Lebensaufgabe Pflegefamilie – kein Kind fällt freiwillig durchs Raster
Silke Tattje-Oetken und Carsten Oetken geben Kindern ein Zuhause in Blersum. Mal nur kurz, mal für immer. Derzeit leben fünf bei ihnen – gute Organisation und noch bessere Nerven sind da Pflicht.
Blersum - Der Alltag in einem alten Bauernhaus in der Wittmunder Ortschaft Blersum ist herausfordernd, aber auch erfüllend: Silke Tattje-Oetken und ihr Mann Carsten Oetken sind seit gut 20 Jahren Pflegeeltern. Die eigenen Söhne sind mit ihren 23 und 25 Jahren mittlerweile zumindest teilweise aus dem Haus – aber derzeit wohnen noch fünf Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 15 Jahren dauerhaft bei ihnen. Ein weiterer 15-Jähriger lebt in einer Wohngruppe, kommt an den Wochenenden oder in den Ferien dazu. Hinzu kommt ein weiterer minderjähriger Jugendlicher, der gerade ausgezogen ist. Zu Geburtstagen und an den Feiertagen wird es voll unter dem Dach der Familie – denn dann kommen ehemalige Schützlinge dazu.
Das Paar nimmt Kinder und Jugendliche auf und gibt ihnen ein sicheres Zuhause – kurzfristig als Bereitschaftspflege und auch auf Dauer, in Langzeitpflege. Für zwei Kinder habe es zudem das Sorgerecht, sagt Silke Tattje-Oetken. Mindestens 20 Kinder, schätzt sie, habe sie im Verlauf der Jahre aufgenommen. Das Jüngste sei eineinhalb Jahre alt gewesen. Manche ziehen weiter und sie hören nie wieder etwas von ihnen. Andere werden dauerhaft Teil der Familie. Ein Junge sei mit sieben Jahren zu ihr gekommen – und mit 21 Jahren wieder ausgezogen. „Mit 18 hat er das erste Mal ‚Mama‘ gesagt“, erzählt sie gerührt.
Das Gefühl, das sich jemand sorgt
Der Familienalltag entspricht der einer typischen Großfamilie mit berufstätigen Eltern: „Ich weiß bei allen fünf Kindern, wer wann Sport hat. Und wer was vergisst.“ Brotdosen, Turnbeutel, aber auch Arzttermine oder Therapiesitzungen – all das hält Silke Tattje-Oetken auf Trab. „Eine gute Organisation ist das Wichtigste.“ Notizzettel hier und da würden ihr helfen, die Übersicht zu behalten. „Man muss immer dran sein an den Kindern.“ Einerseits natürlich, weil sie als Pflegemutter den Laden am Laufen hält – Aber auch, weil die Kinder spüren müssen, dass sich jemand sorgt, sich kümmert: „Sie müssen wissen: Da ist jemand da.“
Es ist ein Gefühl, das viele der Kinder und Jugendlichen aus ihren Herkunftsfamilien so nicht kennen, weiß die Pflegemutter. „Es sind überwiegend schwerst traumatisierte Kinder.“ Sie haben seelischen, körperlichen oder sexuellen Missbrauch erlebt, wurden beispielsweise vernachlässigt oder misshandelt. Es sind Kinder, die in den Keller gesperrt wurden, die Gewalt ertrugen, die hungerten, oder die im Alter von zwölf Jahren schwanger wurden. Bis hin zu echten Systemsprengern hat Tattje-Oetken schon so alles gesehen. Das Erlebte komme – wenn überhaupt – nur häppchenweise ans Licht; es brauche viel Zeit, Vertrauen und ein offenes Ohr: „Man kann das, was da passiert ist, nie absehen.“
Jugendamt begleitet die Pflegeeltern
Die 56-Jährige ist pädagogische Fachkraft an der Schule an der Lessingstraße, der Förderschule Wittmund. Ihr 51 Jahre alter Mann arbeitet fürs Jobcenter. Ihre sozialen Berufe und die Kurse, mit denen Pflegefamilien auf ihren Einsatz vorbereitet werden, dienen ihnen zusammen mit ihrer Lebenserfahrung als Fundament für ihre Aufgabe. Der Pflegekinderdienst der Kreisverwaltung begleitet jedes Kind ganz individuell und bietet den Pflegeeltern Fortbildungen oder intensive Betreuung bei speziellen Fragen an. „Es ist oft ein Kampf, der unheimlich anstrengend ist.“
Derzeit gibt es im Landkreis Wittmund 112 Pflegefamilien – neben den „klassischen“ Familienkonstellationen sind das auch Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Paare. Im Schnitt 140 Kinder und Jugendliche pro Jahr muss der Pflegekinderdienst der Kreisverwaltung teils sehr spontan in Pflegefamilien unterbringen. Damit für jedes Kind die passende Familie gefunden werden kann, ist es wichtig, dass es eine große Auswahl gibt. Darum sucht das Jugendamt immer neue Pflegeeltern. Interessenten können sich bei der Kreisverwaltung melden.
