Krimi, Liebe und Klischee  In Greetsiel stapeln sich die Leichen nur im Roman

Lotta Groenendaal
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Von Lotta Groenendaal
| 21.05.2025 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Dunkle Wolken über dem Greetsieler Hafen: Autoren nutzen das Ausflugsziel gerne als Kulisse für Kriminalromane. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv
Dunkle Wolken über dem Greetsieler Hafen: Autoren nutzen das Ausflugsziel gerne als Kulisse für Kriminalromane. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv
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Über Greetsiel werden viele Romane geschrieben. Sie bieten Morde, Romantik und jede Menge Küstenflair. Doch wie viel Realität verbirgt sich hinter den Klischees? Eine Spurensuche.

Greetsiel/Krummhörn - In Greetsiel wimmelt es von attraktiven Fischern mit meerblauen Augen, die dorfeigene Kriminalpolizei ermittelt sieben Tage die Woche wegen hochbrisanter Mordfälle und abends entspannt die Dorfgemeinschaft mit einer Flasche Korn in gemütlichen Strandkörben am herrlichen Sandstrand von Greetsiel.

So könnte man sich das Fischerdorf zumindest vorstellen, wenn man den vielen Büchern Glauben schenken darf, die bereits über Greetsiel und die Gemeinde Krummhörn geschrieben wurden. Denn die Gegend ist nicht nur bei Urlaubern beliebt, sondern offensichtlich auch bei vielen Autoren und Autorinnen. Welche Klischees werden besonders gern bedient? Und wie viel Wahres steckt vielleicht doch in den Büchern? Wir haben uns einmal durch die digitalen Bücherregale gewühlt und einige Romane über Greetsiel und die Krummhörn unter die Lupe genommen.

Greetsiel: Wenn Wahrzeichen zum Tatort werden

Ein Blick auf gängige Bücher mit Greetsiel im Titel zeigt vor allem eins: Besonders Kriminalromane werden gerne in dem Ort angesiedelt. Laut den zahlreichen Romanen, die über Greetsiel geschrieben wurden, hat man in dem kleinen Fischerdorf (1247 Einwohner, Stand 2024) in den letzten Jahren bereits eine Anzahl von Toten entdeckt. Bei all den Leichenfunden müsste der Ort schon halb ausgestorben sein. Leichenfunde gibt es in der heimischen Badewanne, Tote an den berühmten Zwillingsmühlen und im Greetsieler Hafenbecken – da ist alles dabei.

Die Zwillingsmühlen sind das Wahrzeichen von Greetsiel. Kein Wunder also, dass sie auch vielen Autoren als Vorlage für ihre Bücher dienen. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv
Die Zwillingsmühlen sind das Wahrzeichen von Greetsiel. Kein Wunder also, dass sie auch vielen Autoren als Vorlage für ihre Bücher dienen. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv

Die Kriminalromane haben meist wohlklingende Namen wie „Die Leiche in der Greetsieler Gracht“, „Die Leiche im Watt“, „Mordskuss“ oder „Gewittermord“.

Klischees rund um Leuchtturm, Watt und Krabbenfischer

Und eines haben die Autoren gemeinsam: An Klischees wird in den Büchern nicht gespart. Besonders die typischen Wahrzeichen der Region tauchen oft als Tatort in den Geschichten auf. So wird in dem Kriminalroman „Mordkuss“ eine junge Frau direkt am Pilsumer Leuchtturm erdrosselt aufgefunden. Schnell stellt sich heraus, dass die Frau wohl in Greetsiel auf der Suche nach der großen Liebe war und sich bei einer dortigen Partnervermittlung angemeldet hatte. Doch statt der großen Liebe fand sie den Tod, und zwar ausgerechnet am Otto-Turm.

Unter dem fröhlich-bunten Otto-Leuchtturm wurde in einem Greetsiel-Krimi eine tote junge Frau entdeckt. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv
Unter dem fröhlich-bunten Otto-Leuchtturm wurde in einem Greetsiel-Krimi eine tote junge Frau entdeckt. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv

Klischeehaft geht es auch im Buch „Die Leiche im Watt“ weiter. Das Mordopfer hier: natürlich ein störrischer Krabbenfischer, der im Watt hinter dem Deich gefunden wird. Bei den anschließenden Ermittlungen geht es herrlich maritim zu – diskutiert wird der illegale Fischfang, später tun sich dann noch interne Streitigkeiten in alteingesessenen Greetsieler Fischerfamilien auf. Und natürlich ermittelt hier die Greetsieler Kriminalpolizei, die gleich mit mehreren Kommissaren in dem kleinen Dorf vertreten ist.

