Besonderes Erinnerungsstück Ostfriese sichert sich beim HSV-Aufstieg den Spielball
Nach der Bundesliga-Rückkehr haben sich am Samstag unglaubliche Szenen im Hamburger Volkspark-Stadion abgespielt. Einige Ostfriesen waren mittendrin – und ergatterten nicht nur Rasenstücke.
Hamburg - Unmittelbar nachdem der Hamburger SV seinen siebenjährigen Kampf um die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga endlich gewonnen hatte, begann für Jost Hinrichs aus Wittmund ein ganz persönlicher um den „Aufstiegs-Spielball“. Der 35-Jährige war einer der ersten Fans, die am Samstagabend nach dem 6:1-Sieg des Hamburger SV gegen den SSV Ulm auf den Rasen im Volkspark-Stadion stürmten. Eigentlich wollte er sich eine der Eckfahnen ergattern. Doch dann kullerte der Spielball, zuletzt berührt vom Hamburger Verteidiger William Mikelbrencis, auf einmal vor ihm. „Per Hechtsprung habe ich mich auf den Ball geworfen“, erzählt Jost Hinrichs. „Eine Sekunde später wurde ich schon von einem anderen Fan von hinten umgegrätscht, der auch den Ball haben wollte.“ Doch der Ostfriese verteidigte das historische Spielgerät.
Erstmal versteckte Hinrichs den Ball unter seinem Trikot. „Ich war dann auch nicht mehr lange auf dem Rasen, das war mir mit dem Ball zu gefährlich. Ich habe mich erstmal kurz an die Bande gesetzt, um klarzukommen, bin dann auf die VIP-Tribüne und habe mir das Spektakel von oben angeschaut“, berichtet das Mitglied des 2023 gegründeten HSV-Fanklubs „Wittmunder Bulli-Crew“.
Kommt der Ball ins HSV-Museum?
Auch am Montag war Jost Hinrichs noch überwältigt vom Hamburger Aufstieg, dem Erlebnis im Volksparkstadion und seinem besonderen Erinnerungsstück. „Wir haben schon überlegt, was der Ball wohl wert ist. Aber ich denke, der macht sich in einer Vitrine bei mir im Büro auch ganz gut“, sagt Hinrichs. „Wenn der HSV aber Interesse an dem Ball haben und ihn im Museum ausstellen wollen sollte, würde ich bereits sein, den Ball abzugeben. Vielleicht zeigt sich der Verein ja auch erkenntlich.“ Der Wittmunder zeigte bereits Eigeninitiative und schrieb den HSV schon über Instagram an. Angehängt hat Jost Hinrichs auch ein Video, das zeigt, wie sich der Ostfriese auf den Ball wirft – und dann von hinten umgegrätscht wird.
Es waren teils wilde Szenen, nachdem es zum mittlerweile üblich gewordenen Platzsturm bei geschafften Aufstiegen gekommen war. Zum einen pure Jubel-Extase, zum anderen wollte sich jeder ein Erinnerungsstück sichern. Die Eckfahnen, Tornetze – und eben der Spielball – waren heiß begehrt und schnell vergriffen. Somit gingen die meisten, die sich etwas ergattern konnten, mit einem Stück „Aufstiegsrasen“ nach Hause.
Dirks beim Abstieg und Aufstieg im Stadion
„Das Stück will ich gerne für immer behalten. Ich habe schon eine Firma kontaktiert, die Rasen mit Kunstharz praktisch konserviert“, sagt Jens Dirks, der ebenfalls zum Fanklub „Wittmunder Bulli-Crew“ gehört. „Ich habe bei mir schon ein Stück WM-Finalrasen von 2006 aus Berlin stehen. Eine Firma hatte den damals aufgekauft und zertifiziert verkauft.“ Jens Dirks spricht von einem „überwältigenden“ Erlebnis am Samstag im Volksparkstadion. „Das war mit Abstand das Geilste. Dagegen war der Abstieg, bei dem ich auch im Stadion war, das Niederschmetterndste, was ich erlebt habe.“ Am 13. Mai 2018 hatte der HSV trotz eines 2:1-Sieges gegen Gladbach den Gang in die 2. Liga nicht verhindern können. Jetzt, sieben Jahre später, gelang die ersehnte Bundesliga-Rückkehr.
