Paris  Schwimmen dank Olympia: Wie die Spiele den Norden von Paris veränderten

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 20.05.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Inwiefern profitieren die Einwohner dauerhaft vom Erbe der Olympischen Spiele in Paris, wie es versprochen wurde? Foto: Jan Woitas/dpa
Inwiefern profitieren die Einwohner dauerhaft vom Erbe der Olympischen Spiele in Paris, wie es versprochen wurde? Foto: Jan Woitas/dpa
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Olympia 2024 hat Paris verändert: Durch den Bau neuer Bäder und kostenlose Schwimmkurse will die Politik in benachteiligten Vororten eine neue Dynamik schaffen. Ein Ortsbesuch im Norden von Frankreichs Hauptstadt.

„Plouff!“, kreischen die Kinder jedes Mal, wenn einer ihrer Freunde ins Becken springt, „plouff“ ist französisch für „platsch“. Viele schütteln sich erst einmal im kühlen Wasser, manche machen erste Schwimmbewegungen. Lautes Rufen und Lachen hallt durch das neue Bad von Pierrefitte-sur-Seine im Norden von Paris.

Es steht inmitten einer unwirtlichen Zone mit breiten Schnellstraßen, ehemaligen Fabrikgeländern, in der Ferne ragen Hochhäuser in die Luft. Der Bau selbst wirkt durch die Decke aus Holz und Stahl und die lange Fensterwand hell und freundlich.

„Die Stimmung ist jeden Morgen super“, ruft Marine Genton mit lauter Stimme, um trotz des beträchtlichen Lärmpegels in der Halle durchzudringen. „Alle kommen gerne, der Beweis: Kein einziger vergisst seine Schwimmsachen.“

Dabei sahen drei der Kinder erstmals ein Bad von innen und hatten zunächst Angst, ins Becken zu gehen. Die junge Lehrerin unterrichtet 23 Viertklässler, die erstmals von einem Bademeister Schwimmunterricht erhalten. Zwölf Wochen lang, dann kommen andere Klassen an die Reihe.

Eigentlich steht Schwimmen in französischen Grundschulen auf dem Lehrplan, doch mangels einer Badeanstalt konnte das in Pierrefitte-sur-Seine bislang nicht umgesetzt werden. Den Wandel brachte Olympia.

Die Organisatoren der Sommerspiele 2024 in Paris setzten darauf, dass mehrere Wettkampfstätten wie das Stade de France, das größte Fußballstadion des Landes, und ein neu gebautes Olympisches Wassersportzentrum, aber auch das Olympische Dorf in den nördlichen Vororten im Departement Seine-Saint-Denis liegen, dem ärmsten und zugleich jüngsten in Kontinentalfrankreich.

Die meisten Bewohner haben Einwanderungshintergrund und sind in vielerlei Hinsicht sozial benachteiligt: Ihnen stehen vergleichsweise weniger Krankenhäuser, weiterbildende Schulen oder Freizeitangebote zur Verfügung – und deutlich weniger Bäder.

Mehr als 60 Prozent der Zwölfjährigen im Departement Seine-Saint-Denis konnten 2023 nicht schwimmen, gegenüber 20 bis 30 Prozent Nichtschwimmern in ganz Frankreich. In Seine-Saint-Denis liegt auch Pierrefitte-sur-Seine, das im Januar diesen Jahres in die Stadt Saint-Denis eingemeindet wurde.

„Als Paris 2017 die Ausrichtung der Spiele gewann, war klar, dass wir sie mit Aktionen vor Ort vorbereiten müssen, damit eine Dynamik entsteht“, betont Hervé Borie, sozialistischer Stadtrat und Vize-Präsident des Gemeindeverbandes Plaine Commune.

„Es war absurd, dass hier das Olympische Wassersportzentrum entstehen sollte, während mehr als die Hälfte der Kinder nicht schwimmen konnten.“ Seitdem wurden mehrere Bäder renoviert oder neu gebaut und einige Gemeinden stellten im Sommer mobile Schwimmbecken auf.

