schimpfen. Ärger über Politiker gehört dazu, aber die allgemeine Diffamierung darf nicht sein. Wir können unsere Demokratie nicht am Leben erhalten ohne Menschen, die sich demokratisch engagieren. In einem Klima, in dem Politiker verächtlich gemacht und angegriffen werden, ist die Freiheit in Gefahr.

Frage: Sie fordern mehr Respekt für Politiker?

Antwort: Ich fordere vor allem mehr Respekt für Menschen. Das gilt gerade auch für politische Gegner. Frauen und Männer, die in der AfD aktiv sind, setzen sich für Ziele ein, die ich unsäglich finde. Ich würde es trotzdem nicht für richtig halten, diese Leute persönlich anzugreifen. Ich fand es entsetzlich, als Robert Habeck im Urlaub mit einem Lynchmob zu kämpfen hatte, fände es aber auch falsch, wenn jemand aus der AfD in der gleichen Situation wäre. Ich finde es richtig, die Auseinandersetzung konsequent mit demokratischen Mitteln zu führen. Juristische Mittel sind dann angezeigt, wenn wir Abgeordnete haben, die die Unversehrtheit anderer gefährden. Wir müssen die Unversehrtheit der Würde des Menschen wieder als etwas sehr Kostbares begreifen und sollten einander entsprechend begegnen.  

Frage: Unterstützen Sie die Forderung nach einem Verbot der AfD?

Antwort: Das ist ein komplexes Thema. Ich finde es richtig, dass diese Frage diskutiert wird. Wir sehen ja, dass die NSDAP bereits sehr früh hätte verboten werden müssen. Ich bin mir dabei nicht sicher, ob ein Verbot der AfD das Grundproblem lösen würde. Was wäre, wenn die Leute der AfD einfach eine andere Partei gründen würden? Wir brauchen einen verantwortlicheren Umgang der anderen Parteien und der Medien mit dem Thema. Es kann nicht sein, dass am Tag der Veröffentlichung des Berichts des Verfassungsschutzes in den Medien nonstop AfD-Politiker interviewt worden sind. Vertreter der AfD sind auch in Talkshows überrepräsentiert.

Frage: Liegt das auch daran, dass zu viel über Fragen der Migration gesprochen wird?

Antwort: Allerdings. Wir haben viele andere Probleme in unserem Land. Denken Sie nur an die Wohnungsnot oder unseren Rückstand in der Digitalisierung. Wir haben genug Probleme, über die es zu sprechen lohnte. Die Debatten über Migration decken das alles zu.

Frage: Sie erinnern mit Ihrem Roman „Im Wind der Freiheit“ an das Erbe der Revolution. Ist das gerade heute wichtig?

Antwort: Ja, denken Sie nur daran, dass vielen Menschen heute nicht bewusst ist, dass unsere Farben Schwarz, Rot, Gold die Fahne der Revolution waren. Sie haben kein Problem damit, die Fahne Frankreichs als eine solche Fahne zu identifizieren. Mit unserer Fahne sieht das anders aus.

Frage: Verstehen Sie sich mit Ihrem Revolutions-Roman als engagierte Autorin?

Antwort: Ich würde mich als engagierte Autorin verstehen. Dabei wollte ich auch einen packenden Roman schreiben und keine Abhandlung. Menschen reagieren auf ein Thema am besten, wenn sie sich emotional und gleichzeitig intellektuell angesprochen fühlen. Historische Inhalte sind am besten über das Schicksal von Menschen zu vermitteln.

Frage: Wer auf Ihre Romane blickt, etwa von „Die Löwin von Aquitanien“ bis „Im Wind der Freiheit“, der bemerkt vor allem die Reihe starker Frauenfiguren. Wollten Sie die Rolle von Frauen in der Geschichte in den Vordergrund stellen?

Antwort: Frauen sind die Hälfte der Menschheit. Bisher sind sie weniger als Männer in Romanen thematisiert worden. Meist erscheinen sie nur als romantische Belohnung des Helden. Ich möchte Frauen als handelnde Figuren zeigen. Wir erleben auf diesem Feld doch gerade wieder einen Rückschritt. In Fernsehserien zum Beispiel werden Frauen öfter wieder als schwach dargestellt.

Frage: Nehmen Sie einen solchen Rückschritt in der Gesellschaft insgesamt wahr?

