Nach Motorrad-Unfall  Stadt Emden prüft mobilen Sichtschutz gegen Gaffer

Stephanie Schuurman
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Von Stephanie Schuurman
| 14.05.2025 14:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Rettungsmaßnahmen improvisiert mit Decken verdeckt: Bei schweren Unfällen wie dem an der Petkumer Straße soll künftig ein mobiler Sichtschutz die Einsatzkräfte entlasten. Der Bus, der auf dem Foto zu sehen ist, war nicht am Unfall beteiligt. Fotos: Stephanie Schuurman
Rettungsmaßnahmen improvisiert mit Decken verdeckt: Bei schweren Unfällen wie dem an der Petkumer Straße soll künftig ein mobiler Sichtschutz die Einsatzkräfte entlasten. Der Bus, der auf dem Foto zu sehen ist, war nicht am Unfall beteiligt. Fotos: Stephanie Schuurman
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Handy-Filmen statt Hilfe – das Verhalten von Schaulustigen bei schweren Unfällen nimmt auch in Emden zu. Jetzt werden Maßnahmen gegen Gaffer ergriffen.

Emden - Da passiert am Montagabend, 12. Mai 2025, ein Unfall auf der viel befahrenen Petkumer Straße in Höhe der Score-Tankstelle in Emden. Noch ist reger Betrieb am nahegelegenen Einkaufszentrum. Doch statt weiter die geplanten Ziele zu verfolgen, strömen viele Menschen zum Ort des Unfallgeschehens, wollen offenbar nicht nur einen Blick auf den schwerstverletzten Motorradfahrer erhaschen, der zu diesem Zeitpunkt noch unter einem Bus eingeklemmt ist. Sie behindern auch massiv die Arbeit der Einsatzkräfte, die gerade alles daran setzen, den jungen Mann zu retten.

Ein Rettungshubschrauber kam zum Einsatz: Auch das zieht Gaffer offenbar magisch an.
Ein Rettungshubschrauber kam zum Einsatz: Auch das zieht Gaffer offenbar magisch an.

Das ist das Bild, das auch der Einsatzleiter der Feuerwehr, Andreas Lüppen, dieser Zeitung vor Ort nach der Versorgung des Verletzten aufzeichnet. „Im ersten Moment wurden wir hier von sehr vielen Schaulustigen behindert, die um den Bus herumstanden, die die ganze Zeit ihre Handys gezückt hatten und dabei filmten und Fotos gemacht hatten, was natürlich äußerst störend war und pietätlos ist.“

Schaulustige gefilmt

Trotz Vollsperrung der Straße bis in den späten Abend hinein müssen tatsächlich immer wieder Schaulustige von der Polizei aufgefordert werden, nach Hause zu gehen. Die Stadt bestätigt auf Nachfrage, dass in einem Fall die Polizei auch wegen unerlaubter Aufnahmen mit dem Handy gegen mindestens eine Person vorgehen musste. Aus polizeilicher Sicht, so schildert es der Polizeispressesprecher Eduard Dingis, konnten zunächst keine großen Zwangsmaßnahmen vor Ort gegen die Gaffer vorgenommen werden. Anfangs seien nur vier Polizeibeamte vor Ort gewesen, die angesichts der Schwere des Unfalls anderes zu tun hatten, als die Personalien der Gaffer aufzunehmen. Es seien aber Aufnahmen von Schaulustigen gefertigt worden und einige durch „leichtes Zurückführen“ vom Unfallort verdrängt worden. Inwieweit gegen die Gaffer ermittelt wird, sei noch offen.

Der Hubschrauber landete kurz hinter dem Unfallort auf dem Sportplatz an der Petkumer Straße.
Der Hubschrauber landete kurz hinter dem Unfallort auf dem Sportplatz an der Petkumer Straße.

War diese Szenerie nun ein Einzelfall, ist sie also ein Höhepunkt despektierlichen Verhaltens von Schaulustigen, oder ist das Gaffen inzwischen ein generelles Problem bei Einsätzen in Emden? Diese und weitere Fragen haben wir an die Stadt Emden gestellt.

Kein Einzelfall

Stadtsprecher Eduard Dinkela sagt: „Leider handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Das Phänomen des sogenannten ,Gaffens‘ begleitet die Feuerwehr, den Rettungsdienst und die Polizei auch in Emden zunehmend.“ Der stellvertretende Leiter der Hauptberuflichen Wachbereitschaft, Reno Oostinga, ergänzt: „Besonders bei schweren Verkehrsunfällen, Bränden oder spektakulären Einsatzlagen beobachten wir seit Jahren ein wachsendes Interesse von Unbeteiligten, die teils massiv in den Einsatzbereich eindringen, filmen oder fotografieren. Der gestrige Vorfall stellt insofern eine weitere Ausprägung dieses Problems dar – ist also leider kein Einzelfall.“

Schaulustige würden dabei die Arbeit auf mehreren Ebenen behindern. Sie versperren Zufahrts- und Rettungswege, halten sich im unmittelbaren Gefahren- oder Arbeitsbereich auf, lenken Einsatzkräfte durch Rückfragen oder falschem Verhalten ab, dokumentieren mit Handys sensible Situationen und verletzen damit Persönlichkeitsrechte der Betroffenen, zählt der Feuerwehr-Leiter auf. „Im konkreten Fall mussten Kräfte zusätzlich zum eigentlichen Einsatz Maßnahmen ergreifen, um den Sichtschutz herzustellen – das bindet Personal und kostet wertvolle Zeit“, so Oostinga.

Künftig mobile Sichtschutzsysteme

Bei dem schweren Unfall an der Petkumer Straße mussten Rettungskräfte improvisieren, um den Blick der Gaffer auf die Rettungsmaßnahmen zu verhindern. Künftig könnten auch Sichtschutzsysteme in Emden zum Einsatz kommen, wie es auch aufgrund des aktuellen, spontanen Einsatzes von Decken zum Schutz der Privatsphäre des Verletzten seitens der Stadt heißt. „Wir prüfen aktuell den erweiterten Einsatz mobiler Sichtschutzwände, wie sie bereits in anderen Städten bei Feuerwehr oder Polizei zum Einsatz kommen. Parallel läuft die Schulung unserer Einsatzkräfte im Umgang mit solchen Situationen, auch in enger Abstimmung mit der Polizei.“

Und wie will die Stadt künftig gegen Gaffer vorgehen? Das Fotografieren und Filmen von Unfallopfern sowie das Verbreiten solcher Inhalte ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern kann auch strafrechtlich relevant sein (§ 201a StGB – Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen), warnt Dinkela. „Wir setzen auf eine Kombination aus: Konsequenter Ahndung, Aufklärung und technischen Maßnahmen.“ So würden in Zusammenarbeit mit der Polizei Anzeigen gegen Gaffer geprüft und bei entsprechender Rechtslage erstattet. Es erfolge Öffentlichkeitsarbeit, besonders in Schulen und über soziale Medien, um auf die Folgen von Gaffer-Verhalten hinzuweisen. Außerdem würde jetzt eben auch die Anschaffung mobiler Sichtschutzsysteme geprüft. „Wir appellieren eindringlich an die Bevölkerung, im Ernstfall Abstand zu halten, keine Aufnahmen zu machen und den Einsatzkräften den notwendigen Raum und Respekt zu gewähren“, betont Dinkela.

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