Für die Jugendlichen war das umso erfreulicher, als viele von ihnen im Gegensatz zu den meisten Gleichaltrigen in Paris in den Sommerferien nicht verreisen. Außerdem läuft in Seine-Saint-Denis und in Marseille unter anderem mit Geldern aus einem Olympia-Fonds das Schwimmlern-Programm „1,2,3 Nagez!“, übersetzt: „1,2,3 Schwimmt los!“ Tausende nutzten seitdem das Gratis-Angebot.

Das Erbe der Spiele, das sie ihrem Austragungsort und dessen Bewohnern hinterlassen, ist für das Internationale Olympische Komitee (IOC) ein wichtiges Thema. Bei der Organisation wurde ein eigener Stab eingerichtet, ein spezieller Fonds aufgelegt. Es ging auch darum, die Akzeptanz der sportlichen Großveranstaltung in der Bevölkerung zu sichern – und die Zukunft von Olympia.

Tania Bragia, als Head of Legacy verantwortlich für den Nachlass der Spiele beim IOC, verweist darauf, dass Sport mehr Platz in der französischen Gesellschaft bekommen habe. „Ein Beispiel hierfür ist die Regel, dass alle Schulklassen ab der Grundschule täglich mindestens eine halbe Stunde Sport treiben.“ Einem Senatsbericht zufolge setzen diese Vorschrift allerdings noch nicht alle Schulen um.

Darüber hinaus, so Bragia, seien in Zusammenarbeit mit Paris und mehreren Gemeinden im Departement Seine-Saint-Denis mehr Sportgeräte im öffentlichen Raum aufgestellt worden. Außerdem seien neue Karriere-, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten vor allem in den Vorstädten von Paris geschaffen worden.

Bei mehr als 80 Prozent der Zulieferer handelte es sich um kleine oder mittlere Unternehmen, meist aus der Region. „Von den 180.000 entstandenen Jobs waren zehn Prozent Langzeitarbeitslosen vorbehalten, um diese dauerhaft zurück in den Arbeitsmarkt zu holen“, so Bragia.

Fast ein Jahr später zeigt sich, dass zum einen die französische Metropole selbst in mehrfacher Hinsicht profitiert hat, etwa in Form des Ausbaus seines Verkehrsnetzes, neuer Einrichtungen wie einer Sporthalle an der Porte de la Chapelle im Norden, intensiver Renovierungsarbeiten und in Sachen Tourismus und Wirtschaft dank hoher Besucherzahlen.

Die Seine, in der einige der Olympischen und Paralympischen Schwimmwettbewerbe stattfanden, und ihr Nebenfluss Marne waren für 1,4 Milliarden Euro einer umfassenden Reinigungsaktion unterzogen worden. Ab diesem Sommer öffnen mehrere Badestellen – bis vor wenigen Jahren völlig undenkbar.

Als Bürgermeisterin Anne Hidalgo im vergangenen Frühsommer medienwirksam in die Seine sprang, machte sie ein Versprechen wahr, das ihr Vor-Vorgänger, der spätere Präsident Jacques Chirac, bereits 1988 gegeben und nie eingelöst hatte.

Aber auch der Norden der Hauptstadt erfuhr spürbare Veränderungen. Bragia spricht von einem „Beschleunigungs-Effekt für den Ausbau von Infrastrukturen“: Die automatisierte Metro-Linie 14 bis Saint-Denis wurde besonders schnell fertiggestellt, zwei neue Brücken verbinden mehrere Städte miteinander.

Außerdem wird das Olympische Dorf gerade noch umgebaut. „Wenn es ab September öffnet, entsteht eine neue Dynamik für das ganze Viertel“, verspricht die IOC-Funktionärin. Die ehemaligen Unterkünfte der Olympia-Teilnehmer werden zu Wohnungen für 6000 Menschen, ein Drittel davon Sozialwohnungen, umgebaut, es entstehen Geschäfte, eine Kinderkrippe, Restaurants und Büros.

