Sylt Bei Oliver Wnuk wurde eingebrochen – „Nord Nord Mord“-Star im Interview
Am Montag läuft eine neue Folge des Sylt-Krimis „Nord Nord Mord“. Im Interview berichtet Hauptdarsteller Oliver Wnuk, wie er selbst kürzlich zum Opfer eines Verbrechens wurde – und was das in ihm ausgelöst hat.
In den Sylter TV-Krimis des ZDF sorgt Oliver Wnuk für Recht und Ordnung. Im Privatleben haben Einbrecher ihm die Wohnung ausgeräumt. Seitdem hat der 49-Jährige sein Verhältnis zum Besitz gründlich überdacht. Wir haben mit dem „Nord Nord Mord“-Ermittler über den Einbruch und seinen 50. Geburtstag gesprochen, über den Sylter Wohnungsmarkt – und über einen überzähligen Zeh, der Schlagzeilen macht, obwohl es ihn gar nicht gibt.
Frage: Herr Wnuk, vor einigen Jahren haben Sie mir mal einen Fragebogen ausgefüllt. Eine der Fragen lautete: Verraten Sie uns etwas, das noch keiner von Ihnen weiß.
Antwort: Ach, Sie waren das! War meine Antwort, dass ich am einen Fuß einen sechsten Zeh habe?
Frage: Exakt. Stimmt das denn? Oder war das ein Witz?
Antwort: Es stimmt nicht. Aber obwohl ich diesen sechsten Zeh gar nicht habe, hat er eine enorme Eigendynamik entwickelt. Ich wurde zu einem Quiz eingeladen, in dem Prominente die besonderen Eigenschaften anderer Prominenter erraten mussten. Da sollte ich diesen sechsten Zeh zeigen. Und mit Anneke Kim Sarnau habe ich die Komödie „Rosen und Reis“ gedreht. Meine Figur hat darin wirklich einen sechsten Zeh und benutzt ihn als Masche, um Frauen aufzureißen. Das Drehbuch macht den Fragebogen-Witz also wahr.
Frage: Muss ich mich für das, was ich da ausgelöst habe, entschuldigen?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Geschrieben habe ich die Antwort ja selbst. Es kam mir damals wie ein zu schlichter Journalisten-Trick vor, nach Dingen zu fragen, die keiner weiß. Da hatte ich einfach Lust, was Albernes zu erfinden.
Frage: Auf die Frage nach Tieren in Ihrem Leben haben Sie mit „Schnee und Flocke“ geantwortet. Sind das Katzen?
Antwort: Ja, das waren norwegische Waldkatzen; eine ist seitdem gestorben. Über Schnee habe ich sogar ein Kinderbuch geschrieben: „Die Hochhauskatze“.
Frage: Inzwischen sind Sie aus Berlin an den Starnberger See gezogen. Wohnen Sie dort immer noch mit Tieren zusammen?
Antwort: Nein, aber jetzt kann ich die Tiere vor meiner Haustür angucken – und sogar füttern. Ich wohne sehr, sehr einsam auf dem Land. Ich habe mir eine Umgebung ausgesucht, in der ich mehr Tiere als Menschen treffe. Überall um mich herum sind Eichhörnchen, Buchfinken und Krähen.
Frage: Was haben Sie beim Umzug weggeworfen? Und was haben Sie doch noch mal eingepackt?
Antwort: Ich bin mit sehr wenig umgezogen. Seit mehreren Jahren lebe ich wieder allein und ich fand es damals befreiend, so wenig Besitz wie möglich mitzunehmen. Ich habe auch lange überlegt, ob ich mir noch mal einen Plattenspieler kaufe – weil ich dann auch wieder anfangen müsste, Platten zu sammeln. Das habe ich dann aber doch getan. Es tut mir gut, dass ich mit relativ wenig Aufwand meine Sachen packen könnte. Und dass es keine große Arbeit macht würde, alles wegzuschaffen, wenn ich irgendwann nicht mehr bin.
Frage: Ein gutes Prinzip, aber schwer durchzuhalten, oder?
Antwort: Letztes Jahr, kurz bevor ich aus Berlin weggezogen bin, wurde bei mir eingebrochen. Es wurde viel geklaut, und das hatte auch was Befreiendes. Ich drücke es mal theatralisch aus: In dem Moment ist mir klargeworden, dass einem gar nichts gehört und man alles nur geliehen hat. Ich habe da auch gemerkt, wie leicht man sich mit den Dingen identifiziert, die man so ansammelt. Wenn mir jemand eine Schramme ins Auto fährt, kränkt das mein Ego – als wäre das Auto ein Teil von mir. Als mir das auffiel, habe ich beschlossen, mehr in die Reduktion zu gehen.
Frage: Was haben die Einbrecher denn geklaut? Ich dachte, die nehmen heutzutage nur noch Bargeld mit.