Antwort: Wir sehen, wie wenig selbstverständlich bereits errungene Rechte sind. In Afghanistan sehen wir das in besonders drastischer Weise. Dort haben Frauen weniger Rechte als Haustiere. Das sind keine mittelalterlichen Verhältnisse. Im Mittelalter hatten Frauen in diesem Land mehr Rechte als heute. Heute sehen wir zum Beispiel in den USA, wie die Rechte der Frauen zurückgedrängt werden. Das muss uns eine Warnung sein. Wir dürfen unsere Lebenssituation heute nicht als selbstverständlich verstehen. Viele Rechte von Frauen sind auch bei uns erst vor relativ kurzer Zeit errungen worden. Erst in den Neunzigern ist zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt worden. Mein Vertrauen in unsere Herren ist nicht so groß, dass ich mir nicht vorstellen könnte, dass das nicht wieder rückgängig gemacht würde.

Frage: Sie verstehen Geschichte nicht als ununterbrochenen Fortschritt, oder?

Antwort: Nein, allerdings nicht. Es kann Fort- und Rückschritte geben. Es ist ja immer die Frage, in welcher Weltgegend oder in welcher gesellschaftlichen Klasse man lebt. Der Adel des 18. Jahrhunderts etwa konnte viele Freiheiten leben. Manche Leser fragen mich, ob ich lieber in der Geschichte leben würde. Ich antworte dann: auf gar keinen Fall! Gerade als Frau lebe ich derzeit in meinem Teil der Welt und heute am besten. Es gibt keinen anderen Lebensumstand, der damit vergleichbar wäre.

Frage: Gibt es Epochen der Geschichte, die Sie dennoch interessant fänden?

Antwort: Wenn Zeitreisen möglich wären, auf jeden Fall. Aber bitte immer mit Rückfahrschein. Ich möchte in keiner anderen Epoche stecken bleiben. Mich macht wütend, dass viele Errungenschaften wieder verlorengehen. Ich finde es unsäglich, dass Kinder wieder an Masern sterben. Und das alles aufgrund von Dummheit und Vorurteilen. Ich bin zum Beispiel froh, dass die Pockenimpfung in meiner Kindheit kollektiv durchgeführt worden ist und wir dabei nicht gefragt worden sind. Es wurde einfach gemacht. Heute wäre das nicht mehr durchsetzbar. Die Pioniere der Medizin wären entsetzt über unser heutiges Verhalten.

Frage: Gerade im digitalen Zeitalter wirkt nichts so uninteressant wie Geschichte. Warum schreiben Sie historische Romane?

Antwort: Es ist immer die Mischung von Fremdem und Vertrautem. Jede Epoche ist einzigartig, bietet aber auch Parallelen, die zeigen, dass unsere Gegenwart aus ihnen entstanden ist. Es kann nicht schaden, sich anzuschauen, wie das Leben in früheren Epochen funktioniert hat. Jeder Fortschritt hatte immer auch seine Schattenseiten. Nehmen Sie nur die Erfindung des Buchdrucks, die viele Dinge möglich gemacht, aber auch negative Erscheinungen mit sich gebracht hat. Der Buchdruck hat nicht nur das Wissen in die Welt gesetzt, sondern auch viele Falschbehauptungen.

Frage: Werden heute wieder ganze Menschengruppen dämonisiert?

Antwort: Ja, auf allen Ebenen. Denken Sie nur an die Vergleiche von Menschen mit Tieren, mit Insekten oder gar Ungeziefer. Wir kennen diese Vergleiche aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die haben das aber nicht erfunden. Feindbilder und das Denken in Kategorien des Sündenbocks gab es immer wieder in der Geschichte. Das darf man aber niemals machen. Komplexe Probleme sind niemals einzelnen Menschengruppen anzulasten. Populisten operieren damit aber – auch heute.

Frage: Welche Eigenschaft muss eine historische Epoche haben, um für Sie interessant zu sein?