Im unweit gelegenen Pleyel-Turm, dem früheren Sitz der Familienkasse des Departements, eröffnete ein Luxushotel mit einer Rooftop-Bar und einem Schwimmbad auf dem Dach. Die Verwandlung des Viertels bringt aber auch mit sich, dass Alteingesessene gehen mussten – Tabakläden, Couscous-Restaurants oder der Friseursalon von Hacen und Malika Madi.

„Sie drängen uns zu gehen, aber wir sind im Rentenalter, wir sind jetzt dran“, versicherten sie fatalistisch vor dem großen Umbau. Eine Art gespanntes, bisweilen skeptisches Abwarten herrscht vor.

Hielten die nördlichen Banlieues von Paris seit Jahren der Gentrifizierung stand, die in anderen Vorstädten im Osten oder Süden längst im Gang ist, so wird sie nun nach und nach in einigen Vierteln erkennbar – auch an den Wohnungspreisen.

In Saint-Denis stiegen sie laut der Agentur „Meilleurs Agents“ trotz der Immobilienkrise in Paris, durch die die Preise erstmals seit langem zurückgingen, um 21 Prozent in zehn Jahren. Sie liegen aktuell bei gut 4000 Euro pro Quadratmeter. Das ist immer noch nicht einmal die Hälfte vom Durchschnittspreis in Paris.

Das Departement unterliegt seit Jahrzehnten einem großen Wandel, beschreibt Hervé Borie. „30 Jahre lang war Seine-Saint-Denis das größte Industriegebiet Europas, doch im Zuge der Deindustrialisierung ab den 1970-er Jahren schlossen Fabriken und es verschwand die Welt der Arbeiter. Das Image von Seine-Saint-Denis verschlechterte sich zunehmend.“ Obwohl die Stadt an Paris grenzt, schienen sie Welten voneinander zu trennen. Ob sie nun zusammenwachsen?

Ein erster positiver Umbruch fand 1998 statt, als die französische Nationalmannschaft, die aufgrund ihrer Multikulturalität „black, blanc, beur“ („schwarz, weiß, arabisch“) genannt wurde, die Fußball-WM gewann – zuhause, im damals ganz neuen Stade de France in Saint-Denis.

„Die Euphorie war riesig, plötzlich hatte man keine Angst mehr vor der kulturellen Durchmischung“, erinnert sich Borie. „Die Wirtschaft entdeckte Saint-Denis, immer mehr Unternehmen siedelten sich an.“ Heute haben hier unter anderem die Filialen der französischen Staatsbahn SNCF und viele Kino- und Fernsehproduktionsfirmen ihren Firmensitz.

Zugleich halten sich die Vorurteile hartnäckig, beklagt der Lokalpolitiker. „Was hat man vor den Spielen nicht alles gehört: Horden Wilder aus Seine-Saint-Denis würden die Touristen angreifen und ausrauben! Und was ist passiert? Alles lief voller Freude und in bester Stimmung ab.“ Mehrere Fan-Zonen wurden eingerichtet, die Menschen feierten und fieberten vor großen Leinwänden mit.

„Die Welt hat die Welt empfangen“, sagt Borie in Anspielung auf die mehr als 130 Nationalitäten, die laut Stadtverwaltung in Saint-Denis vertreten sind. Für das Selbstbewusstsein der Bewohner war es wichtig, dass vor ihrer Haustür ein historisches Ereignis stattfand, sie Teil davon waren und nicht ausgeschlossen – wie sonst so oft.

„Sehen Sie sich die Kinder an, was die für einen Spaß haben“, sagt der Politiker und blickt auf den Schwimmkurs in Pierrefitte-sur-Seine. Vielleicht befinde sich unter ihnen ja der nächste Léon Marchand. Mit vier Olympischen Medaillen wurde der 22-Jährige zum bejubelten Spitzenstar der Pariser Spiel. „Wir haben tausende Jugendliche und damit auch tausende Talente. Sie müssen sich nur ausdrücken können.“

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