Schädling Nagekäfer Der Holzwurm nagt auch an Ostfrieslands Kirchen
Die Kirche in Sengwarden wurde zwecks Schädlingsbekämpfung in Folie eingepackt. Nagekäfer hatten sich am historischen Holz zu schaffen gemacht. Droht so eine Fressattacke auch ostfriesischen Kirchen?
Sengwarden/Ostfriesland - Da hatte es sich ein kleiner Schädling richtig gemütlich gemacht in einer großen Kirche: Gleich zwei Sorten Nagekäfer hatten sich über Jahre hinweg zuhauf genüsslich durch das Gebälk der Dachkonstruktion und das Mobiliar der St.-Georgs-Kirche zu Sengwarden (Wilhelmshaven) gefuttert. Die frechen Viecher waren vielerorts im Kirchenraum zugange: der gescheckte Nagekäfer und der gemeine oder gewöhnliche Nagekäfer, im Volksmund auch Holzwurm genannt, fühlten sich hier augenscheinlich pudelwohl.
Joachim Wießner, Sachverständiger für Holz und Bautenschutz aus Lastrup, hat sie eine Weile beobachtet, um die Dimension des Befalls zu ermitteln. Ursprung allen Übels war aus Sicht des Experten eine undichte Stelle am Dach der Kirche. Holz wurde feucht, ein Pilz siedelte sich an: „Der Pilzbefall ist die Grundlage für den Befall durch den Nagekäfer.“ Die Larven des Käfers fressen sich durchs Holz, hinterlassen dabei charakteristische Löcher und zerbröseltes Holz. Humus. Wießner klebte Löcher ab und machte die Aktivitäten der Insekten durch ein spezielles Messgerät sichtbar. Erhebliche Aktivitäten, die die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde unterbinden wollte. Wießner riet zum Einsatz von Gas. Das sei eine biozidfreie Möglichkeit, den kompletten Befall zu töten – ohne das teils Jahrhunderte alte Holz weiter zu schädigen.
Schwarz, Rot, Gold – aber mit System
Die Firma Binker Materialschutz GmbH aus der Nähe von Nürnberg ging folgendermaßen vor: Erst wurde die Kirche hübsch und vor allem so eingepackt, dass kein Gas entweichen konnte. Dann wurde das Innere über drei Tage hinweg begast. Erst als alle Tiere nachweislich das Zeitliche gesegnet hatten, wurde ordentlich durchgelüftet. Eine in Folie eingepackte Kirche ist weithin sichtbar und wirft Fragen auf: Handelt es sich um die Neuauflage der Kunstaktion aus dem Jahr 1995 von Christo und Jeanne-Claude, die den Berliner Reichstag einpackten? Oder aber: Wieso sieht das Dach der Kirche aus wie ein Zirkuszelt?
Binkers gasdichte Spezialplanen mit einer Größe von bis zu 24 mal 15 Metern sind schwarz, rot und gold gestreift. Das habe System: „Für uns sind diese Farbübergänge essenziell“, erklärt Geschäftsführer Joachim Binker auf Nachfrage. Die Farben dienten der Orientierung. „So sehen wir genau, wie die Planen laufen.“
Für die Schädlingsbekämpfer sei der Auftrag eine große Herausforderung gewesen. Schuld daran waren gleich mehrere Faktoren: Die Größe der Kirche, ihre Lage auf einer Warft und der Friedhof samt der Gräber und der Friedhofsmauer drumherum. Zu guter Letzt musste auch noch das norddeutsche Wetter samt Wind und Regen bedacht werden.
Wenn der Nützling zum Schädling wird
Obwohl sie oft Kirchen mit Planen einhausen, sei diese doch eine Besonderheit, erzählt der Schädlingsbekämpfer. Die Firma ist seit 1966 auf das Begasen von Pilzen, Holzwürmern oder Bettwanzen spezialisiert und mit 20 Mitarbeitern europaweit unterwegs. Normalerweise kämen dabei große Hebebühnen zum Einsatz. Hier aber war die gesamte Kirchenfassade eingerüstet. Mit Seilen gesichert haben die Männer wie Industriekletterer die bis zu 250 Kilogramm schweren Planen auf dem Kirchendach in Position gebracht, ausgelegt und nach Abschluss der Begasung wieder entfernt.