Antwort: Bei mir waren es der Computer und das iPad und wirklich auch Bargeld. Es war schon erheblich. Die konnten es nicht wissen, aber damals hatte wirklich eine gewisse Summe zuhause. Weil ein Freund mir gerade vorher geraten hatte: Wart ab, bald kommt der Blackout; und wenn die Geldautomaten nicht mehr funktionieren, brauchst du Bares.
Frage: Einer wusste dann natürlich schon, dass Geld im Hause war: der Freund, der Ihnen den Rat gegeben hat.
Antwort: Haha, das stimmt natürlich.
Frage: Den Diebstahl eines Computers stelle ich mir gar nicht befreiend vor – der Datenverlust, all die Passwörter … Das bringt doch lauter Scherereien mit sich.
Antwort: Stimmt, natürlich war ich nicht froh, den Computer los zu sein. Wenn man bestohlen wird, fühlt man sich erstmal hilflos. Vor allem, wenn es wie hier ein wirklich großer Diebstahl ist. Dann bilanziert man: Das haben sie also auch geklaut, das auch und das auch noch. Das ist ein Schock und fühlt sich fast wie Trauer an. Erst kommt ein starkes Ohnmachtsgefühl. Aber dann kommt die Leichtigkeit: Lass los! Du brauchst das alles nicht. Für den Fall, dass jemand meine Adresse rauskriegt, richte ich hier also eine Botschaft an alle Einbrecher: Bei mir ist wirklich nichts zu holen – mit Ausnahme von 56 Schallplatten, die ich inzwischen schon wieder habe.
Frage: Viele Leute kaufen sich ja gerade deshalb Immobilien, damit das Geld nicht unter der Matratze liegt. Leben Sie in Eigentum?
Antwort: Nein – wenn ich das von einer Wohnung am Starnberger See sagen würde, käme auch ein ziemlich falscher Eindruck auf. Ich sollte öffentlich keine Finanztipps geben. Mit Kollegen spreche ich aber oft und gern über Geld. Und ich bin immer wieder überrascht: Man trifft Leute, die ihr Leben völlig im Griff haben, aber mit Geld nicht umgehen können. Dabei ist das gerade in meinem Beruf extrem wichtig. Bei Schauspielern kommt das Geld sehr unregelmäßig. Und es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, überhaupt davon zu leben. Finanzielle Bildung ist deshalb genauso wichtig wie eine Schauspielausbildung. Aber wenn man als Kind keine Eltern hat, die das können, lernt man das nur schwer. An der Schule spielt es ja auch keine Rolle.
Frage: Wie war denn Ihre familiäre Prägung in Gelddingen?
Antwort: Meine Eltern sind im absoluten Mangel groß geworden. Mein Großvater war Friseur. Meine Mutter ist vor Franco nicht gerade geflüchtet – aber doch sehr bewusst aus Andalusien nach Frankreich gegangen. Da war die Familie dann über mehrere Jahre mehr oder weniger obdachlos. Und mein Vater hat mit 14 seinen Vater verloren und musste arbeiten. Geld – bzw. Dinero – war am Küchentisch immer ein Thema. Später wurde mein Vater Geschäftsführer und hat gut verdient. So wurden wir also geprägt: Mit einem großen Bewusstsein dafür, dass Geld eine Notwendigkeit ist und man sich kümmern muss.
Frage: Nicht nur Sie sind umgezogen. Im neuen „Nord Nord Mord“-Krimi macht das auch Ihr Inselpolizist. Worauf werden Sie öfter angesprochen – auf die Sylter Mordrate, die im ZDF viel höher ist als die echte? Oder darauf, dass reale Polizisten auf Sylt nicht so schön wohnen könnten?
Antwort: Das Wohnen ist natürlich ein ständiges Thema auf Sylt. Bei den Gastronomen, bei allen Leuten, die dort arbeiten: Viele Sylter verlassen wegen der Mieten die Insel. Auf dem Festland wohnen ist aber auch schwierig, weil die Züge nicht immer pünktlich sind. Die Mieten sind auf Sylt ein Riesenproblem. Gleichzeitig herrscht hier eine verrückte Art von Leerstand, weil viele Leute Villen kaufen, die sie nur zwei Wochen im Jahr bewohnen.
Frage: Ihre Figur Hinnerk und Ina, seine Kollegin und Mitbewohnerin, landen wegen Eigenbedarfs auf der Straße. Wissen Sie, wo die beiden im nächsten Krimi hinziehen?
Antwort: Natürlich weiß ich das – und schweige. Als ich im Drehbuch gelesen habe, dass sie auseinanderziehen, war ich ein bisschen entsetzt. Zwei Menschen, die auf so engem Raum miteinander auskommen müssen, finde ich spannend – für die Zuschauer und auch für uns Schauspieler. Bei „Nord Nord Mord“ interessieren mich, ehrlich gesagt, nicht die Fälle, sondern das Menschliche.