Pflegeeltern sein ist eine 24/7-Aufgabe
Allen Schulungen und Erfahrungen zum Trotz: „Jedes Kind ist anders. Man wird schon ins kalte Wasser geworfen“, stellt Silke Tattje-Oetken klar. „Viele stellen sich das total einfach vor“, weiß sie. Ist es nicht, versichert sie: „Es ist eine 24/7-Aufgabe.“ Dabei wollen die Kinder nur eins: „Sie wollen nur eine Familie. Die Kinder wollen einen sicheren Platz haben.“ Dass sie Kindern aus schwierigen Verhältnissen Halt geben will, habe sie früh gewusst. „Ich habe als Kind davon geträumt. Das ist meine Lebensaufgabe.“ Ihre eigene Familiengeschichte prägte sie nachhaltig: „Mein Papa war Vollwaise.“
Manchmal stoßen aber auch Pflegeeltern an ihre Grenzen: „Ein Junge hat meinem Mann einen Zahn ausgeschlagen“, so Tattje-Oetken. Fälle wie diese sind selten – passieren aber. Schwere Gegenstände werden geworfen. Kinder nässen oder koten sich ein. Frust über die Herkunftsfamilie kann in der Pflegefamilie noch lange nachhallen. „Es gibt Situationen, auf die kann man nicht vorbereitet sein. Jedes Kind hat so für sich seine Überlebensstrategie.“ Mit vielem könne sie umgehen, sagt die Ostfriesin. Aber: „Manchmal kommt man an den Punkt, da muss man sich eingestehen: Es geht hier nicht weiter.“ Manchmal ist eine Familie einfach auch nicht das Richtige. Zum Wohle aller, auch des Pflegekindes, gibt es auch dafür Lösungen in Absprache mit den Mitarbeitern im Fachbereich Jugend und Soziales.
Jedes Kind ist wichtig
Die erfahrene Pflegemutter sagt, eine funktionierende Paarbeziehung ist in ihrer Position Pflicht. Dazu hätten die Gespräche mit ihren eigenen Kindern stets als Gradmesser fungiert, ob die Familienkonstellation so passt. Denn eine Frage habe sie sich immer wieder gestellt: „Werde ich meinen eigenen Kindern noch gerecht?“ Pflegekinder hätten oft ein ganz anderes Sozialverhalten als die eigenen Kinder, bräuchten eine enge Führung und klare Strukturen – weil sie oft keine Verlässlichkeit oder Grenzen kennen. Das kann zulasten der leiblichen Kinder gehen.
Zeitgleich müsse man an anderen Stellen lockerlassen. „Man muss Abstriche machen. Man kann den Kindern die eigenen Werte nicht überstülpen.“ Vieles lasse sich nur sehr behutsam und schrittweise verändern. Rituale wie der tägliche Spaziergang mit den Hunden durch Blersum aber gehören für Silke Tattje-Oetken zum Alltag. „Und alle müssen mit“, verrät sie lachend. Ernsthaft, wenn auch in lockerer Runde, wird besprochen, was gut läuft – oder was sich ändern muss. Die Kinder seien zudem in der Nachbarschaft und Dorfjugend integriert, lobt sie. „Das Dorf erzieht mit.“ Doch damit nicht genug: Auch der Arbeitgeber muss mitziehen. „Und die ganze Familie muss dahinterstehen.“
Für Silke Tattje-Oetken ist klar: „Man kann das Leben der Kinder nicht verhindern. Man kann ihnen nur etwas mitgeben.“ Einmal habe ein 18-Jähriger mit einem Strauß Blumen vor ihrer Tür gestanden. Im Grundschulalter war er nur wenige Monate in Blersum. „Er wollte sich bedanken für die schönste Zeit in ihrem Haushalt.“ Solche Begebenheiten sind selten. Dankbarkeit erwarte sie von ihren Schützlingen nicht: „Die haben sich nicht ausgesucht, Pflegekind zu sein.“ Sie kämpft für die Kinder – aber ein Happy End garantiert ihr niemand. „Es kann alles gut werden. Aber es kann auch sein, dass ein Kind sich nicht lenken lässt und nicht den richtigen Weg einschlägt.“ Trotz unklarer Erfolgsaussichten versucht es Silke Tattje-Oetken tagtäglich. „Mit ganz viel Zuhören und Gesprächen.“ Jedes Kind muss wissen: „Du bist wichtig.“