Antwort: Dafür gibt es kein Kuchenrezept. Ich habe in dieser Hinsicht meine Meinung oft geändert. Epochen, die ich früher nicht interessant fand, sind für mich heute von Belang. Dann sehe ich spannende Entwicklungen und Personen. Das gilt gerade für das 19. Jahrhundert, das ich früher für nicht so anziehend gehalten habe. Das hat sich geändert, ebenso wie für die mongolische Geschichte, die ich durch ein Buch über mongolische Geschichte aus der Sicht der Frauen entdeckt habe. In der Folge habe ich dann meinen Roman „Manduchai“ geschrieben. Oft haben mich solche Begegnungen auf Epochen aufmerksam gemacht.

Frage: Können Sie sich in andere Epochen einfühlen?

Antwort: Bei der Recherche für Romane schaue ich mir gern an, was Menschen damals gemacht haben, was die gegessen, womit sie sich unterhalten haben. Ich versuche herauszufinden, wie Menschen gekleidet waren. Ich arbeite mich durch viel Material, manchmal auch durch langweilige Lektüren wie etwa theologische Pamphlete.

Frage: Historische Romane haben nicht immer das beste Image. Sie gelten oft als bloße Unterhaltungsliteratur. Wie sehen Sie das?

Antwort: Das Image des historischen Romans kennt ein Auf und Ab ebenso wie seine Wertschätzung. Derzeit scheint das Interesse an historischen Romanen wieder zuzunehmen. Ich mag überhaupt die deutsche Unterscheidung von ernster und unterhaltender Literatur nicht sehr. Daniel Kehlmann hatte damit bei der Publikation seines Romans „Die Vermessung der Welt“ auch zu kämpfen. Damals glaubte er noch, sich für das Genre rechtfertigen zu müssen. Das hat sich komplett gedreht. Historische Romane hatten lange das Image, nur unterhaltend und damit auf keinen Fall literarisch wertvoll zu sein. Das ist natürlich Unsinn.

Frage: Ist Geschichte auch eine Maske für die Gegenwart? Eröffnen historische Romane besser die Möglichkeit, Fragen der Gegenwart zu behandeln?

Antwort: Ja, auch weil sich damit eine gewisse Hoffnung ausdrücken lässt. Der Rückblick zeigt, dass sich gewisse Entwicklungen auch zum Besseren entwickeln konnten. Das ermöglicht immer den Vergleich mit der eigenen Gegenwart.

Frage: Ihr nächstes Buch trägt den Titel „Sieben Jahre“. Worauf dürfen wir uns bei diesem Buch freuen?

Antwort: Ich habe den Roman während der Pandemie begonnen. Er behandelt den Siebenjährigen Krieg und ist mit über 800 Seiten mein zweitlängster Roman. „Sieben Jahre“ erzählt die Geschichte einer Familie und Geschwistern. Es geht um die Familie Friedrich des Großen und dabei insbesondere um sein Verhältnis zu seinem Bruder Heinrich, der nicht sehr im öffentlichen Bewusstsein ist. Er hatte ähnliche Persönlichkeitsmerkmale und Talente, kam aber nie auf den Thron. Die Brüder hatten ein enges und zugleich gespanntes Verhältnis. Heinrich war einer der schärfsten Kritiker Friedrichs, im Krieg aber auch einer seiner engsten Verbündeten.

Frage: Mit dem Stoff berührt man natürlich auch deutsche Geschichtsmythen, nicht?

Antwort: Ja, das stimmt und das nicht nur wegen der Filme der Nationalsozialisten über Friedrich den Großen. Sie dichteten dem preußischen König sogar rassistische Züge an. Die gehörten einfach nicht zu ihm. Er sagte ja, dass jeder nach seiner Fasson selig werden sollten. Die Nazis haben das Beispiel eines Mehrfrontenkriegs propagandistisch ausgeschlachtet. Auch die Vorstellung von Friedrich als großem Stoiker ist nichts Anderes als Propaganda. Der König ist schon zu Lebezeiten ebenso vergöttert wie dämonisiert worden. Für einen Roman ist er eine hochinteressante Figur. Er ist zu selten im Kontext gesehen worden, gerade in dem seiner Familie. Das ändere ich mit meinem Roman. Dazu gehört auch der Blick auf emotionale Grausamkeiten zwischen Vater und Sohn und zwischen den Brüdern. Vor allem der Bruder Heinrich blieb bislang in der Literatur ausgespart. Theodor Fontane sagte seinerzeit, dass Heinrich der Dichter fehle.

Frage: Jetzt hat er eine Dichterin gefunden.

Antwort: Ich hoffe es.  

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