Haren  „Das schlimmste war der Hunger“: Hildegard Westenbergs Flucht vor der Roten Armee

Finja Jaquet
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Von Finja Jaquet
| 11.05.2025 20:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mit zehn Jahren musste Hildegard Westenberg mit ihrer Familie überstürzt ihre Heimat verlassen. Dass sie alle die Flucht überlebten, grenzt an ein Wunder. Foto: Lars Schröer
Mit zehn Jahren musste Hildegard Westenberg mit ihrer Familie überstürzt ihre Heimat verlassen. Dass sie alle die Flucht überlebten, grenzt an ein Wunder. Foto: Lars Schröer
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Als die Rote Armee näherrückte, floh die zehnjährige Hildegard Westenberg mit ihrer Familie aus Pommern. Die Geschichte einer dramatischen Flucht über die Ostsee, die sie bis ins Emsland führen sollte.

Chaos. Wenn Hildegard Westenberg (geb. Otte) zurückdenkt an die schreckliche Flucht aus ihrer Heimat, ist es dieses Bild, das ihr in den Sinn kommt. Hunderte Menschen sammelten sich in den Straßen Kolbergs (heute Kołobrzeg in Polen) an jenem 2. März 1945. Niemand hatte einen Plan, aber alle dasselbe Ziel: raus aus der Stadt und weg von der näher rückenden Front.

Mittendrin stand Familie Otte: Mutter, Vater, Großeltern, Schwester und die kleine Hildegard, gerade einmal zehn Jahre alt. Zuvor waren sie im Dunkel der Nacht und bei Schnee und Eis aus ihrem 30 Kilometer entfernten Wohnort Körlin geflohen, dem bereitgestellten Lastwagen der Firma ihres Vaters sei Dank.

Bis zu jenem Tag blieb es ruhig in dem damals rund 5000 Einwohner zählenden Ort. „Die ersten Flüchtlingstrecks aus Schlesien und Preußen zogen Mitte Februar bei uns durch. Da haben wir natürlich die Horrorgeschichten von den Russen gehört“, erinnert sich die heute 90-Jährige.

Die Berichte von Erschießungen von Zivilisten, Vergewaltigungen und Plünderungen lösten Angst bei den noch Verbliebenen aus. Aber man hatte wohl nicht gedacht, dass die Front noch weiter vorrücken würde: So war für dieses Wochenende, das in einer überstürzten Flucht endete, eigentlich die Konfirmation Hildegards älterer Schwester vorgesehen.

In Kolberg angekommen, fand die Familie ein Hotel, in dem sie eine Nacht bleiben konnte. Am nächsten Tag ging das Chaos weiter: abends, so berichtet Westenberg, wurden sie zur westlich gelegenen Maikuhle geschickt, einem Ausflugsort. Laut mehrerer Zeitzeugenberichte sollten so insbesondere die Frauen und Kindern vor dem erwarteten Beschuss Kolbergs in Sicherheit gebracht werden. Was man nicht wusste: Die Rote Armee und die 1. Polnische Armee hatten die Stadt zu diesem Zeitpunkt bereits eingekesselt – die Maikuhle erwies sich für viele als Todesfalle.

Die Ottes hatten Glück im Unglück, aber nicht für lang: Zurück in der Stadt wurde der Vater, der zuvor im Einsatz in Russland ein Bein verloren hatte, von der Familie getrennt und tauchte nicht wieder auf. Allein mit den Großeltern und den beiden Töchtern lag es nun an der Mutter, sie alle in Sicherheit zu bringen.

Und die versprach angesichts der belagerten Stadt nur der Seeweg. Mit dem letzten Boot, so erzählt Westenberg, verließen sie die Stadt unter dem Beschuss von sowjetischen Tieffliegern und erreichten knapp ein vor der Küste liegendes Frachtschiff. In den Ladeluken untergebracht, verbrachten sie dort drei Tage – mangels Kohle war eine Weiterfahrt nicht möglich.

„Das schlimmste war der Hunger“, erzählt die 90-Jährige, „pro Tag gab es ein Brot für zehn Personen. Mittags wurden Graupen in Wasser gekocht und dann gab es je eine Kelle voll Graupen. Aber ohne sonst irgendwas dabei.“ Für das damals zehn Jahre alte Mädchen war diese Zeit wie ein Fiebertraum, doch 80 Jahre später erzählt Westenberg gefasst von ihren Erlebnissen.

Abermals hatte die Familie großes Glück, als ihre Luke die erste war, die wieder geräumt wurde – erst später erfuhren sie, dass der Frachter getroffen wurde und mit vielen Menschen in der Ostsee versank. Mit einem Boot erreichten die Ottes die in Trümmern liegende und brennende Stadt Swinemünde.

In einem Güterzug fand die Familie mit 72 weiteren Menschen Platz in einem Viehwaggon, es ging gen Westen. Manch einer hat die mit der Flucht verbundenen Strapazen nicht überstanden: „Oft waren die Gleise kaputt geschossen. Dann musste der Zug wieder zurück. Und sobald er hielt, sind alle raus. Dann wurden die Toten an die Seite gelegt und es ging irgendwie weiter“, so Westenberg.

Sie habe versucht, nicht hinzusehen, nicht wahrzunehmen, wie die Leichen abgelegt wurden. „Man will das ja gar nicht wahrhaben. Solange man nicht direkt selbst betroffen ist, verdrängt man das“, erklärt die Zeitzeugin.

Am 19. März 1945 endete die Fahrt im emsländischen Lingen, wo am Bahnhof bereits Bauern warteten, denen die Flüchtlinge zugeteilt wurden. So kamen die Ottes nach Altenlingen: „Als wir ankamen, sind wir durch eine Stube geleitet worden in eine kleine Kammer. Da wurden dann zwei Strohsäcke reingeworfen, ansonsten war nichts drin.“

Zwei Jahre sollten sie dort verbringen, ehe sich die Wohnsituation verbesserte. In der Zwischenzeit erhielten sie endlich ein Lebenszeichen des verloren gegangenen Vaters, der es bis nach Mecklenburg geschafft hatte. „Als er 1947 endlich angekommen ist, kam ich gerade vom Englischunterricht und mitten auf der Brücke stand dann plötzlich mein Vater vor mir. Das war himmlisch. Das kann man einfach nicht beschreiben“, erinnert sich Westenberg.

Trotz seiner Kriegsverletzung war er irgendwie schwarz über die sowjetische Grenze gekommen. Von da an ging es aufwärts für die Ottes: Der Vater fand einen Job in einem Lingener Sanitätshaus und sie erhielten eine komfortablere Unterkunft. Nach Kriegsende war nämlich klar: Zurück nach Körlin können sie nicht – das Gebiet wurde im Rahmen des Potsdamer Abkommens an Polen abgetreten.

Heute bewahrt Hildegard Westenberg ein kleines Marmeladenglas mit Erde bei sich zu Hause auf. Es ist Körliner Erde und damit für sie weit mehr, als nur ein paar Krümel Ackerboden. Zwar hatte sie früher mitunter Sehnsucht nach der alten Heimat, „aber wenn man als Kind die Eltern bei sich hat, ist alles halb so schlimm“.

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