Obwohl der Nagekäfer im Wald ein Nützling ist, wird er in einer Kirche zum Schädling: Entdeckt man dort sogenanntes Bohr- oder Fraßmehl, gibt es ein Problem, weiß Binker. „Das ist immer ein Zeichen: Da frisst was im Holz.“ Oder hat zumindest zu einem früheren Zeitpunkt gefressen. Im Kirchenkreis Harlingerland schauen die Küster darum stets ganz genau hin: Auch hier ist der Holzwurm immer wieder ein Thema, heißt es auf Nachfrage. Allerdings stets in kleinem Rahmen – und es werde sofort gehandelt, sobald etwas auffällt. Das bestätigt auch Claudia Brüggemann vom Kirchlichen Bauamt Ostfriesland in Aurich. Vereinzelt tauche der Nagekäfer in den Kirchenkreisen Harlingerland, Norden, Aurich, Emden-Leer oder Rhauderfehn zwar auf – große Maßnahmen wie die in Sengwarden aber seien vergleichsweise selten. Davon habe es in 20 Jahren lediglich drei gegeben.
Er nagt auch an Ostfrieslands Kirchen
Vor allem, wenn die Käfer – wie in Sengwarden – im Dachstuhl sitzen, bleiben sie lange unentdeckt, so Binker. „Bei alten Kirchen hatten sie über Jahrzehnte Zeit, sich zu entwickeln.“ Wießner sagt, auch das sei noch kein Grund zur Panik. Es dauere, bis ein Befall für die Substanz eines Gebäudes gefährlich werden kann. Der 73-Jährige schätzt, dass er in seinen 50 Jahren als Sachverständiger 3000 bis 4000 Kirchen untersucht hat. Ohne Holzwurm, Nagekäfer oder ihren Verwandten, den Hausbock, komme auch in Ostfriesland kaum eine Kirche durch die Jahrhunderte: „In vielen Fällen kann man mit dem Befall leben.“ Möglicherweise muss man es auch, aus Kostengründen. Manchmal reiche schon die Verbesserung des Raumklimas aus. Eine bessere Belüftung beispielsweise – und der Käfer zieht weiter.
Über das Vorkommen von Holzwurm und Co. sagt Sven Rathjen: „Wenn man genau hinguckt, wird man in jeder Kirche Spuren finden.“ Er ist beim Monumentendienst für die Inspektion historischer Gebäude zuständig. Der Monumentendienst betreut mit seinen Inspektionsleistungen derzeit 102 Kirchen im Weser-Ems-Gebiet, davon 29 in Ostfriesland. „Ein Loch an sich ist noch kein Indiz für einen aktiven Befall“, unterstreicht er. Holzschädlinge können sich – je nach Art – in jedem Gebäude einnisten. Rathjen berät die Eigentümer und gibt Handlungsempfehlungen. Pauschale Lösungen gebe es nie.
Stets aber gilt: „Nicht in Panik verfallen.“ Schnell handeln müsse man selten. Beispielsweise dann, wenn die Tiere sich durch ein mittelalterliches Altarbild fressen. Der Monumentendienst bietet wie auch Wießner ein spezielles Monitoring an, mit dem sie der Intensität des Befalls auf den Grund gehen können. Damit können sie auch feststellen, um welche Arten es sich überhaupt handelt. Rathjen: „Der gewöhnliche Nagekäfer ist ganz, ganz häufig.“ Aber es gibt auch Exoten. Durch die Globalisierung sei die Vielfalt größer geworden. „Egal für welche Holzart – es gibt die passenden Insekten und Pilze“, macht Wießner deutlich.