Mord, Immobilien und maritimes Milieu: Kriminalfälle mit Küstenflair

Für sie ist es außerdem nicht der erste Mord: In einem anderen Band der Romanreihe wird ein Mordopfer im Sieltief entdeckt, die örtliche Kripo deckt Intrigen auf einem Greetsieler Straßenfest auf. Zudem geht es in dem Roman „Rattenbrüder für Greetsiel“ gewalttätig auf dem Hafenfest des Fischerdorfes zu, während im Hintergrund krumme Geschäfte auf dem Greetsieler Immobilienmarkt laufen.

Das Greetsieler Sieltief: beliebt bei Bootjefahrern und anscheinend auch bei Krimiautoren. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv
Das Greetsieler Sieltief: beliebt bei Bootjefahrern und anscheinend auch bei Krimiautoren. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv

Noch extremer wird es im Buch „Granat für Greetsiel“, in dem natürlich ein Krabbenkutter die Hauptrolle spielt. Denn dieser wird mit einer Bombe in die Luft gejagt – und im Hafenbecken wird eine Leiche angespült. Hafen, Krabben, Kutter, Fischer: All das sind wiederkehrende Themen in allen Kriminalromanen, die wir zum Thema Greetsiel finden konnten. Und fast immer dienen genau diese malerischen Kulissen und das raue Küstenleben nicht nur als Hintergrund, sondern werden selbst zu Mitspielern in den Verbrechen rund um Greetsiel.

Reale Probleme als Stoff für Greetsiel-Romane

Zwischen den vielen Klischees steckt aber oftmals zumindest ein Fünkchen Realität. So geht es in mehreren Büchern um dubiose Grundstücksverkäufe, bei denen Einwohner des Ortes versuchen, sich gegen ortsfremde Geschäftsmänner zu behaupten, die große Ferienkomplexe bauen wollen. Oder um die Zunahme an Ferienwohnungen, die bei einigen Anwohnern für Empörung sorgt, während andere auf die zusätzlichen Einnahmen durch den Tourismus nicht verzichten können. Ähnliche Diskussionen kochen auch im realen Greetsiel immer wieder hoch.

Und wenn schließlich im Roman „Gewittermord“ ein Berliner Politiker in Greetsiel das angeblich schöne Nordfriesland preist, dürften wohl einige Ostfriesen diesen Fehltritt wiedererkennen.

Romantik in Greetsiel: Kutter, Krabben, Matjesbrötchen

Aber Greetsiel ist nicht nur der Schauplatz explodierender Krabbenkutter und Leichen unter den Zwillingsmühlen – auch große Romanzen spielen sich in dem Fischerdorf ab. Natürlich mal wieder gespickt mit Klischees. So zum Beispiel im Roman „Krabbenglück“, in dem die junge Protagonistin aus Frankfurt ein Haus samt Krabbenkutter in Greetsiel vererbt bekommt. Dabei hat sie mit Ostfriesland eigentlich gar nichts am Hut: Verwundert betrachtet sie auf ihrer Anreise die großen Kohlfelder und die grasenden Kühe auf den Weiden.

Und noch verwunderter ist sie, als bei ihrer Anreise aus den Bergen plötzlich Hügel und schließlich ganz plattes Land werden. Aber dann lebt sie sich doch schnell in Greetsiel ein: Fast jede Mahlzeit ist von da an ein Matjesbrötchen und alles, wirklich alles von Gastronomie über Pensionen bis zu Ferienhäusern ist urig und maritim. Da passt es auch, dass die Protagonistin natürlich Ohrringe in der Form von Jakobsmuscheln trägt und dass sie es sich zum Ziel gesetzt hat, mit dem alten geerbten Krabbenkutter um Borkum zu schippern.

Romane schlagen auch ernstere Töne an

Sofort verliebt sie sich nicht nur in den Greetsieler Hafen, sondern auch in einen Greetsieler. Und dabei stört es sie auch gar nicht, dass dieser sie herzlich „auf“ der Krummhörn begrüßt. Ein paar anstrengende Urlauber aus Bottrop, die eigentlich zum Entspannen gekommen sind, aber trotzdem die ganze Zeit meckern, machen das Greetsiel-Klischee perfekt.

Ähnlich sieht es in dem Liebesroman „Herzfischer“ aus: Hier muss sich eine Star-Anwältin aus dem Ruhrgebiet mit einem wortkargem Fischer auseinandersetzen. Doch auch hier spielen wieder einige reale Probleme an der Küste eine Rolle. Es geht um Wohnungsnot und um steigende Mietpreise.

Und trotz aller Klischees wird eines in allen Romanen deutlich: Die Bücher sind vor allem Liebeserklärungen an die Krummhörn. Sie zeigen, wie sehr die Region Autorinnen und Autoren inspiriert. Zwar bedienen sich viele Bücher gängiger Klischees, doch sie greifen auch reale Themen wie den Wandel durch den Tourismus, die Wohnraumsituation oder lokale Eigenheiten auf. So zeigen einige der Bücher am Ende eben nicht nur das Postkarten-Greetsiel, sondern auch, was die Menschen hier wirklich bewegt.

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