Bilder zum Ertasten  „Bitte anfassen“ – Firrelerin macht Kunst für blinde Menschen

Lars Löschen
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Von Lars Löschen
| 15.05.2025 16:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Elfriede Keiser arbeitet mit Strukturpaste. Das sorgt dafür, dass die Bilder nicht angeschaut, sondern auch erfühlt werden können. Foto: Klaus Ortgies
Elfriede Keiser arbeitet mit Strukturpaste. Das sorgt dafür, dass die Bilder nicht angeschaut, sondern auch erfühlt werden können. Foto: Klaus Ortgies
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Die Struktur der Gemälde von Elfriede Keiser aus Firrel kann man regelrecht erfühlen. Das könnte doch auch was für blinde Menschen sein, dachte sie sich. Nun steht eine Ausstellung kurz bevor.

Firrel/Nordgeorgsfehn - Langsam streicht Elfriede Keiser aus Firrel mit dem Finger über eines ihrer Gemälde. Darauf sind drei Frauen zu erkennen, deren Augen und Münder weit aufgerissen sind. Keiser fährt mit dem Finger über die Nasen, die Augenbrauen und die Hüte der Frauen. „Die Konturen kann man regelrecht erfühlen“, sagt sie. Vor zwei Jahren habe sie angefangen, solche Werke zu gestalten. Gemalt hat sie aber eigentlich schon ihr ganzes Leben lang.

Malen ist das liebste Hobby von Elfriede Keiser. Foto: Klaus Ortgies
Malen ist das liebste Hobby von Elfriede Keiser. Foto: Klaus Ortgies

Durch die besondere Struktur ihrer Bilder entsteht eine Art 3D-Effekt, der beim Hinsehen direkt auffällt. Vor Kurzem erst habe Elfriede Keiser dann den Gedanken gehabt, dass die Bilder auf noch eine ganze andere Art und Weise wirken können. „Dadurch können auch Menschen mit Sehbehinderungen oder Sehschwächen die Kunst nah gebracht werden. Und die können eigentlich nicht so viel mit Bildern anfangen“, sagt sie. Diese Personen könnten durch das bloße Ertasten eine Vorstellung von den Gemälden gewinnen, so zumindest die Idee der 69-Jährigen.

Bilder zum Anfassen – Ausstellung in Nordgeorgsfehn

Vor zwei Monaten kam Elfriede Keiser rein zufällig auf einer Kunstausstellung mit Gudrun Haug ins Gespräch. Haug organisiert selbst regelmäßig Ausstellungen. „Ich war direkt von ihrer Arbeit begeistert“, sagt sie. Die 77-Jährige sei ohnehin immer auf der Suche nach Künstlerinnen und Künstlern. So arrangierte sie die Ausstellung „Bilder zum Anfassen“ im Nordgeorgsfehner Dörphus (Mittelende Nord 6). Diese findet von Sonntag bis Sonntag, 1. bis 8. Juni 2025, in der Zeit von 11 bis 18 Uhr statt. Der Eintritt ist frei.

Monika Gerjets (von links), Elfriede Keiser und Gudrun Haug stellen ihre Kunstwerke in Nordgeorgsfehn aus. Foto: Klaus Ortgies
Monika Gerjets (von links), Elfriede Keiser und Gudrun Haug stellen ihre Kunstwerke in Nordgeorgsfehn aus. Foto: Klaus Ortgies

Bisher habe Elfriede Keiser Ausstellungen immer nur besucht. Als Ausstellerin werde sie das erste Mal dabei sein. „Ich bin gespannt, welche Fragen die Leute stellen und wie die Menschen mit Sehbehinderungen reagieren“, sagt sie. Bisher hätten ihre Bilder nämlich noch keine blinden Personen ertasten können. Daher sei sie ebenfalls aufgeregt, ob ihre Idee in der Praxis auch klappt. Unterstützung erhält sie dabei von Organisatorin Gudrun Haug. „Wir werden über einige Bilder ein Laken hängen, damit auch sehende Personen sich ein wenig durchtasten können“, sagt sie.

Wie sieht der Blinden- und Sehbehindertenverband die Ausstellung?

Keiser hatte bereits mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen (BVN) wegen der Ausstellung Kontakt aufgenommen – genauer mit der Regionalstelle in Leer. Von Andrea Sweers gibt es Zuspruch: „Sehbehinderte Menschen können auf Bildern ohne starke Kontraste nicht viel erkennen. Ein Bild, was ertastet werden kann, ist da ein ganz besonderes Erlebnis.“ Solch ein Angebot gebe es in dieser Region sonst nicht. Der BVN in Oldenburg habe einmal solche Gemälde für blinde Menschen vorgestellt, erinnert sie sich. „Blinde Menschen haben dazu das Problem, dass sie in einer Ausstellung eigentlich nichts anfassen dürfen. Da muss dann immer jemand dabei sein, der einem das Bild beschreibt“, so Sweers. Deswegen sei die Einladung von Keiser auch „ganz besonders“.

Andrea Sweers und ihre Kolleginnen helfen mit ihrer Arbeit beim BVN sehbehinderten Menschen und deren Angehörige. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
Andrea Sweers und ihre Kolleginnen helfen mit ihrer Arbeit beim BVN sehbehinderten Menschen und deren Angehörige. Foto: Klaus Ortgies/Archiv

Allen, die die Ausstellung besuchen und gerne einmal eine andere Perspektive einnehmen wollen, rät Sweers: „Machen Sie einfach mal die Augen zu und versuchen Sie sich, das als blinder Mensch vorzustellen.“

Bei Skulpturen ist ebenfalls Tastsinn gefragt

Die Ausstellung sei aber nicht nur sehbehinderte und blinde Menschen interessant, macht Gudrun Haug klar. Um die 30 Exponate umfasst die Ausstellung. Darunter sind die Werke von Elfriede Keiser, aber auch Monika Gerjets. Die beiden Künstlerinnen arbeiten recht unterschiedlich. Während Keiser mit Strukturpaste und Naturmaterialien zu Werke geht, ist es bei Gerjets Pastellkreide. Besonders gern nehme sie sich Menschen und Tiere als Motiv – jedoch zweidimensional. Daneben werde es drei oder vier Skulpturen von ihr geben. Diese werden abgedeckt und sind dann für Besucher ertastbar.

Auf der Internetseite des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands gibt es einen Beitrag, der beschreibt, wie man unter anderem Kunst für Menschen mit Seheinschränkungen zugänglicher macht. Auch Ratschläge für Künstlerinnen und Künstler finden sich hier. Manche Darstellungsweisen seien unter Blinden bereits bekannt, beispielsweise eine Rillenstruktur für Wasseroberflächen. Außerdem sollten möglichst verschiedene Materialien verwendet und auf die Perspektive geachtet werden. „Von einem Haus sollte zum Beispiel die Vorderfassade abgebildet werden und nicht zusätzlich schräg eine Seitenwand. Tiere sollten entweder gerade von der Seite, von vorn oder oben dargestellt werden, nicht schräg“, heißt es. Mehr Informationen sind unter www.dbsv.org/guteabbildungen.html zu finden.

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