Hier sehen Sie den Trailer zur neuen „Nord Nord Mord“-Folge „Sievers und der tiefe Schlaf“:
Frage: Küstenkrimis sind ungeheuer beliebt, vom Titel her aber nicht ganz leicht zu unterscheiden. Werden Sie von den Fans manchmal für „Nord bei Nordwest“ gelobt?
Antwort: Es gibt ja den Spruch einer Schweizer Kräuterbonbon-Firma: Wer hat‘s erfunden? Und ich glaube zu wissen, dass wir die ersten waren. Und dass es nur deshalb so viele Küstenkrimis gibt, weil wir vorgelegt haben. (Lacht.) Dass man mit den Titeln durcheinanderkommt, gebe ich zu. Die Redaktionen sind ja unempfindlich: Nord Nord Mord, Nord bei Nordwest, Nord-Ost-Killer, Nord-Dingsbums, Ostfriesending. Womöglich will man den Zuschauer sogar absichtlich verwirren. Es schadet ja nicht, wenn die Leute auch dann den Ostseekrimi einschalten, wenn sie eigentlich die Nordsee sehen wollen.
Frage: Axel Milberg hat darüber gefrotzelt, dass alle seine Kieler „Tatorte“ denselben Titel hatten: Borowski und das Meer, Borowski und das Haus am Meer, Borowski und das Land zwischen den Meeren.
Antwort: Titelfindungen sind immer ein großes Thema.
Frage: Im Sylter Revier ist Peter Heinrich Brix Ihr Vorgesetzter. Sie sind dafür dienstälter. Die Reihe drehen Sie ja von Anfang an, seit 2010. Da war Robert Atzorn noch der Kommissar. Mussten Sie den Nachfolger Brix erstmal anlernen?
Antwort: Wie man spielt, weiß der schon selber. Wir kannten uns von früheren Filmen. Und als klar war, dass er bei „Nord Nord Mord“ Kommissar wird, habe ich noch eine Gastrolle in seiner Serie „Neues aus Büttenwarder“ übernommen. Kurz vorher hatten wir uns dann noch mal getroffen und abgeklopft, wie es auf Sylt wird.
Frage: Bei Drehschluss gibt es an anständigen Sets eine Party. Mit wem feiert man besser – mit Atzorn oder mit Brix?
Antwort: Wenn ich ehrlich sein soll, sind das beides Kollegen, die Partys nicht unbedingt brauchen. Auch in der Arbeit vergleiche ich die beiden nicht. Beide sind, rein spielerisch gesprochen, interessante Persönlichkeiten. Was „Nord Nord Mord“ angeht, stelle ich die größte Veränderung an mir selbst fest.
Frage: Wieso denn das?
Antwort: Als ich mit Robert gearbeitet habe, war ich noch ein ganz anderer Spieler, viel unerfahrener und kleiner. Wenn ich mir angucke, wie Julia Brendler und ich da aussahen – wir waren Babys. Und je mehr ich erzähle, desto klarer wird mir: Es geht mir heute immer weniger um das, was wir machen. Und immer mehr darum, mit wem ich es mache. Früher habe ich nur an das Resultat gedacht. Heute sehe ich die Lebenszeit, die ich da verbringe. Nächstes Jahr werde ich 50. Vielleicht sind das so die Gedanken, die in diesem Alter aufpoppen.
Frage: Finden Sie auch, dass sich der 50. Geburtstag viel einschneidender anfühlt als der 30. oder der 40.?
Antwort: Ja, schon, weil der körperliche Verfall langsam einsetzt. (Lacht.) Sicher ist das Alter auch ein Grund für das Bühnenprogramm, mit dem ich unterwegs bin: „Wnuk denkt laut und liest was vor“. Da lese ich eigene Texte und spreche spontan über Dinge, die mich beschäftigen: über das Single-Dasein, über Heimat oder eben über meine neue Leichtigkeit, mit weniger Dingen zu leben. Das ist so ein offenes Nachdenken darüber, worum es für mich noch gehen könnte – als Mensch, in Paarbeziehungen, beim Spielen. Wo sind die Ziele? Gibt es die überhaupt noch? Wie viel Kraft habe ich noch? Und wie viel Lust?
Frage: Worauf haben Sie denn Lust?
Antwort: Ich habe Lust, mich mehr und näher mit meinen Potenzialen auseinanderzusetzen. Ich möchte mehr machen, als schnöde Texte auswendig zu lernen und vor der Kamera zu agieren. Wobei mir natürlich klar ist, dass die Möglichkeit dazu schon ein großes Glück in meinem Leben ist. Aber macht mich eine Rolle in „Nord Nord Mord“ im Innersten aus? Oder gibt es eine andere Essenz, an die ich noch näher rankommen kann? Und wenn ja: Wie verdiene ich mit der mein Geld? Und wie lerne ich, Nein zu sagen? Das sind so Themen, die mich beschäftigen. Vielleicht, weil ich 50 werde. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich wieder allein lebe.
Frage: Zu was haben Sie denn zuletzt Nein gesagt?
Antwort: Ich kann mich nicht daran erinnern.