Die Ticket-Nachfrage für das mögliche Aufstiegsspiel des HSV gegen Ulm war gigantisch, mehrere HSV-Fanklubs aus der Region waren bei den Karten leer ausgegangen. Der Fanklub aus Surwold hatte dagegen Glück und erhielt 20 Tickets. Manche davon gingen auch an Ostfriesen. So durften René Janssen, Jugendtrainer und Herrenspieler bei Viktoria Flachsmeer, sein Vater Stefan Janssen (erweiterter Viktoria-Vorstand) und sein Cousin Christopher das 6:1 gegen Ulm und die anschließenden Feierlichkeiten miterleben. Sie nahmen mehrere Stücke Rasen mit. In den Sozialen Netzwerken wurde vom Profil von Viktoria Flachsmeer angekündigt, dass „heiliger HSV-Rasen“ auf dem Flachsmeerer Platz eingearbeitet werden solle. „Für uns wäre das in Ordnung“, sagt René Janssen. Das letzte Wort ist da aber noch nicht gesprochen. „Ich bin Werder-Fan und tue mich mit einem Hamburger Rasen bei uns schwer“, sagt Viktoria-Vorsitzender André Hessenius. Gut möglich, dass der HSV-Rasen demnächst auf der Tagesordnung einer Flachsmeerer Vorstands-Sitzung stehen wird.
Von der Reeperbahn in die Bezirksliga-Startelf
Auch Keno Hinrichs, der Torjäger von Fußball-Bezirksligist SV Hage, ist großer HSV-Fan und hatte sich ein Stück Rasen gesichert. „Ich habe mir bewusst Rasen direkt neben dem Elfmeterpunkt gegriffen. Ich mag Elfmeter“, sagt Hinrichs. In dieser Saison hat er acht von acht Elfmetern verandelt. „Saisonübergreifend sind es sogar 14 Elfmeter in Folge“, berichtet der Angreifer durchaus stolz. Er hatte einiges versucht, um für das HSV-Spiel gegen Ulm ein Ticket zu bekommen. „Letztendlich hatte ich bei Ebay ganz viel Glück – zwei Tickets für jeweils 80 Euro“, erzählt der 24-Jährige. „Ich war erstaunt, als die Tickets nach zwei Tagen ankamen. Ich bin auch schonmal auf Betrüger reingefallen.“ Doch die Tickets waren echt. Am Samstag-Vormittag fuhr Keno Hinrichs mit einer Freundin nach Hamburg – mit dabei hatte er da auch schon seine Fußball-Tasche.
Denn am Sonntag-Nachmittag stand noch das Bezirksliga-Spiel beim TuS Pewsum an. „Bis halb sechs habe ich noch auf der Reeperbahn gefeiert. Nach dreieinhalb Stunden Schlaf im Hostel ging es dann direkt nach Pewsum. Leider standen wir im Stau, sodass wir erst um kurz nach 14 Uhr ankamen“, erzählt Keno Hinrichs. Anstoß war um 15 Uhr. „In der Kabine sah ich dann meinen Namen auf der Tafel. Ich sollte von Beginn an spielen.“ Zu seinen 20 Saisontoren kam am Sonntag keines dazu, Hage verlor mit 2:4, Keno Hinrichs wurde in der 78. Minute „erlöst“. „Es war ein harter Tag. Im Spiel ist mir auch nicht so viel gelungen“, sieht der Blondschopf ein. „Aber mein Trainerteam wusste Bescheid, alles war angekündigt. Die sind auch selber HSV-Fans.“